An der Nummerierung sieht man schon – ich habe mehrere. Das geht ganz von alleine, wenn man eine Zeit lang unterrichtet – sie springen einen quasi an, ob man will oder nicht.
1987, nach ein paar Monaten Unterricht in der Volksschule im 17. wusste ich ein paar Dinge:
1. Für die anderen waren wir „die Komischen vom 3. Stock“, weil wir klassenübergreifend und überhaupt ganz anders unterrichteten im Schulversuch
2. Die alte Kollegin, ebenfalls im 3. Stock, war allseits gefürchtet – man hörte sie mit den Kindern schreien, und zwar täglich. Die konnte eine Stunde durchbrüllen. Die Kolleginnen fürchteten sie auch, aber man durfte „nichts gegen sie sagen“, da waren sich alle einig.
3. Von der Direktorin war keine Unterstützung zu erwarten . (Damals hielt ich das für eine Ausnahme, was war ich naiv!)
Ich musste an ihrer Klasse vorbeigehen, wenn ich kam und wenn ich ging, oder wenn ich auf die Toilette musste. Die Klassentür war meist offen, damit ein bissl Luft in die Klasse kam.
Eines Tages beobachtete ich beim Vorbeigehen, wie der alte Pater N., der dort den Religionsunterricht hielt (und der, wie mir alle Kolleginnen gleich warnend erzählt hatten, ein besonders guter Freund der Brüll-Kollegin sei) den kleinen Mädchen, hinter ihnen stehend oder vorbeigehend, die Hand vorn in die Bluse steckte und sie „streichelte“, während sie ein Gebet abschrieben oder das liebe Jesulein zeichneten.
Leider war ich noch sehr jung und unerfahren. Daher ging ich völlig schockiert sofort zur Direktorin, um diesen ungeheuerlichen Vorfall zu melden.
Was passierte dann? (Die erfahrenen KollegInnen wissen es, die nicken jetzt, ich weiß es!)
- Die Direktorin erklärte mir, ich hätte mich sicher verschaut.
- Die Brüllkollegin stellte mich eine Stunde später und brüllte, ich solle „in der Sekunde aufhören, einen Mann Gottes zu beschmutzen“
- Die anderen Kolleginnen erzählten mir „ganz im Vertrauen, das sei allgemein bekannt, aber man dürfe nichts gegen die Brüllkollegin und nichts gegen den Pater N. sagen“
Sonst passierte – nichts. Außer, dass ich kündigte.
Viel später, in den AMS Maßnahmen für Jugendliche, so ab dem Jahr 2000, war ich wieder und wieder mit den Missbrauchsopfern der „Männer Gottes“ konfrontiert.
Ich unterrichtete überproportional viele Kinder aus Heimen und WG`s, klar, weil die am wenigsten Förderung bekommen hatten, aus furchtbaren Verhältnissen kamen, bereits straffällig geworden waren, unter mehrfacher Deprivation litten.
Die aus den katholischen Heimen (vor allem aus einem) waren missbraucht worden, meist bis vor kurzer Zeit, ich bekam sie ja mit 16, 17, da wurden sie dann den Patres zu alt, zu wenig kindlich. Ich erfinde das nicht und ich übertreibe auch nicht. Ich sah ihre Akten, weil ich mit ihren SozialarbeiterInnen und ihren PsychiaterInnen, TherapeutInnen etc. in Kontakt war.
Buben, die missbraucht werden, reden schwer bis kaum über das Verbrechen, das an ihnen begangen wurde.
Sie werden süchtig oder gewalttätig, sie verschließen sich, sie versuchen Suizide, sie bleiben weg – also ist man ihnen immer hinterher und in dauerndem Kontakt mit ihren anderen Betreuern.
Ich war auch als „Sozialpädagogische Betreuung“ in Maßnahmen für Erwachsene eingesetzt – und auch dort traf ich sie wieder – die 40 – 60jährigen Männer aus dem berüchtigten Kinderheim in Niederösterreich, die ehemaligen Schüler der feinen Privatschule im nördlichen Wien, die ehemaligen Insassen der katholischen Heime – ich las ihre Akten und half ihnen bei den diversen Eingaben an die Behörden.
Muss ich extra dazusagen, dass sie oft seit Jahrzehnten gegen die „Windmühle Staat“ kämpften?
Jetzt erst habe ich zufällig gehört, dass einige als Opfer endlich anerkannt wurden und eine kleine Rente bekommen.
(Die Sozialarbeiterin am SPZ sagte einst sehr treffend: „Ja, wennst als Kind den Katholizismus bekommen hast, dann hast dein ganzes Leben was davon“)
Die Schuld, damals, 1987, diesen Arschlochpater nicht sofort gestellt zu haben und nicht genügend lang gekämpft zu haben, trage ich immer noch.
Aber ihr könnt euch sicher sein, niemand ist mir seither entkommen, der irgendeinem Kind oder einem bedürftigen Erwachsenen Unrecht getan hat. (Da können einige KollegInnen und DirektorInnen ein Lied singen davon)
Hol dir Hilfe, egal, ob du selbst betroffen bist oder eine_r deiner Schüler_innen:
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