Ich war kurz unsicher, ob dieses Kapitel in die Berufserinnerungen gehört oder doch besser allein stehen sollte – dann wurde mir klar, dass ich ohne die Beispiele aus der Schule viele Dinge nicht so klar beschreiben könnte.
Im Gegensatz zur Pflichtschule (Grundschule) ist die männliche Lehrperson an der Sekundarstufe eine Normalität.
Volks- und NMS-Lehrer werden sogar von den anderen Kolleginnen misstrauisch beäugt und die Frage „Was stimmt mit dem nicht?“ steht immer ein bissl im Raum.
In meiner eigenen Familie wurde ja auch immer über die Vorteile gesprochen, die der Lehrberuf einer Frau böte – vormittags Arbeit, nachmittags bei den Kindern zu Hause. Ideal, quasi „für eine Frau“.
In diesem Weltbild (das sich interessanterweise seither kaum geändert hat) wird die Zuständigkeit eines Mannes für eigene oder fremde Kinder nicht einmal gedacht. Geschweige denn ein Wunsch verstanden, sich mit den eigenen oder mit fremden Kindern länger als zwei Stunden zu beschäftigen.
Passiert diese Ungeheuerlichkeit trotzdem, gibts noch 2019 einen mit 5000 Euro dotierten „Preis für den Spitzenvater“ https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/preis-fuer-spitzenvater-2019-fuer-mann-von-astronautin-erhaelt-preis-was-der-eklat-um-den-spitzenvater-verraet-li.70301
Für den Ehemann einer Astronautin. Während sie sich auf ihren nächsten Weltraumflug vorbereitet hat, hütete er zu Hause ihr drittes Kind.
(Wir legen hier eine Schweigeminute ein, weil wir so ergriffen sind, okay? Wenn wir uns wieder gefasst haben, schreiben bzw. lesen wir weiter. )
Der Lehrberuf zahlt sich für Männer (und Frauen) auch weder vom gesellschaftlichen Status noch vom Finanziellen aus – wir sind, im Gegensatz zu den Arbeitsstunden Michi Häupls ( ehemaliger Wiener Bürgermeister) „Dienstag Mittag fertig“, unsere Expertise besteht in der Wahrnehmung des Kommentarprolatariats aus „ein bissl Singen und Klatschen“ (Volksschule) und „Buch aufschlagen, vorlesen, abprüfen – was soll da schon dabei sein?“
Das macht natürlich nichts her.
Im Gegensatz zu anderen Akademiker:innen verdienten wir im Laufe unserer Berufstätigkeit laut OECD 2011 noch um 35% weniger – u.a. den niedrigen Einstiegsgehältern, der fehlenden Anrechnung von Vordienstzeiten und dem Beharren auf den 5-Jahres-Kettenverträgen („Sondervertrag“) geschuldet. (Nachtrag Ende 2024: Jetzt muss man unseren Beruf nicht einmal mehr studieren. Die „Quereinsteiger:innen“ sind da. Weils ja eh wurscht ist. Und weil Didaktik und Methodik überschätzt sind. Oder so.)
2022 sind es nur mehr 19% in der Pflichtschule (neues Dienstrecht, das Einstiegsgehalt ist höher, die Gehaltskurve aber flacher dadurch)
(Da überlegen sich gelegentlich auch die charakterlich Gefestigtsten unter uns, vielleicht doch den Beruf zu wechseln und es bei den Bänkstern zu versuchen.)
https://www.oecd-ilibrary.org/sites/46b0b60c-en/index.html?itemId=/content/component/46b0b60c-en#section-d1e951
Dies vorausgeschickt, machen wir einen Blick in die Sekundarstufe:
Hurra! Es gibt hier Männer!
(Ich bin ja sonst, was Männer in meinem Leben betrifft, eher unenthusiastisch. Zur Rekreation definitely YES, für alles andere definitely NO)
Aber die Männer, die die Schüler:innen hier bei uns sehen, die sind wichtig für sie.
Sowohl die Burschen als auch die Mädchen brauchen so dringend role-models.
Schauen wir uns beispielhaft M. an. (Er steht für ganz viele meiner Schüler und ich fasse deren Erlebnisse und deren Lebenswelt mithilfe dieses Avatars zusammen.)
M. braucht dringend ein role-model. Er muss sehen und begreifen, dass es nicht okay ist, wenn der Vater einen haut wie einen Tanzbären. Und zwar gleich. Anstatt zu reden. M. redet selbst auch nicht viel. Er hat keinen Zugang zu seinen Gefühlen (das ist nämlich fix unmännlich) und er kann Konflikte nicht verbal lösen, sondern nur mit seinen Fäusten. (Ganz der Papa!)
