Ich hab so einen Hass, ich hab so eine Wut, ich bin total im Recht.

..und ich hab sehr lange überlegt, ob ich diesen Artikel schreiben soll/kann/darf. Aber meine Freund:innen da draußen posten die ganze Zeit – und drohen einander den Rauswurf aus der jeweiligen Freundesliste/die totale Blockierung/jedwede gesellschaftliche Sanktion an.

Das ist der Zeitpunkt, an dem ich etwas dazu sagen muss und ihr werdet mich hassen.

Disclaimer 1: Ich werde euch nicht den Nahostkonflikt erklären. (Das könnt ihr, sehr leicht und gut, euch vom „Mr Wissen 2 go“ hier erklären lassen: https://www.youtube.com/watch?v=2HjRnr3AfFo, den ich btw. auch allen Schüler:innen für alle geschichtlichen Themen empfehle.

Disclaimer 2: Ich habe persönlich auch für diesen Wahnsinn aus Terror und Krieg keine Lösung.

ABER: Ich kann euch etwas zur „Fabrikation des Feindes“ erklären. (Umberto Eco hat darüber einen Vortrag gehalten bzw. sehr konzis darüber geschrieben. Hier eine Leseprobe, der Text beginnt auf Seite 8 : https://files.hanser.de/Files/Article/ARTK_LPR_9783446239999_0001.pdf
Während Eco Beispiele der Klassiker verwendete, erzähle ich euch aus meiner Jugend.

1961 in Klagenfurt geboren, wuchs ich in einem Familienverband auf, der durchaus politisch war – mütterlicherseits waren die Roten, väterlicherseits aber die Schwarzen. Tagepolitik war immer Gesprächsstoff am Küchentisch, laute Schreiduelle zwischen den oft (davor und danach) jahrelang verfeindeten Familienmitgliedern waren an der Tagesordnung.

Ich, die zweite Gymnasiastin in der Familie (der angeheiratete Onkel war Prof an der HAK) hatte natürlich „die Weisheit mit dem Löffel gefressen“ und zu allem eine Meinung. Mit 15 war ich eine überzeugte Rote, weniger wegen der dahinterliegenden Ideologie, sondern wegen der mir selbstverständlich erscheinenden Forderung nach Gerechtigkeit für alle Menschen. Und zwar einer, die jetzt und hier auf Erden stattfinden sollte, und nicht irgendwann in einem dubiosen „Himmel“.

Kärnten war zu der Zeit (und ich bin mir nicht sicher, ob sich das so wahnsinnig geändert hat) absolut nationalistisch. „Kärnten frei und ungeteilt“ war ein Spruch, den wir schon im Kindergarten lernten. Am 10. Oktober, dem Feiertag zur Abstimmung, weil „Kärnten bei Österreich bleiben konnte“ hielten wir die im Kindergarten und später in der Schule gebastelten Fahnen in den Wind und standen in unseren Dirndln und Kärntner Anzügen am Straßenrand, um die Aufmärsche zu bejubeln.
Prominent vertreten (nicht nur an diesem Feiertag) war der „Kärntner Heimatdienst“, der eine Zeitung herausgab und gefühlt jeden Tag vor einer Annexion Kärntens durch „Tito-Jugoslawien“ warnte. Den KHD und seine Vertreter hielten meine Freund:innen und ich für geifernde, alte Männer, über die wir den Kopf schüttelten, denn es gab ja eh keine slowenischsprachigen Kärntner. Erstens kannten wir keine, zweitens war dies das einzige Narrativ, das wir seit dem Kindergarten gehört hatten. (Bevor ihr aufschreit. Wir befinden uns im Jahr 1974/75 etwa, da gabs noch kein Internet). Und wenn wir irgendwo flüchtig Menschen begegneten, die slowenisch sprachen, dann waren die sicher „von unten“, also keine Kärntner. Denn „Kärntner können gar kein Slowenisch“.
Das, was offenbar einige alte Frauen und Männer in entlegenen Tälern sprachen, war „Windisch“. Das sei ein Dialekt und nicht Slowenisch.
Muss ich extra erwähnen, dass „Slowena“ oder „Windischer“ zu sein, ein Schimpfwort war?
Eine so nachteilige Herkunft musste um jeden Preis verborgen werden. So untersagte der Opa der Oma, uns slowenische Lieder vorzusingen oder uns die Sprache beizubringen. (Aus demselben Grund hatte die Omi mütterlicherseits meine Mutter zu den Urscheln in die Privatschule geschickt. Sie sollte „schön sprechen“ lernen, denn die Omi war aus Triest und sprach Slowenisch als Mutter- und Italienisch als Schulsprache)
Sorgsam wurde darauf geachtet, uns Kinder ja nicht mit einer dieser Pfui-Sprachen in Berührung zu bringen. Wo die beiden Großmütter geboren waren, war eine etwas peinliche Tatsache, über die man besser nicht redete.
Über den Krieg redete die Familie natürlich auch nicht. Gelegentlich saß der Opa die ganze Nacht auf dem Dachboden, schaute aus der Tür raus und hielt sein Gewehr in der Hand, aber hey, es war ja nichts. Muss man ja nicht darüber reden.
Wenn ich sie sehr lang bearbeitete erzählte die Tante, dass der Opa „von den Partisanen“ gesucht worden sei zu Kriegsende. Die Partisanen und die „Slowena“, das waren die Feinde. (Der Opa hatte auch noch die „Katzlmacher“, also die Italiener zum Feind, aber darüber erfuhr ich nie Einzelheiten)
Alle schlechten Eigenschaften hatten sie. Sie waren verschlagen, brutal, wollten uns Kärnten wegnehmen, unsere Traditionen abschaffen, spuckten auf die Entbehrungen und auf den Kampfesmut unserer Vorväter und und und.

