Kinder hören, wie sie sprechen –

…und sie sprechen, wie sie hören.

Das hat mein Professor in der Ausbildung damals gesagt. Ich konnte das in den folgenden Jahrzehnten sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen immer wieder sehen (und hören, und: lesen)
Etwa bei dem Buben, den sein Vater mir zur Nachhilfe bringen wollte – ich schau mir jedes Kind vorher allein an – und bei dem nach zehn Minuten klar war – er hört schlecht. Was er auch erzählte, er verschliff p, t und k, manchmal auch die Anlaute, häufig die Endlaute.
Als der Vater wiederkam, sagte ich ihm, dass sein Sohn keine Nachhilfe benötige, sondern vermutlich eine Hörhilfe. Er war empört – ja, bei seinem Sohn sei schon vor einem Jahr eine Mitteltonschwerhörigkeit festgestellt worden, aber da könne man halt nichts machen.
(Kann man natürlich doch. Eltern sind ein eigenes Kapitel)
Wir schieden nicht als Freunde, denn ich wollte nicht Geld für Deutschnachhilfe nehmen, wenn die nichts nützt – wie soll der arme Bub die Ansage in der Schule denn besser schreiben, wenn er sie nicht besser hört?

Oder bei den Erwachsenen, die ich in der TrainerInnenausbildung hatte. Es ist, im Vergleich, super einfach, eine Fachfrau raus aus Favoriten zu bringen und ihr Didaktik beizubringen und einen Fachmann aus Ottakring und ihn Präsentationstechniken zu lehren – aber es ist furchtbar schwierig, aus der Fachfrau und dem Fachmann Favoriten bzw. Ottakring rauszubekommen.
(Das ist jetzt natürlich rein deskriptiv, ich hätte das auch mit einem Beispiel von meinem Stamm machen können, gell! Dialekt, Soziolekt, ja eh, ich wollts euch hier ersparen.)
Da nutzt die ganze Überei of nichts – dem und den verwendens ewig so, wie sie es gehört haben seit der Geburt. Grammatikalisch falsch, Wienerisch richtig.

Meine eigene Tochter, (die ich sehr bewusst und penibel ohne Dialekt erzogen habe), hatte ebenfalls für ein paar Jahre einen Grammatikfehler: Sie sagte beharrlich „Können wir nach Prater gehen, bitte?“
Das war ihren Kindermädchen geschuldet – sowohl Slatka als auch Dita machten diesen – verständlichen – Fehler. Sie hörte es eben oft. Das prägte sich ein.

Und heuer erst, in der „Sommerschule“, wo ich unglaublich herzige ErstklässlerInnen unterrichten durfte, erlebte ich es wieder. Ich hatte, für die Stationen (Offenes Lernen, no na!) einfache Arbeitsblätter vorbereitet.

Richtig gut lesen lernt man, wenn das „Wortbild“ sitzt (dazu ein andermal mehr) – und richtig schreiben lernt man, wenn man das gesprochene Wort in Silben zerlegen kann, wenn man das, was man hört, aufs Papier bringen kann – und erst dann lernt man die gefühlt hunderttausend Ausnahmen und Rechtschreibvorschriften.

Um das aber überhaupt zu erlernen, muss das Kind den Begriff dazu haben. Drum arbeitet man ja auch mit Bildern – damit der Begriff, sollte der noch nicht da sein, gebildet werden kann im Hirn.

„Specht“ und „Mütze“ waren z.B solche noch nie gehörten Begriffe. Wir schauten ein Video über einen Specht, dann wars klar, und die „Mütze“ übersetzten wir mit „Haube“.
Wenn man Wörter erklären muss, können sie aber nicht als Beispiel für eine Schreibweise dienen. Der „Specht“ hilft mir nur, wenn ich gehört und internalisiert habe, dass man den mit einem „sch“ spricht , aber dann nur mit „S“ und mit einem super hart gesprochenen „p“ schreibt.

Okay, wir wurstelten uns so dahin. Am nächsten Tag brachten mir mindestens die Hälfte der Kinder das ausgefüllte Blatt „ö, ü oder ä“.

Lüwe

hatten sie ausgefüllt. So sprachen sie das Tier auch aus. Denn ihre Eltern – bemüht, mit ihnen „zu Hause nur Deutsch! “ zu sprechen, hatten es ihnen vorgesprochen. „Leeeewe“. Daraus machten sie, ein Rechtschreibgewissen entwickelnd, das einzig Logische. Den Lüwen.

Solln sich bemühen halt? Solln gscheit Deutsch lernen? Ja, Hasen, dann versucht mal das da. Laut, deutlich, gschwind. Weil Englisch habts ja alle ghabt in der Schul, oder?

Dearest creature in creation,
Study English pronunciation.
I will teach you in my verse
Sounds like corpse, corps, horse, and worse.

I will keep you, Suzy, busy,
Make your head with heat grow dizzy.
Tear in eye, your dress will tear.
So shall I! Oh hear my prayer.

Just compare heart, beard, and heard,
Dies and diet, lord and word,
Sword and sward, retain and Britain.
(Mind the latter, how it’s written.)

(‘The Chaos’ von Gerard Nolst Trenité, die ersten drei Verse)

(So soll es sich anhören: https://www.youtube.com/watch?v=1edPxKqiptw)

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