…schaut ein bissl anders aus als von unten. Aber das wisst Ihr ja mittlerweile.
Ich lese gerade was über die „Wiener Bildungschancen“. Das ist dem Wiederkehr eingefallen, der damit „mehr Chancengleichheit“ an den Schulen erreichen will. In einem Gespräch sagt einer der Beteiligten aus dem Projektteam, dass er sich noch gut an einen spannenden Bienenworkshop erinnere und wie wichtig solche Erlebnisse seien.
700 Euro durchschnittlich pro Klasse gehen sich aus, lese ich. (Gilt nur für Pflichtschulen). Dafür kann man dann unterschiedliche Angebote, die man sonst nicht finanzieren könne, nutzen.
Museumsworkshops, Maßnahmen zur Förderung des Selbstbewusstseins, Angebote zur physischen und psychischen Gesundheit.
Wenn ich nächstes Jahr in einem neuen Projekt bin, kann ich vielleicht auf dieses Geld zugreifen – und das werde ich auch tun. Jeder Cent ist wichtig und notwendig, die interessanten und wertvollen Sachen für die Kids kosten Geld. (Die Sponsor:innen der ok!Klasse wissen das. Ohne sie könnte ich das Projekt nicht bedienen. Sie schaffen ein bisschen mehr Chancengerechtigkeit für Jugendliche, die sonst gar keine solche haben)
Das Vorhaben ist gut und wichtig.
„Mit den Wiener Bildungschancen stärken wir Schulen und ermöglichen Chancen durch spürbare Verbesserungen an Wiens allgemeinbildenden Pflichtschulen. Die vielzähligen Anbieter*innen bereichern den Schulalltag durch unterschiedliche Blickwinkel, Methoden und Zugänge. Dabei war es mir besonders wichtig diesen innovativen Weg zu mehr Chancengerechtigkeit mit allen Beteiligten zu gehen und sorgsam vorzubereiten“, sagt Wiederkehr in der APA Aussendung.
Ich freue mich für jedes Kind, das in den Genuss von mehr Kultur, Kunst, spannenden Erlebnissen, anderen Sichtweisen und generell WISSEN kommen wird.
Laut Wiederkehr bringt das nämlich:
„Mehr Chancengerechtigkeit an allen Wiener Schulen
… Indem Schulklassen verschiedene Expert*innen zu sich in die Klasse einladen oder einen Ausflug vor Ort machen, erweitern sie ihre Lernmöglichkeiten um ein Vielfaches. Neue Lernräume bringen wertvolle Inspiration für den Schulalltag und entfalten die Talente junger Menschen. Externe Angebote fördern die Kompetenzen von einzelnen Schüler*innen und stärken die Klassengemeinschaft. Schüler*innen erhalten die Chance Dinge zu erleben, die sie im Familienalltag vielleicht nicht machen würden, sei es aus finanziellen oder anderen Gründen. Sie sammeln wertvolle Erfahrungen, die sie ihr Leben lang begleiten und bereichern. „
Apropos Erfahrungen, die die Kinder ein Leben lang begleiten.
Im Gegensatz zu dem gütigen und der Wohltätigkeit verpflichteten Ausblick von oben (und Wohltätigkeit ist, laut Pestalozzi, das Ersäufen des Rechts im Mistloch der Gnade) begebt Euch jetzt bitte kurz mit mir nach unten.
Wir wechseln die Perspektive. (Ich weiß, das ist immer so unangenehm. Aber seht es sportlich: Ihr müsst dort unten ja nicht bleiben, nach dem Lesen taucht Ihr wieder mühelos in die Welt oben ein)
Ich unterrichte jetzt den A. Er ist nach dem Semester ins Projekt zugeteilt worden, weil er in der Fachschule „überfordert“ war. Das war die Vorinformation.
Fast sofort erhalte ich Beschwerden über A., bevor ich ihn noch gesehen habe. Er sei „auffällig“.
Also mache ich, als ich an dem Tag in die Schule komme, das Übliche: ich nehme mir seinen SCHE Bogen (für Nicht-Lehrpersonen: das ist der Akt, wo die Zeugnisse, die Anmeldung und alles, was das Kind in der Schule sonst je betroffen hat, drin ist) zur Hand.