M hat auch ein ganz spezielles Verständnis von seiner eigenen Rolle. Er ist davon überzeugt, etwas Besonderes zu sein, leistet aber nichts. Dabei ist er hochgradig verletzlich in seiner Ehre, der seiner Mutter, seiner Schwestern und Cousinen, seines Dorfes, seines Landes (das er oft nicht mal kennt).
Er ist gefangen in dem dunklen Verlies einer Tradition, an die er sich zur Identitätsstiftung aus seinem „Verloren Sein“ in der Welt klammert und der Religion, die ihm den Primat über die Frauen und die Tiere attestiert.
Er kommt aus einer „Oaschlochkultur“.
Das sind die Kulturen, in denen „Mann“ sein bedeutet, dass man hart und kalt und brutal zu sein hat. Ein richtiges Oaschloch halt.
Wenn das z.B. die oberösterreichische, kärntnerische oder tirolerische Oaschlochkultur ist, dann heißt das: Sich prügeln, saufen bis zum Speiben, riskantes Alltags- und Freizeitverhalten und keine Ahnung, wie man sich ohne derben „Schmäh“ und/oder Übergriffigkeiten dem präferierten Geschlecht nähert, um zu gesellschaftlichem Umgang und/oder Intimität zu kommen.
Ich korrigiere: In Oaschlochkulturen gibt es nur Frauen als präferiertes Geschlecht, schwul zu sein geht gar nicht. Weil das gar nicht existiert und auch verboten ist und überhaupt unmännlich. „Wie schwul ist das denn!“ ist daher auch das synonym für „Wie unmännlich ist das denn!“ und wird von M. für Kleidungsstücke, Farben, Ereignisse, Filme und Songs, Verhalten und Aussagen anderer gern und häufig verwendet.
Ach ja, auch „Intimität“ gibt es nicht. Gefühle und/oder Zärtlichkeiten sind – richtig geraten! – „schwul“.
Sex gibts. M. hat aber meist keinen.
M. hat Glück. Bei uns gibts ein paar Männer, an denen er sich was abschauen kann – nämlich, dass man nicht deppert herumschreien muss, wenn man was will. Dass man keine Gewalt androhen und auch keine anwenden muss. Dass man mit und über Frauen wertschätzend reden kann. Dass man Gefühle haben darf und über diese sprechen kann – ohne dass sich die Erde auftut und einen verschlingt. Dass es auch ganz anders geht – und dass man trotzdem ein Mann sein kann, weil das sieht M. ja.
M bewundert z.B. den Kollegen, der a) Muskeln hat wie ein Viech und b) Heavy Metal Gitarrist ist und c) offenbar alles weiß und supergscheit ist. Wenn M. ihm die nächsten paar Jahre zuschaut und ihn erlebt, traut er sich vielleicht, auch so zu werden wie er.
(Ihr merkt, ich bewundere den Kollegen auch a bissl, aber mehr mütterlich, ich schwörs 😉 )
M. ist auch immer wieder überrascht von dem Kollegen, der entgegen dem jahrhundertealten Narrativ aus der Gastro, dass dort „eben ein rauer Ton“ herrsche, ruhig, gelassen und stets wertschätzend in der Küche anleitet. Dass das nur ein kleiner Teil seines Wissens und Könnens ist, kapiert M leider nicht, weil er noch nicht verstanden hat, dass der Kollege doppelter Akademiker ist und mehr auf dem Kasten hat als viele andere.
Und auch in diesem Fall wird M zuschauen, sich etwas abschauen und sich eventuell später mal trauen, kein Oaschloch zu sein. (Ich hoffe, er kapiert bis dahin, dass er auch studieren sollte!)
(Einige der Frauen bei uns sind aber tatsächlich der Ansicht, dass der „raue Ton“ in der Gastro „eben so ist“ und „dass man sich nicht so haben solle“.)
M wird vielleicht auch von einem anderen Kollegen unterrichtet. Da schwankt er dann zwischen Bewunderung, spontaner Liebe und völliger Verwirrung. Weil M selbst eitel ist, fällt ihm die extravagante und super-stylishe Kleidung des Kollegen auf – ich haben schon Jungs am Gang getroffen, die sich schwärmerisch über das Sakko des Tages und über die korrespondierenden Farben des Stecktuches/der Krawatte/der Socken unterhielten. (IMMER passend, IMMER bunt)
Das findens „ur geil“ – und never „schwul“.