Ich war sehr froh, dass es die nicht mehr gab. Die Tante war einmal ganz außer sich, weil ihr Halbbruder mit seiner Frau „zu Hause nur slowenisch“ spräche. Sie brach mit ihm den Kontakt auf Jahre hinaus ab. Ich verstand auch gar nicht, warum die beiden zu Hause eine Fremdsprache sprechen sollten. Weil ich das aber nur zufällig mitgehört hatte, konnte ich nicht fragen.

Über andere Dinge wunderte ich mich auch: Plötzlich las man, dass die Geistlichen in Unterkärnten die Messe auf slowenisch hielten. Die Empörung war groß, dass man offenbar Leute „von unten“ eingeschleppt hatte. Weil – Kärntner konnten das ja keine sein.
Ich war sehr für Toleranz, hielt aber die Forderungen nach durchgehender Zweisprachigkeit auf Ämtern etc für echt überzogen, weil für so ein paar Leute, die noch dazu gar nicht von hier waren…
Als ich maturierte erfuhr ich erstmals, dass einer meiner Mitschüler auch in Slowenisch maturierte. Niemand hatte gewusst, dass er diese Fremdsprache konnte!
Bei einem Spaziergang durch den Ort raunte die Tante: „Schau, die Häuser da haben die Slowena gekauft!!!“, und irgendwie war mir mulmig, weil – war das jetzt der Beginn der Übernahme oder wie? Sollten die vom KHD doch recht haben?

Und dann war ich 18 und ging nach Wien.

(Der Vollständigkeit halber sollte ich noch erzählen, dass der KHD (Kärntner Heimatdienst) noch 2001 eine Unterschriftenaktion startete „gegen die Verpflichtung, weitere Sühnegelder zu bezahlen“ Zitat:  „Wir haben genug gesühnt für Verbrechen, die wir nicht begangen haben.“ Der KHD habe seine Unterschriftenaktion gegen „Kollektivschuld und Sippenhaftung“ gestartet, „weil es die Menschen endgültig satt haben, tagtäglich mit Nazi-Greuel konfrontiert zu werden“. Mit der medialen Präsenz der NS-Verbrechen werde „ein zerstörerischer kollektiver Selbsthass einer Nation einzuimpfen versucht“.
Nur falls irgendwer Zweifel hatte, wes Geistes Kind die sind.
Ebenso sollte ich erzählen, dass es in Kärnten, so wurde es mir beigebracht, natürlich weder Juden noch Nazis gegeben hatte. Jemals. )

Im Studentenheim in Wien lernte ich sehr rasch, dass es noch eine völlig andere Geschichtsschreibung gab.

Die Initialzündung war ein Plakat – der Partisanenchor war in Wien und kündigte einen Auftritt an.
Ich schwankte zwischen Unglauben, Verwirrung und Empörung – da! DA WAR DER FEIND!!! Wieso durften die einreisen/auftreten/frei herumlaufen???

