Seit 2014 unterrichte ich an der Sekundarstufe als Integrationslehrkraft. Mit Freuden habe ich diese Stelle damals angenommen, weil das für mich spannender ist als Integration bei den „Kleinen“.
So finde ich mich plötzlich an einer sehr konservativen Schule wieder (mit einem Großteil sehr konservativer Lehrkräfte). Die Direktorin (die mir Jahre später von ihrem Rechtsanwalt eine Drohung auf meine Schul-Email zukommen lässt) hat ein, sagen wir mal, „interessantes“ Führungsverständnis.
Das bin ich von einigen Chefs und Chefinnen aus der Wirtschaft bzw von den Führungskräftetrainings gewöhnt, also kümmert mich das nicht – ein Klima der Furcht und der Unterwürfigkeit funktioniert immer nur, weil der Schwächere davon überzeugt ist, dass der Starke wirklich Macht hat. (In der Privatwirtschaft, besonders in den eigentümergeführten Unternehmen, stimmt das auch)
In der Schule ist das aber definitiv nicht der Fall. Da die Direktor:innen dienstrechtlich überhaupt nichts entscheiden dürfen und auch keine wirkliche Handhabe gegen schlechte Lehrpersonen haben, ist der Lehrkörper meist reine Glückssache.
Die Jungs und Mädels müssen also mit mir leben, was sie anfangs auch sehr fordert. (Okay, manche fordert es heute noch. Sorry not sorry)
Mich hingegen fordern andere Dinge.
Die Volksschule (und die Sonderschule sowieso) zeichnet sich dadurch aus, dass wir Lehrpersonen von unserem Lehrverständnis her vom einzelnen Kind ausgehen.
Was braucht dieses? Wo steht es gerade und was muss ich tun, um es weiterzuentwickeln?
Binnendifferenzierung ist für uns eine Selbstverständlichkeit, ebenso die Beschäftigung damit, was wir zusätzlich, anstatt oder ganz anders machen sollen, damit die Kids den Lehrstoff kapieren. Das verstehen wir unter „unterrichten“.
Wie in der Erwachsenenbildung auch, wo das Selbstverständnis der Trainer:innen ist, die Teilnehmer:innen „dort abzuholen, wo sie stehen“.
Alles andere wäre intellektuell unredlich.
Ich merke sofort, ich bin in einer anderen Welt – genau diese Ansätze scheren in der Sekundarstufe fast niemanden.
Das Kind versteht das nicht? Dann gehört es wohl nicht hierher. Muss es halt mehr lernen. Soll es sich halt Nachhilfe besorgen. Über die Hälfte der Kids haben nur in dem einen Gegenstand im Zeugnis ein „nicht genügend“? Zwei Drittel der Klasse bekommt in einem Gegenstand schon im Oktober eine Frühwarnung?
Ist halt so.
Dies liegt am Unwillen/an der Faulheit/an der mangelnden Fähigkeit/an einer Fehlentscheidung für diese Schule
Bitte wählen Sie, je nach Ihrem Bias aus:
- der Kinder
- der Lehrperson
Sollten Sie „Kinder“ gewählt haben, ist es notwendig, eine Sensibilitätswarnung vor dem nächsten Absatz zu geben:
Achtung, sensible Inhalte
Erst gestern las ich in einer Lehrer:innengruppe einen Kommentar eines vorgeblichen Pädagogen (ich hoffe, er ist keiner). Die Diskussion über Quereinsteiger:innen, Lehrer:innenausbildung etc sei lebensfremd. Jeder Maturant könne unterrichten.
Ja, eh, antwortete ich. Wenn „unterrichten“ bedeutet, aus dem Fachbuch zu lesen und danach eine Arbeitsaufgabe zu geben. Die Berliner haben dafür einen Spruch: „Kannste machen, is halt Kacke!“
Ich sags ja ungern, aber so einen „Unterricht“ habe ich mehrfach gesehen. Diesen Kolleg:innen mangelt es an didaktischem und methodischem Können. (Sie sehen, ich kann auch höflich. Ich hab nicht geschrieben „am Wollen“)
Und heute lese ich von einem stockkonservativen, alten Deppen, der in dem stockkonservativen CVler Magazin schreibt: „…da immer mehr weibliche Pädagogen tätig sind, werden auch verstärkt „weibliche Werte“ vermittelt, die Beschäftigung mit der „woken“ LGBGT- Bewegung, das Gendern, die Scham- und Befindlichkeitskultur und die Alle-haben-sich-lieb-und -wir-retten-die-Welt Weichspülerei. (Chapeau! So viele Bedrohungen seiner fragilen Männlichkeit in EINEM Satz unterzubringen!)
Diese Snowflake unterrichtet – wie könnte es auch anders sein – an einem Gymnasium.
Einige Absätze später spricht er auch klar aus, was ihn im Kern stört (er behauptet, …Herzog und Schmidt waren sich schon früh klar..)
„Die Linke hat die Anforderungen in den deutschen Schulen immer weiter abgesenkt, um den nichtarrivierten Schichten den sozialen Aufstieg zu erleichtern. Und die Bürgerlichen haben das mitgemacht, um den dummen Kindern arrivierter Familien den Abstieg zu ersparen.“
(Er zitiert bewusst unrichtig. „Lange bevor die PISA-Studie erschienen war, wussten wir beide, was in unserem Bildungswesen los ist, und ich habe einmal zu Ihnen gesagt, das komme daher, dass auf der einen Seite die Linke die Anforderungen in unseren Schulen immer weiter abgesenkt hat, um den Kindern aus nicht arrivierten Schichten den sozialen Aufstieg zu erleichtern (ein Motiv, das ich gut verstehe), und dass die Bürgerlichen das mitgemacht haben, um den dummen Kindern arrivierter Familien den Abstieg zu ersparen.“
Roman Herzog in seiner Rede zum Franz-Joseph-Strauß-Preis 2003, an Helmut Schmidt gerichtet.
Das Zitat findet sich auch, nicht überraschend, in einem Blog von Andreas Unterberger, einem recht extremen Journalisten.)
Ja, auch solche Kolleg:innen kenn ich. Das sind die, die die Nase rümpfen, wenn sie sehen, „welche“ Kinder zu uns in die Schule gehen und die es gern und laut bedauern, „dass wir kein gescheites Schülermaterial mehr bekommen.“
Oliver Nachtwey beschreibt in Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, dass die politische Entfremdung in der Postdemokratie als Nebenprodukt auch Apathie und soziale Abgrenzung zur Folge habe. Durch die Angst vor dem sozialen Abstieg entstehe ein Bedürfnis „nach sozialdarwinistischer oder xenophobistischer Distinktion“ vor allem in der Mittelschicht.
Irgendwer sollte ihnen mal vorsichtig sagen, dass sie NICHT die arrivierte Schicht sind, denn für die sind sie bloß – Personal.
Da dieser Blog dem Lehren und Lernen gewidmet ist und weniger der Politik (obwohl das natürlich immer zusammengehört!)
kümmere ich mich in den nächsten Kapiteln um Didaktik und Methodik – bzw um das Fehlen dieser Voraussetzungen für erfolgreichen Unterricht.