Leute, da hab ich geglaubt, wenn man alt wird, kommt einem die Weisheit einfach automatisch. Vornehmlich die, die einen milde, verständnisvoll und verzeihend werden lässt.
Ich weiß auch nicht, wie ich auf sowas gekommen bin, ich KENN doch viele alte Leute, und da sind ein paar feste Tschriersche dabei, ein paar ganz unaushaltbare und furchtbare Treapen. (Ich hab ja einen Bildungsauftrag: Ihr dürft gern googeln. 1. Hinweis: Dialektale Bezeichnungen von Manns-bzw. Frauenspersonen mit bestimmten Charaktereigenschaften bzw. Verhaltensweisen. Wer weiß, von welchem Stamm ich bin, ist im Vorteil ;-). 2. Hinweis: Das sind keine Tschappalan, weil diese wissen es, mangels kognitiver Fähigkeiten, ja nicht besser.)
Wann komm ich endlich zum Thema, fragt ihr euch? Jetzt.
Wir haben einen Anlassfall. Schon wieder. Oder noch immer. Wieder kommt raus, dass Männer Frauen zu Handlungen zwingen, die diese nicht woll(t)en. Mit und ohne KO Tropfen. Ja. Rammstein und Konsorten.
Sexuelle Übergriffe, die im eigentlichen Sinn Machtdemonstrationen sind.
(„Di fick i aa no!“ war ein häufiger, zwischen den Zähnen herausgezischter Spruch mir unterstellter Männer in diversen Arbeitsverhältnissen. Immer, wenn sie sich nicht gegen die Anordnung einer Frau wehren konnten, kam das. Vermutlich auch mir gegenüber, aber da warens natürlich zu feig, um mir das direkt zu sagen)
Wir Frauen kennen, sobald wir in die Pubertät kommen, bald alle Spielarten der sexualisierten Machtdemonstrationen:
Angetatscht werden, wenn man an irgendwem vorbeigeht, „gestreichelt“ werden, anzügliche Bemerkungen über den bereits vorhandenen, zu wenig vorhandenen, zu viel vorhandenen Busen/Hintern. „Lustig“ gemeinte Ratschläge von sabbernden, älteren Männern, wie man diesen Zustand ändern könnte/sollte.
Dann, wenn wir fast erwachsen sind, das Gaslighting. Zuerst „Geh sei ned so!“, „Geh, das bildst dir aber ein!“, „Geh, da bist jetzt aber sehr negativ vorgespannt!“
In meiner Generation natürlich auch noch „A bist du jetzt a so a Mannweib, a so a Feministin?“
(Frauen meiner Generation wissen, dass das als Schimpfwort gemeint war und sagen in Diskussionen gern „Ich bin ja wirklich keine Feministin, aber…“)
Und dann im Laufe unseres Lebens, passierts uns mit ziemlicher Sicherheit: Ein sexueller Übergriff. Von der versuchten bis zur tatsächlichen Vergewaltigung.
(Macht doch einen Test: FRAGT mal eure Umgebung. Wem ist schon mal was passiert, und wer kennt jemanden, dem schon mal was passiert ist)
Ich hab erst heuer wieder in der Schule, im Rahmen eines Workshops, die Mädels (alle zwischen 15 und 18) gefragt, wer schon mal belästigt/betatscht/bedrängt/zu etwas gezwungen wurde – und alle zeigten auf. ALLE. Dabei hatte ich so gehofft, dass die Männer was dazugelernt hätten in den letzten 50 Jahren.
Nicht nur, dass die Männer gar nix dazugelernt haben, die Mütter und Frauen dieser Männer haben es auch nicht.
Es gibt ein Phänomen, den „Gerechte Welt Glaube“. Ich zitiere:
Gerechte-Welt-Glaube [engl. belief in a just world], [PER, SOZ], das von Lerner (1980) formulierte und in Dt. v. a. von Dalbert (1996) eingeführte Konzept eines Glaubens an eine gerechte Welt beinhaltet die Überzeugung, dass es auf der Welt grundsätzlich gerecht zugeht und dass jeder letzten Endes das bekommt, was er verdient hat. Der Gerechte-Welt-Glaube leitet sich aus dem Wunsch nach Gerechtigkeit ab, der wiederum dem Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle über das eigene Leben entspringt. In einer als gerecht erlebten Welt sind die «Spielregeln» klar, durchschaubar und antizipierbar. Eine ungerechte Welt erschiene dagegen als bedrohlich und unkontrollierbar, da zu befürchten wäre, dass erlittene Nachteile nicht durch ein gerechtes Schicksal oder durch eigenes Handeln ausgeglichen werden. Sowohl das Gerechtigkeitsmotiv als auch der daraus resultierende Gerechte-Welt-Glaube sind als sozialisationsbedingt interindiv. variierende Persönlichkeitsmerkmale konzipiert. In Kombination mit Hilflosigkeitserfahrungen und geringer Selbstwirksamkeit kann ein starker Gerechte-Welt-Glaube dazu beitragen, dass man Opfer abwertet, ihnen eine Mitschuld an ihrem Schicksal zuspricht, Benachteiligungen bagatellisiert oder rechtfertigt (Viktimisierung, sekundäre). Durch diese kogn. Uminterpretation wird kognitive Dissonanz vermieden und der Gerechte-Welt-Glaube sowie die damit verbundene emot. Sicherheit aufrechterhalten. In Kombination mit wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten kann ein stark ausgeprägter Gerechte-Welt-Glaube dazu führen, dass man die Opfer beobachteter Ungerechtigkeit ausgleichend unterstützt, um so Gerechtigkeit wiederherzustellen.
