Un(i)behagen oder: Halbzeit ist!

Ihr habt es mitbekommen, ich studier ja in der Pension wieder. Gender Studies. Weil interdisziplinär, interessant, gesellschaftlich relevant, und: ich kann erstmals in meinem Leben ohne die Sorge, wie ich meine Miete und mein Essen bezahle, einfach auf der Uni sitzen und mich geistig beschäftigen. Das weiß ich zu schätzen und ich genieße das auch außerordentlich.


Der Vorteil des Alters, der Übung und des langen Berufslebens ist natürlich, dass ich diszipliniert und erfahren recherchiere und lernen kann, sowieso fast mühelos schreib, sowieso mühelos präsentier, auch die nicht geliebten Gruppenarbeiten erledige (weil IMMER 1e/r dabei is, die/der genau nix hackelt).
Der Nachteil ist, dass ich alles außer „sehr gut“ als persönliche Niederlage empfinde, aber das kam erst einmal vor, noch dazu bei einer multiple choice VO Prüfung. (Schande über mich)
Alles in allem bin ich also happy as can be.


Aber langsam beschleicht mich ein Unbehagen. Im letzten Semester hatte ich Glück. Interessante, lehrreiche Veranstaltungen, wunderbare Lektor:innen. Die Wortmeldung einer Studierenden im Seminar zu Filmkritik, sie hätte „Barbie“ in ihrer Arbeit zwar zitiert bzw besprochen, aber nicht gesehen und sei stolz darauf, hielt ich für das Phänomens eines auch an der Uni existierenden Narrensaums, (den es 1979 auch schon gegeben hatte) bzw für das Recht auf Irrtum, das einem jugendlichen Geist, der von Erkenntnisdrang, Eile und Überzeugung durchdrungen ist, zuzugestehen ist. Ohne diese jugendlichen Geister, die alles in Frage stellen, alles neu bewerten und alles, alles abschaffen wollen, weil sie wissen, wie die Welt zu sein hat, und zwar HEUTE NOCH!, wäre gar nie was weitergegangen. (Die Lektorin reagierte dementsprechend)


Aber.
Wenn das damals, 1979, passierte, kam es zu einer akademischen Diskussion. Die war manchmal hart. Und sie war fruchtbar.
Heute passiert aber: nichts. Oder kaum etwas.

Dieses Semester habe ich weniger Glück. In einem Seminar beschwerten sich Studierende bei der Lektorin über die vorige Einheit, wo über Fluchterfahrung, Missbrauch und Gewalt gesprochen worden war. Sie solle doch dafür sorgen, dass das nicht mehr ausgesprochen werde. (Was ein bissl schwierig ist in einem Seminar, in dem es um „Kinder, Sex und Gender“ geht. Aber das ist zweifellos nur meine Sicht.) Die Lektorin nahm das zum Anlass, uns das ans Herz zu legen, denn jeder fühle sich von etwas anderem getriggert und außerdem hätten die beiden Studierenden angeregt, Leuten nicht so viel Raum zum Sprechen zu geben, daher würden Teilnehmende, die schon etwas gesagt hätten, erst nach allen anderen wieder dran kommen. Auch das hielt ich noch für einen Beweis, dass jeder Mensch das Recht auf Irrtum hat, und dass dies besonders oft für Lehrpersonen und/oder Vorgesetzte gilt. (Immerhin habe ich diesen Satz schon hunderte Male in Train the Trainer Ausbildungen und in Führungskräfteseminaren selbst gesagt.) Im nächsten Seminar dann beschwerte sich eine Studentin bei der Professorin, dass sie bei einer sich (endlich mal!!!) entfaltenden akademischen Diskussion nicht eingegriffen habe, der Kollege sei zu einer anderen Studierenden sehr aggressiv gewesen. (Diese hatte ihm als Feedback zu seiner Forschungsskizze gesagt, er hätte „Theorien und Wörter benutzt, die sie gar nicht kenne.“ Ich schwöre, das denke ich mir nicht aus. Seine Antwort war sachlich, ich bewundere ihn heute noch dafür.)
Mein Unbehagen wuchs. Aber okay, ich bin alt. Ich bin harte, sachliche Diskussionen gewöhnt, dieses Herumeiern kann ich nicht. Sag ich halt im Fall wenig(er), dachte ich mir.

Jetzt ist es aber auch in einem weiteren Seminar passiert: Im Rahmen der vorgeschriebenen Präsentation erklärt eine Studierende, sie habe Käthe Leichter aufgrund ihrer Lebenserinnerungen (das war das Präsi-Thema) als Antifeministin und Antisemitin identifiziert.
Akademische Diskussion? Weit gefehlt. Die Lektorin schwang sich zu einem halb gehauchten „Ich würde das nicht so sagen, aber interessante Position, das ist vielleicht weil Gender Studies…?“ Meinen Beitrag in der Zweiergruppe hörte die Studierende mit und erklärte sich dann für „gekränkt“.
Die Lektorin stieß umgehend eine Diskussion an, in der Quellen, Quellenstudium, Einordnung in den historischen Kontext etc besprochen wurden. Ach so, NEIN, das habe ich mir herbeihalluziniert.
Sie ermahnte uns, doch darauf zu achten, dass wir niemanden verletzen mit unseren Worten.
(Die Behauptungen, eine Sozialwissenschaftlerin, die ihr gesamtes Leben der Verbesserung des Lebens für Frauen gewidmet hat und als Jüdin und Antifaschistin von den Nazis ermordet wurde, blieben stehen.)


Mein Unbehagen wächst. Weil ich mich kenn. (Ihr kennt mich auch)

Sagen, was ist“

Rosa Luxemburg


SO gehts nicht. Das ist nicht Uni, das ist ein Bällebad in einem Orwellschen Kinderspielparadies. Bestenfalls.

Das ist intellektuell unredlich, beleidigt die Würde des Hauses und ist überdies eine brandgefährliche Entwicklung.

Schau ma mal, wie das nächste Semester wird. Ich hoffe, (für die Anderen, weil mich grantig machen ist eine ziemlich blöde Idee) dass das Proposalseminar und die paar anderen Sachen, die ich noch brauch , erfreulicher sind. Dann ist eh nur mehr die Masterarbeit. (Und dann geh i mit dem Ministerium streiten, dass i MISTRESS of Arts bin, ned Master 😉 )
Sonntags-Rant Ende.

Kommentar verfassen