Bist Du jetzt verwirrt? Das ist Absicht. Schon mein Lehrtherapeut, der sehr verehrte Dr. Schapur Homayun, hat immer gesagt: Verwirrung ist heilsam. (Und wir waren in der Ausbildung gar oft recht verwirrt.)
Da stand ich nun, in der Sekundarstufe (Fachschule), und unterrichtete im Team mit jemandem, der das jeweilige Fach studiert hatte. Über die Jahre hatte ich so Gelegenheit, weil ich ja in allen drei Fachschul- Integrationsklassen unterrichtete, unterschiedliche Lehrpersonen für dasselbe Fach als Teamkolleg:innen zu haben.
So unterrichtete ich im Team Rechnungswesen, Betriebswirtschaft, Office Management und Informatik, Englisch, Geschichte, Naturwissenschaften, Deutsch, Geografie, Psychologie. (Derzeit aber habe ich nur mehr 3 Stunden in meiner Abschlussklasse, der Rest ist in der ok!Klasse)
Ich fühlte mich anfangs wie in einem meiner Trainer:innen-Trainings – ich hörte zu, beobachtete die Schüler:innen und ging gleichzeitig in eine Metaposition. Hatte ich etwas lernen können in dieser Einheit? Konnte die Kollegin/der Kollege den Schüler:innen etwas beibringen? Wo standen die Schüler: innen und wurden sie dort abgeholt?
„Oh my sweet summer child!“
Ich war so naiv. Wirklich. (Apropos. Fragst Du dich noch immer, was das mit den Sitzkorrekturen und den Hufschlagfiguren soll? Ist ja unglaublich, solltest du aber schon lang wissen, aus der UNTERSTUFE!)
Wo werden die Kinder abgeholt?
Dort, wo sie vermeintlich stehen – was man an ihren Noten und an der vorher besuchten Schulform festmacht.
Wer von einer Neuen Mittelschule kommt, nach „Standard AHS“ oder auch nur „Standard“ unterrichtet wurde und in den Hauptgegenständen ein „befriedigend“ im Jahreszeugnis hatte, beherrscht den Stoff der Unterstufe und wird ohne Aufnahmsprüfung aufgenommen. Bei einem „genügend“ gibts eine Aufnahmsprüfung.
So ist gewährleistet, dass wir auf einem Vorwissen aufbauen können und dass die Kinder mitkommen.
Weil wir uns das immer noch intensiv herbeihalluzinieren, holen wir die Kids laut Plan vom Bahnhof in Bruck ab. Blöderweise stehns nicht in Bruck an der Mur, sondern in Bruck an der Leitha. (Oder umgekehrt, no Bundesländershaming intended!)
Und das ist weit: Für die bundesdeutschen Leser:innen hier ein Schaubild:

Diese Fahrzeit stellst du dir einfach als fehlende Lernjahre vor.
Warum das so ist, hat viele Gründe:
- Die Noten der Mittelschulen entsprechen nicht den allgemein festgelegten Kriterien
- Weder die Leistung noch der Unterricht und schon gar nicht die Leistungsbeurteilung nach „Standard AHS“ hat mit dem Unterricht in der AHS irgendetwas zu tun. Diese beiden Dinge sind voneinander so weit entfernt wie ein Produkt von „wish“ und eins von Gucci. Es steht zwar dasselbe drauf und auf den ersten, flüchtigen Blick…Du weißt, was ich meine.
- Die Leistungsbeurteilung in der NMS wurde, so Kolleginnen von Mittelschulen, bewusst verändert – so ist z.B. bei 40% (statt ab 51%) bereits ein „genügend“ zu geben. (Wohl um das Gesamtversagen des Systems zu kaschieren)
- In der NMS müssen die Kolleg:innen JEDES FACH unterrichten, wenn Not am Mann ist (also dauernd)
- Im städtischen Raum schlägt die bewusste Segregation ab der „richtigen“ oder eben der anderen Volksschule massiv zu. Statistisch völlig unwahrscheinlich finden sich in der NMS überwiegend die Kids, deren Eltern sich wenig bis nicht kümmern (können), überwiegend Kids mit Migrationsgeschichte und sowieso die vom ökonomischen Rand.
- Die Kolleg:innen in den NMSen werden völlig alleingelassen mit mehrfach depravierten Kids – es fehlen Beratungslehrer:innen, Schulsozialarbeiter:innen, Schulpsycholog:innen etc etc.