Sofort fällt mir, (weil mit gelbem Marker markiert!) auf, dass da Zeugnisse der Allgemeinen Sonderschule drin sind. Außerdem die Aufhebung des Sonderpädagogischen Bedarfs im 2. Semester der 8. Schulstufe und eine Schulerfolgsbestätigung, laut der der Bub in den Hauptgegenständen jetzt nach „AHS Standard“ beurteilt wurde.
(Allerdings finde ich auch handschriftliche Ergänzungen unseres Direktors, dass er unbedingt in die Integration soll – richtig erkannt, allerdings hat sich die Verwaltung nicht darum geschert/es ignoriert/es übersehen)
Für Nicht-Lehrpersonen muss ich vielleicht etwas erklären. Es hat einen Grund, wenn ein Kind einen Sonderpädagogischen Bedarf bescheinigt bekommen hat. Sehr häufig hat dieses Kind kognitive, psychische oder physische Einschränkungen (die Lehrpläne sind natürlich unterschiedlich).
Aber auch eine Menge Kinder mit sozialen Entwicklungsverzögerungen, anderen Erstsprachen oder generell mit Migrationshintergrund werden überproportional häufig in Sonderschulen eingeschult. Nicht mehr so häufig wie früher, vor allem weil der Bescheid erst später, nach der Grundstufe 1, ausgestellt werden darf (außer bei klaren medizinischen Diagnosen).
Das bedeutet: Ein anderer Lehrplan, ein anderer Kenntnis- und Wissensstand als die anderen in der Klasse. Selbst wenn die Einstufung damals falsch war, und das Kind normal intelligent ist (ja, das gibts), fehlen dem Kind viele Lernjahre. In Englisch z.B ALLE.
Es ist völlig unwahrscheinlich, dass ein sonderschulbeschultes Kind innerhalb eines Semesters vom Niveau „Sonderschule“ auf das Niveau „AHS“ kommt. Sorry, dieses Wunder, so sehr sich Eltern das vielleicht wünschen mögen, existiert nicht.
Ein Zeugnis sagt weniger über die Intelligenz als über einen Kenntnisstand aus. (Für Nicht- Lehrpersonen: es ist klar vorgeschrieben, was man nach einer Schulstufe in welchem Umfang können muss und wie das bewertet wird. Ausnahmen in der Volksschule)
Ganz offensichtlich wurde also A. am Schulanfang in die falsche Klasse gesetzt UND niemand hat sich seinen Akt angeschaut. (Ein Standardvorgang. Neues Kind = man schaut sich an, was im Akt steht. Obsorge, Krankheiten, Besonderheiten….)
Nach einem Semester Qual für A. (und wahrscheinlich sogar für seine Lehrpersonen) landet er in der ok! Klasse.
Als ich in kennenlerne, fällt mir gar nichts auf. Er ist freundlich, höflich, lacht mich an. Am zweiten Tag rede ich ihn direkt darauf an: „Sag, A., du bist so ein liebes Knopfi- wieso hast denn Probleme ghabt mit anderen Lehrern?“ A. strahlt mich an: „Sie sind sooooooo freundlich zu mir!“. „Und“, beeilt er sich zu sagen, „die Frau L. auch!“ (Weil die sitzt direkt neben mir)
Alles klar. Als das typisch in einer Sonderschule sozialisierte Kind ist er ruhig, bis man ihn anspricht. Er wartet, dass man ihm eine Anweisung erteilt. Wenn er etwas nicht versteht, fragt er nicht zurück (wenn er wüsste, welche Fragen er haben könnte, hätte er keinen SPF) Auf Anbellen, Anschreien und auf den typischen Lehrergrant reagiert er mit Rückzug – oder mit Kasperliaden, wenns ihm zu viel wird.
(Ah ja, besonderes fachlich/pädagogisches Highlight – man hat ihn zum Deutschkurs eingeteilt. Weil er nicht so gut ist, in Deutsch. Muss er halt ein einfach ein bissl mehr lernen, oder? Oder sich mehr bemühen…Er geht weiterhin hin. Weil er gern hingeht, wie er sagt. Ich hab nicht das Herz, ihm das zu verbieten. Es macht zwar null Sinn, aber die Kollegin ist freundlich. Ich gönne ihm jedes Lächeln, das er bekommt.)