Der Kollege ist sich auch für keinen Blödsinn zu schade, er singt Karaoke mit den Kindern, feiert mit ihnen, verkleidet sich zu allen möglichen Anlässen, er taugt den Jungs, weil er groß, sportlich und immer gut drauf ist, und sicher auch, weil er eine so hübsche Frau hat- und er verwirrt M nachhaltig, als er bei einer Faschingsfeier mit einer langen, blonden Perücke als Frau auftritt. M entschließt sich nach ein, zwei Schrecksekunden, das ebenfalls „ur geil“ zu finden.
M wird hoffentlich, wenn er ihm länger zuschauen kann, sein 1950er Bild eines „richtigen Mannes“ ablegen können…
Zwei Kollegen, die ein positiver „Vaterersatz“ sein können, könnte M noch haben – Der eine ist noch recht jung, beweist aber, dass man ganz ohne Machogehabe auskommen kann, der zweite, bissl älter, fasziniert die Burschen dadurch, dass er ihnen zeigt, dass man reflektiert auch sein kann – beide sind zusätzlich Sozialarbeiter, aber das ist sicher nicht der Grund, warum die Burschen gerade zu den beiden Vertrauen aufbauen können.
(Es gibt noch einige andere Kollegen, aber mit den obigen hab ich auch unterrichtet bzw unterrichte ich, daher weiß ich genau, wie die sind!)
Die Burschen haben so wenig gute role-models. Wenn die Väter mal erscheinen sollten (was eher selten ist) dann haben wir in aller Regel einen stummen Mann vor uns sitzen, der bestenfalls etwas vor sich hin grunzt, wenn wir ihn zu seinem Sohn etwas fragen. (Er weiß es ja wirklich nicht, er schert sich ja nicht drum). Nein, der Sohn braucht keine Hilfe. Nein, er hat keine Probleme und Depression.
Dann ist immer wieder klar, warum der Bursche so ist, wie er ist.
Hier kommt jetzt, wie angekündigt, Bias und Distinktion ins Spiel. Viele von uns schauen nämlich zu wenig hin. Und sie tun auch zu wenig, um das zu ändern – weil sie tief drin davon überzeugt sind, dass das ein Problem der „Ausländer“ oder der „Muslime“ ist. Und dass man da eh nichts machen könne, „weil die eben so sind“ und „wir nicht so sind“.
Leute, ich sags ungern: Doch wir sind so. Die Großväter-Generation, die nicht sprach, erinnert ihr euch? Die Großmütter-Generation, die nur kuschte und betete (was nichts nutzte, sie wurden trotzdem ghaut)
Die Extrem-„Christen“, die exakt dieselben Positionen einnehmen wie jeder x-beliebige Islamistenprediger.
Bei uns ist das eben 50-70 Jahre her, also nur ein zeitlicher Unterschied.
Wenn man sich die social media Kanäle anschaut, sieht man, dass man den Lack der Zivilisation mit einem Daumennagel abschaben kann und drunter was Grausiges zum Vorschein kommt.
Die Burschen macht das jedenfalls kaputt – von ihnen verlangen die Familien, dass sie ein Ebenbild des Vaters werden (was schlimm genug ist) und wir verlangen die völlige Assimilation. (Alles Fremde ist uns unerträglich, offenbar. Gar nichts soll anders sein bei ihnen.)
Oft wollen die Jungs sich gern ein bissl entfernen aus diesem Käfig, in dem sie stecken – aber wohin? Und um welchen Preis? Sie verlieren, sobald sie „anders“ sind, ihr gesamtes Netzwerk – die Familie, die Großfamilie, den Clan, das Dorf „daheim“.
Ich rede dabei noch gar nicht von den schwulen Jungs (davon haben wir an der Schule natürlich einige und das geht ganz gut, wenn wir immer hinterher sind und homophobe Gschichten sofort und gnadenlos abstellen und ahnden.
Der Umgang mit ihnen fällt auch manchen aus dem Kollegium schwer. Viele Lehrpersonen sind leider sehr konservativ und fürchten sich gern.)
Wir haben nicht einmal in der Pride Week beflaggt (obwohl das einige Schulen taten und wir die Regenbogenfahne einfach anfordern hätten können!)
Gscheite Role-Models wären so wichtig – die Burschen müssen sehen und merken, dass man ganz normal leben kann, auch als „anderer“ Mann. Sonst wird das nie was, mit dieser Zivilisations-Sache.
(Gilt auch für Lehrpersonen)