Links für die Interessierten (ALLES , was ich hier schreibe, ist gründlich recherchiert und mit belastbaren Quellen versehen):
1. Segregation nach der VS: Ruf doch mal https://www.statistik.at/atlas/schulen/# auf und schau Dir die Schülerstromanalyse an:
Such z.B. folgende Volksschulen in Wien:
1101 Alxingergasse (eine private Neulandschule)
1100 Georg W Pabstgasse
1040 Elisabethplatz
und schaust auf „Abgänge nach der 4. Klasse“ – „in Tabelle“
(Ich habe diese 3 gewählt, weil die Schüler:innenanzahl mit 240 – 270 anschaulich klein ist und der Vergleich schnell geht…)
2. Migration und Schullaufbahn
Paper von Oliver Gruber, ak Wien:
http://austriaca.at/0xc1aa5576_0x0039bc4f.pdf
3. Bildung in Zahlen
Sitzkorrekturen und Hufschlagfiguren im Unterricht
Jetzt weißt Du noch immer nicht, was diese Sitzkorrekturen und diese Hufschlagfiguren sind, oder?
Wie fühlst Du dich dabei? Erinnert Dich das an die Schulzeit, wo Du nur EINMAL den Fehler machtest, etwas nachzufragen,
„WAS DU SCHON SEIT DER UNTERSTUFE WISSEN UND KÖNNEN SOLLTEST!
Je nach Lehrer:innenpersönlichkeit ist hinten ein unausgesprochenes, aber deutlich hörbares : DU FAULES STÜCK oder: ICH BIN ENTTÄUSCHT! angehängt.
Okay, ich löse auf: Wenn man Reiten lernt, kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo man halbwegs sicher und entspannt auf dem Gaul sitzt. Man fällt nicht runter, kann durchs Gelände, in der Halle und am Reitplatz allein reiten.
man glaubt – hey, super, ich kann reiten!
Dann aber kommt die Reitlehrerin/der Reitlehrer und sagt, dass jetzt Sitzkorrekturen angesagt sind.
Weil Du reiten kannst – aber ab jetzt auch SCHÖN. Und dann korrigiert er/sie deine Fuß/Hand/Kopf/Rückenhaltung so ausgiebig und lang, dass Du dich fragst, wie Du es jemals auf diesen Gaul geschafft hast – und auf den Platz, weil ganz offensichtlich kannst nicht reiten.
Das Gefühl vergeht aber und Du reitest wirklich schöner – die Sitzkorrekturen haben etwas gebracht.
Weil Reitleher:innen aber (wie eh jede Lehrperson) laut meines sehr verehrten Kollegen J Moitzi ihren Beruf aus psychopathologischen Gründen gewählt haben, bestehen sie auch bald darauf, dass Du Hufschlagfiguren reiten kannst.
Am Reitplatz (und in der Halle) gibt es Markierungen. Du musst mit deinem Pferd (das zum Glück ein Schulpferd ist, weil Du auch nicht reich bist und daher kein eigenes hast, es daher die Scheiß Hufschlagfiguren eh kennt, im Gegensatz zu Dir) diese Figuren ausführen. Das heißt, 1. Du musst dir das merken (weil das Pferd Dir nix einsagen wird) und 2. Du musst das Pferd ohne Zwang und Gewalt dazu bringen, das auch zu tun (Ich sag nur, danke Herzi (Herzog), du hast das alles fast von allein gemacht) und 3. Du musst dabei SCHÖN reiten. (4. fürchtest Du dich, weil Du weißt, dass die Reitlehrerin gleich wieder schreien wird mit Dir)

Was das mit dem Unterricht zu tun hat?
Wir glauben, dass wir Kids bekommen, die bereits reiten können = die Anforderungen in Deutsch, Englisch, Mathe etc der Unterstufe erfüllt haben, weil ihre Noten das ja aussagen.
Daher fangen wir unmittelbar mit Sitzkorrekturen an = besserer Ausdruck, fehlerfreie Grammatik, Aufbau auf Wissen und Können der Unterstufe – aber es ist zu wenig da.
Die Hufschlagfigur = der neue Stoff, der aber ein gefestigtes Wissen voraussetzt, geht gar nicht – und die Schüler:innen fallen uns reihenweise vom Pferd. = scheitern in einem statistisch zu hohen Maß.
Was wir daraus lernen
Ja momentan genau gar nix, denn wir jammern nur laut, dass wir „keine gscheiten Schüler:innen mehr bekommen“.
Weil eine rasche Besserung der Lage in der NMS unwahrscheinlich ist (es fehlt der politische Wille, wohl vielfach auch das Wissen, wie man das durch andere Unterrichtsformen etc beheben könnte und überall fehlt Fachpersonal)
müssten wir in der Sekundarstufe zumindest im 1. Semester den Unterricht komplett auflösen und nur Deutsch, Englisch und Allgemeinbildung nach-unterrichten.
(Ich befürchte aber , unsere Reitlehre:innen stehen aber sehr auf Sitzkorrekturen und Hufschlagfiguren. Schließlich hams extra dafür studiert, dass sie nicht, wie das Stallmensch, die Kids an der Longe herumführen oder weinende Mädis vom Pony runterheben müssen.)