31.Kapitel. Eine Schule mit einem Personalstand von 150 ist eigentlich ein Unternehmen – leider nicht. Und Anfangsbrösel natürlich.

Von Schulen mit 12 bis etwa 30 Mitarbeiter:innen komme ich in eine ganz andere Umgebung.

Die neue Schule ist a) eine Bundes- und keine Landesschule, was einige positive Änderungen verursacht, b) wir sind beinahe 130 Lehrkräfte, der Rest ist Verwaltungspersonal und ganz wenige angestellte Schulwart:innen, weil das Putzpersonal extern ist, c) wir führen 3 Schultypen und unterrichten fast 1000 Schüler:innen.

So ein Wechsel von einer Landes- in eine Bundesschule ist verwaltungstechnisch eine schier unlösbare Aufgabe. Die Sonderpädagoginnen hier sind nur vom Land „ausgeborgt“, wir haben eine andere „Stammschule“ (in der wir aber nie sind), da wir ein Schulversuch sind, kann die österreichische Schulverwaltung uns nur mühsamst im System abbilden.
Für alle Nicht-Lehrkräfte muss ich vielleicht erklären, dass die nachgelagerten IT -Systeme von Land und Bund sich komplett unterscheiden.
Ich bekomme eine neue Personalnummer und muss im System neu angelegt werden. Die Admin legt mich irrtümlich als „Sabine Wiegele“ an, weil es eine Sonderschulkollegin namens Sabine bereits gibt und das Unbewusste ihr offenbar einen Streich gespielt hat 😉
Sie ist untröstlich, weil sie das, so wie es scheint, nicht mehr ändern kann. Nach zwei Wochen mache ich ihr den Vorschlag, dass ich in dieser Schule halt Sabine heißen werde, wenn das nicht anders geht – es geht dann aber doch, weil sie mich nicht als Sabine abrechnen können, irgendwer löst letztendlich das Problem auf einer anderen Ebene.

Dieses Erlebnis ist symptomatisch – nicht für diese Schule, sondern für die Ablaufsorganisation von Schule generell. Es gibt zwar ganz viele eingeschliffene Abläufe für Prozesse, die aber nicht das tun, was sie tun sollen. So kommt es täglich zu vielen „workarounds“, weil niemand auch nur irgendeine Idee von vernünftiger Organisation hat.
Das ist zum Teil verständlich, im Schulbetrieb kosten „nicht wertgebende“ Abläufe nur die Steuerzahler Geld, in der Schule selbst merkt man davon ja nichts – in einem Betrieb richtet man flugs die Abläufe, sobald man merkt, dass die Leute alles dreimal angreifen müssen und Personalressourcen verschwendet bzw. Geld unnötig verbraten wird.
(Sorry, jetzt kommt die Organisationsberaterin in mir durch. Been there, done that. Siehe Vorkapitel)

In kleinen Schulen, wo es weit weniger arbeitsteilig ist und die Haupthacke der Administration auf den Direktor:innen liegt, passiert weniger Unsinn – da der/die Direktor:in eh alles allein machen muss, richtet er/sie es sich spätestens nach dem ersten Mal sinnlosen Aufwandes anders her/löst das anders.
(Die Forderung nach Administrationspersonal für Pflichtschulen halte ich für absolut berechtigt. Es kann nicht sein, dass ein:e Direktor:in in administrativen Dingen versinkt, für die er/sie niemals ausgebildet wurde und seiner/ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich eine Schule zu leiten, also Personal zu führen, zu begleiten, auszubilden, mit Eltern und Schüler:innen sprechen, über Verbesserungen nachzudenken und diese umzusetzen und einzuführen…und und und…kaum nachkommen kann. Man kann natürlich (genauestens vorgeschrieben) einer anderen Lehrkraft ein paar Stunden abgeben – nur bringt das auch nichts, weil diese ja auch unterrichten muss und das auch nicht gelernt hat.
Gute Administration geht nicht nebenbei und das muss eine ausgebildete Kraft machen, sonst wird das so, wie es in den Schulen derzeit ist. Aufwändig und nicht zielführend.)