https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/gerechte-welt-glaube
Diesem Phänomen bin ich in den letzten Tagen und Wochen immer wieder begegnet:
Der Viktimisierung der Opfer – „Die sind je selbst schuld, die mussten doch wissen, was dort passiert“ (Ja, Leute, eh. Die Eltern der Buben, die bei den Schulbrüdern waren z.B., wussten aber auch, dass die dort missbraucht werden, oder? Also selbst schuld. Oder die Ministranten. Weiß man doch, wenn man da hin geht, was passiert! )
Die Bagatellisierung der Opfer – „geh, du übertreibst aber schon!“ Oder, das furchtbare: „Aber das war doch ALS KOMPLIMENT gemeint“
Die Rechtfertigung: Ja wenn du dich so anziehst/so herrichtest/abends unterwegs bist/was trinkst/dort hingehst/ja was hast geglaubt?
Ja was haben die Frauen geglaubt? Dass sich die Männer verhalten wie zivilisierte, erzogene und erwachsene Individuen? Und nicht wie der „Gmoastier“, der sich nicht beherrschen kann, sobald er den Arsch einer Kuh in der Hitze vor sich hat?
Wenn man den Kommentaren vieler Männer und auch FRAUEN glaubt, dann sind die Männer genau das: Wilde Tiere, die sich eben nicht beherrschen können – deshalb müssen die Frauen das übernehmen, weil die können ja den Kontakt vermeiden. Das sind ja die mit dem Hirn. Oder? Und, wenn sie es nicht tun, sind sie selbst schuld und verdienen kein Mitleid. (Tatsächlich in einem Kommentar einer Frau so gelesen.)
Gestehen wir den Schreiber:innen zu, dass sie nicht anders können – der „gerechte Welt-Glaube“ hat zugeschlagen.
Nein, gesteht IHR von mir aus denen zu, dass sie nicht anders können. Ich hab keine Geduld mehr, ich bin seit 62 Jahren auf der Welt und hab diese Scheiße lang genug mitangesehen.
Ich kann, interessanterweise, jederzeit an jungen, hübschen Männern vorbeigehen, ohne ihnen zufällig auf den Arsch zu greifen, ohne ihren Bizeps anzutatschen und „Ja Schatzerl, nicht schlecht!“ zu raunen, ohne ihnen in die Wange zu kneifen und „Maa, du wirst aber mal ein ganz Süßer, Gefährlicher, gell!“. Und ich nahm und nehme auch keine sexuellen Handlungen an Männern gegen deren Willen vor – ich kam und käme auch nie auf die Idee, dass bloße Anwesenheit in meiner Nähe bereits eine Willensbekundung sei. ( AUCH eine interessante, sicherlich pathologische Idee eigentlich!)
Warum kann ich das? Weil ich ein Mensch bin. Sozialisiert, erwachsen, orientiert. Mit den Regeln, den Tabus und den diversen Codes der Gesellschaft, in der ich lebe, vertraut. (Okay, das mit dem sozialisiert ist bei mir tatsächlich etwas fraglich)
Wenn Männer das also generell nicht können (wie ihnen die Kommentator:innen ja unterstellen, weil ja die Frauen „allein dafür verantwortlich“ sind, was passiert und was nicht) – was mach ma dann?
Ist das dann wie bei Hunden, die sich nicht erziehen lassen? Bei denen hilft meist eine Kastration und eine feste Leine (an deren anderem Ende ein:e erfahrene:r Halter:in ist). Freilauf wäre also nicht drin. Und der/die Halter/in würde bestraft, wenn trotzdem was passiert.
Oder bringen wir sie in ein eingezäuntes Gelände, sperren das Türl zu und postieren ein paar Wachfrauen? (He, dann könnt ma Safaris anbieten! In speziell gesicherten Wagen und mit erfahrenen und bewaffneten Tourbegleiterinnen! Ich glaub, das Projekt bereit ich vor – statt geduldig auf Altersmilde zu warten. )
Word♥️ dasselbe denk ich mir schon ewig. Aber das mit der Safari – großartig
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