Ich transferiere einen älteren Artikel hierher – damals wurde gerade die App zur Lehrerbewertung vorgestellt und der Aufschrei war groß. Jetzt wird gerade wieder ein Versuch gestartet, diesmal von den Verantwortlichen für Schulqualität, den SQMs (die heißen nur so, das ist ein Fake, zu diesen Halblustigen gibts später mal einen ausführlichen Artikel)
Als Lehrperson habe ich ja den Drang (psychopathologisch bedingt laut einem von mir sehr geschätzten Therapeuten) zu allem etwas zu sagen. Meist beherrsche ich mich, vor allem, wenn es um Dinge geht, von denen ich rein gar nichts verstehe. (Moderne Männer, rückwärts einparken, höhere Mathematik, so ziemlich alle Naturwissenschaften, you name it..)
Aber in diesem Fall kann ich nicht anders – ich verstehe etwas von der Sache UND sie regt mich auf.
Heute also: Die Lehrer_innenbewertung (und die Lehrerbewertungs-App)
- Ist “Lehrer_innenbewertung” eine gute Sache?
Ja, es ist es eine gute, notwendige und absolut normale und wünschenswerte Sache, dass man im Umfeld “Schule” einen symmetrischen Kommunikationsstil wählt.
Das, was ich meinen Schüler_innen sage, können sie auch jederzeit zu mir sagen.
Im Umfeld “Schule” ist das allerdings etwas Ungewöhnliches – mit der Bildungsdirektion geht das zum Beispiel gar nicht. (Einer jungen Kollegin wurde mitgeteilt, wenn sie nicht angestellt würde, bekäme sie einfach keine Nachricht. Als sie fragte, bis wann sie denn warten solle auf eine eventuelle positive Antwort, immerhin müsste sie ja wissen, ob sie sich besser anderswo bewerben oder zusagen solle, wurde ihr mitgeteilt, dass man das ja jetzt noch nicht wissen könne, eine Anstellung sei auch noch zwei Wochen nach Schulbeginn möglich).
Auch mit vielen Direktionen ist eine halbwegs symmetrische Kommunikation ein Abenteuer, dem sich nur die alten Schlachtrösser, wie ich eins bin, ohne Herzflimmern stellen. (Okay, das ist jetzt unfair. Bei mir reicht mein Gesichtsausdruck. Den konnte ich schon, bevor irgendwer das “resting bitch face” erfunden hatte)
Vom einem eventuell anzustrebenden symmetrischen Kommunikationsstil zwischen Eltern und Lehrpersonen traue ich mich gar nicht schreiben – jede_r von uns, der Kinder in der Schule hatte weiß, wie das läuft. (Für die Kinderlosen: Es läuft meist scheiße. Man geht mit einem furchtbaren Gefühl hin und erwartet – oft zu Recht – das Schlimmste)
2. 180° oder 360° Feedback wie in der Wirtschaft?
Ja, natürlich. Das gibt es schon lange – Beim Konzern z.B. setzte sich ein Teil der Prämie aus dem positiven Ergebnis der Kundenzufriedenheit und der Mitarbeiterzufriedenheit zusammen. Kein Wunder, waren das doch die ersten beiden Unternehmensziele, danach kam erst “Marketshare” und “Return on Assets”. Wir wollten, dass es unseren Kunden und unseren Mitarbeiter_innen gut geht mit uns – denn nur so konnten wir erfolgreich sein.
Auf die Schule umgelegt heißt das, unsere Schüler_innen müssen gern bei uns sitzen und zufrieden sein – ebenso wie wir Lehrpersonen, damit erstere gut lernen können und letztere gut lehren. (Ich finde es immer wieder faszinierend, dass genau die Leute, die durch geringe formale Bildung (und damit wenig Schulerfahrung) auffallen, ein ausgesprochen schwarzpädagogisches, brutales und vorvorgestriges Konzept von “lehren” bzw. unterrichten vertreten. Dasselbe Konzept haben sie auch für das Thema “Führung” oder “Erziehung”. Das ist die “Mir-hats-auch-nicht-geschadet” Fraktion, die haben natürlich keinen anderen Plan, weil sie gar keinen anderen kennen….)
3. Ja aber da kann man doch anonym bewerten, vernadern, ….?
Jede_r Trainer_in, jede_r Berater_in kennt das: Man muss oft echt unangenehme Dinge einführen oder tun. Das ist immer hart für alle Beteiligten – trotzdem gibt es immer einen Feedbackbogen.
Es zeigt sich aber immer deutlich, dass diejenigen, die ihrem Gegenüber Wertschätzung entgegenbringen, diejenigen, die ihre Versprechen halten, oder eben nichts versprechen, diejenigen, die aufrichtig ihr Bestes geben, diejenigen, die sich so den Respekt und das Vertrauen ihrer Klient_innen erwerben, gutes bis exzellentes Feedback bekommen.
Auf die Schule umgelegt heißt das (und das hab ich schon 1983 auf der PÄDAK bei meiner Erstausbildung gelernt)
Gelungener Unterricht muss vier Bedingungen erfüllen:
Sehen und Gesehen werden (schaut den Kindern ins Gesicht!)
Gemeinsamkeiten suchen, gemeinsam etwas unternehmen (nicht blödsinnig vorne stehen und dozieren!)
Die Absichten und Motive des Gegenübers besser verstehen lernen (nicht annehmen, urteilen, beurteilen, vermuten, eh-schon-wissen)
Resonanz (wertschätzen, sich zuwenden, symmetrisch kommunizieren)
4. Ja was ist jetzt mit dieser Lehrerapp? Warum drehen jetzt alle durch?
Ich habe da so eine Vermutung. Wer ein “originelles” Verständnis vom Lehren hat, der hat jetzt natürlich keine Freude – jemand, der “von oben nach unten” unterweist statt lehrt, will sich wohl kaum bewerten lassen. Ach ja, eine zweite Vermutung drängt sich auf: Wenn die Schüler_innen jetzt beginnen, sowohl die Performance als auch das Verhalten der Lehrer_innen zu bewerten (umgekehrt ist das ohnehin an der Tagesordnung) dann könnten wir ja anfangen, die Direktor_innen, die Bildungsdirektion und das Ministerium zu bewerten: “Für dich hab ich heute leider keinen Stern!”