Leute, wir müssen über das Phänomen des „Gerechte-Welt-Glaubens“ reden. Und über die politische Agenda, die sich seiner bedient. Und über Hannah Arendt.
Es ist schon wieder etwas passiert.
Ein Agent der „neu-amerikanischen Gestapo“, aka ICE, erschießt vorsätzlich eine Frau und quittiert dies befriedigt mit „fucking bitch!“ Die Gestapo, aka ICE, veröffentlicht das gesamte Video – zur Abschreckung. Dann erwürgt in der Stmk ein Mann eine Sexualpartnerin und verscharrt sie in einem Erdloch. Irrtümlich, wie er sagt. Einen Tag später wird bekannt, dass ein weiterer Mann in Nö ebenfalls seine Freundin erwürgt hat.
Und in allen drei Fällen zeigt sich umgehend das Phänomen des „Gerechte Welt Glaubens“. Zur Angstreduktion (und manchmal durchaus auch zur inneren Erlaubnis, untätig zu bleiben) sagen sich die Menschen, dass das Opfer sein Schicksal wohl irgendwie verdient haben werde – denn:
„guten (braven, anständigen, gottesfürchtigen, ordentlichen) Menschen „passiert sowas nicht.“
(Spoiler: Doch. Passiert. Sehen Sie sich um.)
Das ist der Grund, warum eine Menge Leute, die man für orientiert gehalten hatte, jetzt „schlüssige Erklärungen“ fabrizieren, warum ein Nicht-Exekutivorgan der US Behörden diese Hinrichtung (durchs offene Seitenfenster per Kopfschuss) quasi durchführen musste – diese fucking bitch ist selbst schuld gewesen. Die linke Aktivistin. Lesbisch wars auch noch.
Im Fall des Elitepolizisten und Athleten aus der Steiermark sehen wir exakt dasselbe Phänomen –
na ja, es gäbe ja auch wirklich viele Frauen, die provozieren und am Watschenbaum rütteln würden,
schreibt z.B. ein Männchen des Kommentariats unter den Zeitungsartikel. oder:
„Sie genoss einen ungezwungenen Lifestyle“,
schreibt das Sprachrohr der Gruppen unter der Respektabilitätsgrenze (siehe Bourdieu), aka „heute“. Das hat sie also jetzt davon. (Kennt ihr Wilhelm Busch, Die fromme Helene?)

Der „Gerechte Welt Glaube“ ist auch in Unternehmen und in der Schule weit verbreitet.
„Der „Herr Stadtschulrat“ (jetzt: Bildungsdirektion) werde sich ja wohl etwas dabei gedacht haben“,
maßregelten Kolleginnen andere gern, wenn wir Erlässe wegen absoluter Lebensfremde kritisierten. (Spoiler: Nein, hatte er nicht. Erlässe alterten oft schneller und schircher als jede Praterhur und wurden ebenso schnell wie diese ersetzt.)
Dieselben Kolleginnen redeten sich aber gern auf den Herrn Stadtschulrat aus, wenn sie etwas nicht entscheiden wollten – sie hätten „eh beim Stadtschulrat/der BD angefragt“.
Als ob die in den vergangenen 50 Jahren auch nur ein Mal rechtzeitig und hilfreich irgendwas entschieden hätten.
In Unternehmen glaubt man oft und gern, dass „die da oben“ sicher wüssten, was sie täten. (Spoiler: Jahre in der Unternehmensberatung verleiten mich zu: Mal so, mal so.)
Gleichzeitig zeigen Führungskräfte gern nach oben und sagen: Ich habe das nicht entschieden! (Dazu sagt der Sprenger: Wer immer nur nach oben zeigt und sagt, dass er ja nichts dafür könne, der stiehlt. Sich. Aus der Verantwortung. Denn irgendwann hat er JA gesagt zu dem Job)
Und Regierungen wollten immer schon gern, dass man ihr Tun nicht in Frage stellt.
„Ich habe ja nur meine Pflicht getan!“,
bzw. „Die hams mir angschafft, was konnte ich schon machen?“
sind die Aussagen, die den „Gerechte Welt Glauben“ und die persönliche Erlaubnis, untätig zu sein oder etwas moralisch Fragwürdiges zu tun, miteinander verbindet.
Hierher gehört auch die „Idee“, dass es im Krieg „keine Unschuldigen gibt“. Wie entlarvend doch diese Aussage ist!
Genauso wie die bereitwillige Akklamation des US Regimes, anderer Diktatoren, brutaler Gewalt, unberechtigter Landnahme und und und…
(Spoiler: Bravorufe nützen euch nichts. Die kommen auch, um EUCH zu holen.)
Ist es schon zu lang? Ja? Dann komm ich zu Hannah Arendt. Die hat gesagt:
„Niemand hat das Recht zu gehorchen“
Ich nicht. Du nicht. Ihr nicht. Hinterfragen wir laut, statt etwas hinzunehmen. Und:
Sagen wir, was ist.
(Das bleibt immer noch die revolutionärste Tat, sagte Rosa Luxemburg)
Ah ja, und ich entschuldige mich bei den Praterhuren.