Die Leute im Studentenheim gaben mir Tschapperl dann was zu lesen und erzählten mir ein bissl was.
Dass Slowenisch nicht fremd, sondern heimisch ist.
Dass etwa 40% der „Slowena“ bei der Abstimmung damals für den Verbleib bei Österreich gestimmt haben mussten.
Dass slowenische Bauernfamilien in der Nazizeit zwangsumgesiedelt worden waren und ihre Höfe an „Arier“ gingen.
Dass die „typische Kärntener Traditionen“ sowohl bei den „Slowena“ als auch bei den ganz ganz argen „Deutschkärntnern“ aber genau gleich ausschauen.
Der Herzogstuhl und die Prüfung des Herzogs – (DIE identitätsstiftende Erzählung für den Stolz der Kärntner! ) war auch eine lückenhafte Erzählung gewesen – denn sie erfolgte in slowenischer Sprache.
(Ich genierte mich zusehends für meine Blödheit)
Noch viel später dann lernte ich, dass es in Kärnten, beim Loibl, eine Außenstelle des KZs Mauthausen gegeben hatte.

Wie konnte das sein, dass niemand in Kärnten, weder im Gymnasium noch in irgendeiner politischen Organisation, über diese Dinge gesprochen hatte? War das eine Verschwörung von Menschen, die mich und alle anderen dort bewusst manipulierten?
Nein, es war viel einfacher:

Die Segregation war perfekt. Slowenischsprachige verbargen ihren „Makel“, so wie ja auch in meiner Familie.
Bewusst ließ man natürlich Teile der Geschichte aus – weder in den Schulbüchern, noch in den Erzählungen der Eltern und Großeltern, kam der Krieg, die Kriegsverbrechen, der eigene Anteil an diesen etc zur Sprache. Und zwar bei niemandem. Das Narrativ war in sich völlig konsistent. Daran Zweifel zu haben wäre nur was für Paranoiker: innen gewesen.
Schon nach einer Generation war dann das Wissen verschwunden, das geschönte Narrativ wird noch immer weitergetragen.

Mir war also klar, wer der Feind ist. Bis ich mehr wusste.
(Ganz viele andere wissen es aber immer noch nicht. Für die ist der Feind ganz klar. Die kommen auch da alleine nicht raus.)

Warum musstet ihr diesen Sermon lesen, bitte?

Weil in Wien auf der Straße die Tschapperln tanzen und „Tod allen Juden“ brüllen. Weil auf social media auch sonst orientierte, herzensgute Personen verlangen, dass man den Gazastreifen doch bitte einfach platt machen solle – und gut seis.
Diejenigen, die vorsichtig einbringen, dass beide Seiten…….WER DAS SAGT DEN ENTFREUNDE ICH!
Und schon ists vorbei.

Krieg, Terror, Gewalt gegen Zivilbevölkerung, Maßnahmen gegen Zivilbevölkerung, Vergeltungsmaßnahmen. Aug um Aug, Zahn um Zahn.
Alles ein Irrsinn, unwürdig eines jeden Menschen.
Und a Menge Leute, die etwas davon haben.
(Das sind btw dieselben, deren Kinder fix NICHT grad sterben, grad töten und eventuell ein bissl später sterben)
Und nochmal nein, ich habe keine Lösung, wenn ich eine hätt, wär ich irgendwo in der Politik und tät versuchen, diese durchzusetzen.

Aber ich weiß, warum die tanzenden Tschapperln auf der Straße sind – die sind nämlich geistig nie „nach Wien gekommen“, beziehen ihr Wissen aus „heute“ (wenn wir Pech haben) oder von einem Prediger (wenn wir noch mehr Pech haben), haben überhaupt kein neutral aufbereitetes Geschichtswissen und können oft auch Lateinschrift schlecht lesen – was den Erwerb von „neutralem“ Wissen auch nicht gerade fördert….

Denen ist immer noch völlig klar, wer der Feind ist. (Den anderen auch, natürlich)

Sie haben ja auch beide eindeutige Beweise dafür. Tote, Geschändete, Verschleppte…

(Mir fällt grad „Nemesis“ ein, eine Voyager Folge, aber das ist für die SF Nerds hier)

Meine Gedanken sind bei einer Freundin in Tel Aviv und vor allem bei ihren Kindern, (die für diesen Scheißdreck nix können), weil die sind sicher bereits zum Militär eingezogen worden. Und meine Gedanken sind bei der Familie von meinem palästinensischen ehemaligen Schüler (die für diesen Scheißdreck nix können), weil die sind grad auf der Flucht. Oder schon tot.

Oder sie stehen einander gegenüber.

Was dann?





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