In den Schulen herrscht ein seltsames Verständnis von „Arbeit“. Unternehmen sind hoch aufgabenorientiert – es ist klar festgelegt, welche Aufgaben in welcher Qualität und in welcher Zeit jemand zu erledigen hat. Nichterfüllung von Aufgaben hat Konsequenzen.
Schule ist hoch beziehungsorientiert – es ist wesentlich wichtiger, ein „gutes Einvernehmen“ zu bewahren als auf der Erfüllung einer Aufgabe zu bestehen. Direktor:innen führen häufig nicht, sie verwalten das Haus.
Nichterfüllung einer Aufgabe hat auch keine Konsequenzen. Als Führungsperson auch kein Honiglecken, ich weiß.
(Ihr kennt das schon – ich bin die „do your fucking job“ Person, die unangenehme. In der Schule sagt dann die Lehrkraft, die nicht einmal die mindeste Leistung bringt: „Ich möchte nicht, dass du so mit mir umgehst“ und ist sehr sehr gekränkt. Tut aber weiterhin – nichts. Zum Glück habe ich keine Leitungsfunktion, außer im ok! Projekt. Ich hätte schon ein Disziplinarverfahren. Was heißt eins. Hundert. Wär aber wurscht – hat keine Konsequenz)

Alles, was in der Bildungsdirektion nicht erledigt wird, nimmt man hin, weil „man eh nichts machen kann“. Darum geht es auch problemlos durch, dass die jungen Kolleg:innen manchmal monatelang kein Gehalt bekommen, weil in der Bildungsdirektion „niemand dazugekommen ist“, die Person bei der SV anzumelden. (In einem Unternehmen kommt in so einem Fall die Sozialversicherung gleich mit einer Klage und einer fetten Strafe).

Die Umstellung von „Land“ auf „Bund“ hat aber wesentliche Vorteile:
Ich habe Zugriff auf den elektronischen Gehaltszettel und kann mir Office 365 kostenlos runterladen (man freut sich auch über kleine Dinge!) und ein funktionierendes Schüler:innen-Verwaltungssystem.
Im Gegensatz zu den Wiener Pflichtschulen /= Landesschulen, die ein selbst programmiertes, nie wirklich funktionsfähiges Programm „Wision“ gewählt haben, an dem alle meine Freund:innen verzweifeln, haben wir „Sokrates“. Das funktioniert zuverlässig und bestens.
(Wision sollte schon Jahre vor meinem Wechsel eingesetzt werden – funktionierte aber einfach nicht. Daher entkam ich der tatsächlichen Benutzung, aber nicht einer Benutzerschulung. Meine Freundinnen in den Pflichtschulen hatten nicht so viel Glück. Niemand weiß, warum die Armen nicht auch Sokrates verwenden dürfen. Ich hab aber so einige Ideen dazu, wir sind in Österreich…)

Was soll ich euch sagen – wenn ich wohin komm, dann merkt man das. (Sagen die Leut`;-)
Offenbar hat sich herumgesprochen, dass ich tätowiert bin (beim Vorstellungsgespräch mit Direktorin und Stundenplanerin zog ich im Sommer mein Sakko aus) und als ich im Herbst den Dienst antrete, „weiß“ das ganze Haus, dass ich eine ganz ganz arge Person bin. (Eh, Leute, eh. Nur aus anderen Gründen)
Eine Kollegin erzählt mir Jahre später (wohl unbewusst): „Weißt, wir ham dich ja nicht mögen, weil du so selbstbewusst ins Lehrerzimmer gekommen bist!“
An den vorsichtigen Fragen anderer Kolleginnen merke ich, dass man sich einige erstaunliche Dinge über mich zusammengesponnen hat:
Nein, ich habe keine 200 qm Wohnung aufgegeben und weiß nicht wohin mit den Möbeln (I wish!)
Nein, ich kenne niemanden im Ministerium (die dahinterliegende Beleidigung ist klar)
Nein, ich habe nicht alles in meinen Büchern selbst erlebt, sonst säße ich im Häfen.
Nein, die Personen, die in meinen Büchern vorkommen, rennen nicht draußen auf der Straße herum, sind nicht mit mir befreundet, verwandt oder verschwägert. Es sind Prototypen. Wenn ihr sie „erkennt“, hab ich was richtig gemacht offenbar.
Jedenfalls wissen sie nicht, was sie mit mir anfangen sollen. Aber jetzt hams mich und müssen mit mir leben.
Ich bemüh mich jetzt aber auch nicht aktiv um Freundschaften, entweder es ergibt sich oder eben nicht. Mir ist diese Beziehungsorientierung im Job fremd. Drum dauerts.
Mit den Kindern funktionierts auf Anhieb.
Weil ich u.a. Naturwissenschaften, Geschichte, Rechnungswesen, Betriebswirtschaft, Englisch und EDV mit unterrichte, lerne ich bald ganz viel Neues kennen. 😉
Aber das benötigt ein neues Kapitel!


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