Gut, dass er jetzt bei uns in der ok!Klasse sitzt. Er will gern eine Lehrstelle in der IT und ist ganz erstaunt, dass ich sage, dass wir ihm dabei helfen werden. Jugendcoach hat er auch noch keinen (obwohl die bei uns im Haus sitzen). Ich melde den Jugendcoaches, dass sie sich ihn holen sollen, zur Beratung.
Er fragt auch, ob er im Haus essen kann. (Ja, natürlich, wir haben ein Mittagessen. Er hats vermutlich nicht verstanden, als es erklärt wurde. Wie auch)
Dies vorausgeschickt, damit ihr ein ungefähres Bild von A. habt.
Gestern sitz ich mit dem A. und frag ihn, warum er zwei Tage gefehlt hat. Er musste nach Innsbruck, erklärt er mir – mit der ganzen Familie. Nach 8 Jahren (ACHT!!!) ist das Asylverfahren für die ganze irakische Familie endlich beendet. Er hat jetzt „so eine Karte“, wie er mir strahlend erzählt.
(Das muss man sich langsam durchdenken, oder? 8 Jahre lang darf niemand von der Familie legal arbeiten, lebt prekär und muss sich vermutlich dauernd anhören, dass sie uns auf der Tasche liegen und/oder sich heim schleichen sollen)
Ob ich ihm helfen kann, einen Samstagjob zu finden? Im Sommer habe er „Sie wissen schon, schwarz!“ flüstert er, und dabei senkt er den Kopf, gearbeitet. „Bei einem Ausländer“.
Der habe ihm 500 Euro auf die Hand gegeben.
Die Hälfte davon habe er aber für das Kochgewand und den Kochbeitrag bei uns aufgewendet.
Ihr könnt wieder auftauchen, von ganz unten nach oben.
Mit Wiederkehr bin ich ausnahmsweise mal einer Meinung. Wir brauchen mehr Chancengerechtigkeit. Für den A. zum Beispiel.
Die muss halt anders ausschauen als das Anbieten von super netten und interessanten Workshops. Das wird ihm aber nicht auffallen, wenn er so von oben nach unten schaut.
Vielleicht denkt er sich nach einem Jahr, was diese Kinder für undankbare Gfraster sind, weil sie die Angebote nicht so freudig annehmen wie gedacht?
P.S. Wir hatten grad wieder eine Hausmesse bei uns. Für die Maturant:innen. Da kommen auch immer die Organisationen, die das freiwillige soziale Jahr anbieten. Und die, die das geile Jahr im Ausland mit dem Spracherwerb bewerben.
Das ist so supi, grad für unsere Kids. Die sollten diese Chance doch wahrnehmen, anstatt unterm Jahr am Samstag beim Mäci, beim Billa oder im Hotel zu hackeln, weils mitverdienen müssen. (Sarcasm off)
Hallo liebe Susanne, danke für deinen Beitrag. Wären doch bloß viele Lehrer ähnlich gestrickt wie du! Ich habe als Mutter von mittlerweile zwei erwachsenen Töchtern einiges mit Lehrern mitgemacht. Nicht alle! Das muß ich fairerweise sagen. Weiters sammelte ich über 15 Jahre Erfahrungen als Nachhilfe in F. Da erlebte ich leider auch unerfreuliche Dinge was Lehrer anging. Wenn wenigstens ein oder zwei Lehrer pro Klasse in deiner Liga gewesen wären wäre es für Schüler, Eltern und auch Nachhilfelehrer leichter gewesen. Ja, auch Nachhilfelehrer. Ziemlich viele Eltern waren glücklich wenn ich bereit war zu Sprechstunden bzw. Sprechtagen zu gehen. Sowohl bei meinen eigenen Kindern als auch bei meinen Nachhilfeschatzis waren es leider fast immer die Lehrer die die Schuld am Versagen der Kids hatten. Ich würde mir so sehr wünschen, dass die Ausbildung der Lehrer dahin geht dass Lehrpersonen deines Kalibers „entstehen“.
Ganz liebe Grüße
Monika
LikeLike