30.Kapitel. Warum die Bildungsanstalt nicht bildet. Sprachsensibler Unterricht. Die Direktorin hat ganz viel Angst, während ich ganz viel Langeweile habe.

An ganz vielen Tagen fühle ich mich wieder in meine eigene Volksschulzeit zurückversetzt – alles ist rigide geordnet, ein Abweichen – oder ein Hinausschnuppern – aus den gewohnten Bahnen gibt es nicht. Die Kollegin hat auch- nicht verwunderlich – für jede einzelne Stunde und für die vorgeplanten Wochen fixfertige Stundenbilder, fixfertiges Material und fixfertige Ansichten. (Manche Materialien fallen fast auseinander, so lange hat sie die schon.)
(Damit ihr mich nicht missversteht: Jede_r von uns hat einen ganzen Kasten/eine ganze Harddrive/die halberte Cloud voll mit Material, oder? Aber das ist im Fluss – es kommt immer wieder was dazu, immer wieder was weg und wir tauschen untereinander immer wieder Sachen. An meinen freien Tagen entdecke ich immer wieder neue Artikel, neue Kurzfilme, neue Ideen, die ich dann sofort in die Cloud speichere, ungefragt mehreren Kolleg:innen weiterschicke und bei der nächsten Gelegenheit verwende. Weil jeder Bildungsinhalt einen allgemeinen Bildungsinhalt hat, wie Klafki gesagt hat. Bildungstheoretische Didaktik, you know.)
Sie macht es sich halt easy. Damit ist sie nicht allein und ich verstehs auch, es ist ein Job, der einen, während man ihn macht, immer zu 100% fordert – in einem Büro setzt man sich mal irgendwo in die Kaffeeküche und entspannt ein bissl, das geht in der Pflichtschule nie. Aufsichtspflicht wie ein Elternteil. Ständiger Geräuschpegel. Immer ein Gewusel und Gewurle.
Meine ewige Bewunderung haben sowieso die Elementarpädagog:innen, dort würde ich keinen einzigen Tag überstehen. Das ist nicht übertrieben.

Aber darum gehts heute gar nicht. Es ist eine dritte Volksschulklasse bzw. dann eine vierte. Da macht man viel Sachunterricht neben dem Lesen und Schreiben und Rechnen.
Für mich löst sich ein altes Rätsel: warum wissen die Kids in der Überbetrieblichen Lehre so gar nichts von den einfachsten Sachen der Welt? Warum hat man immer den Eindruck, die seien frisch von einem Raumschiff auf die Erde gefallen und alles wäre ganz neu für sie?

Den Kindern fehlen vor allem BEGRIFFE. Sie verstehen die Bildungssprache (die etwas anderes ist als die Unterrichtssprache) nicht. Sie verbinden mit (für mich selbsterklärenden) Begriffen gar nichts oder das Falsche.
Außerdem sind ihnen die Satzkonstruktionen (mit vielen Passivelementen) unbekannt.
(weiter unten sind gute Links zum Sprachsensiblen Unterricht)

So reden sie zu Hause nicht.

So etwas lesen sie auch nicht.

So etwas hören sie auch außerhalb der Schule nicht. (Ich bin ja für die Zwangsverpflichtung, zuerst „Die Sendung mit der Maus“ und dann „Wissen macht Ah!“ im TV anschauen zu müssen. Jeden einzelnen verfi**ten Tag. ALLE. Pardon my French.)

Darum verstehen sie auch die Erklärungen nicht.


Es ist dabei fast unerheblich, welche Erstsprache die Kinder haben – es ist der sozioökonomische und der Bildungs-Hintergrund der Eltern.
Bei den Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache kommt noch dazu, dass sie in dem Alter, wenn sie Pech haben, vielleicht die 300 wichtigsten deutschen Wörter schreiben und sprechen können (das entspricht dem „Blitzlese“-Karteikasten, den ich verwende, um das Wortbild zu festigen), Artikel ausgenommen, die dauern ewig, weil ohne Logik.

Wer das nicht glaubt, kann ja ein einfaches Selbstexperiment machen:

  1. Anschauen und zuhören – was hat er genau gesagt? (Das ist euer Fachgebiet, also no problem, oder?)
  2. Jetzt mit Untertitel anschauen – um wie viel besser gehts? (Wozu eigentlich, ihr habt alle mindestens 9 Jahre Englisch gehabt in der Schule und in dieser Sprache auch schriftlich und/oder mündlich maturiert)
  3. Wie gehts eigentlich den Kids, die erst seit 3-4 Jahren da sind (oder gerade erst gekommen sind) und von denen ihr verlangt, dass sie dem Unterricht gefälligst folgen sollen und endlich Deutsch lernen sollen, weils sie „ja jetzt eh schon ein Jahr da sind“?
  4. Jetzt bitte in eigenen Worten, aber natürlich auf Englisch, das Interview zusammenfassen.


Wer das für unfair hält, weil er/sie „ja keine Übung mehr hat in Englisch“, hier gern ein deutscher, wissenschaftlicher Text:

Aus den beiden, für die Analyse ausgewählten Artikeln, von Ghisleni et al. (2016) und Arnold (2016), ließen sich eindeutige Herausforderungen ableiten, die die Autorinnen an die bioarchäologische Wissensproduktion stellen. In beiden Texten wird aus queer-feministischen Theorieansätzen heraus argumentiert, welche Schwierigkeiten sie im Diskursfeld Sex vs. Gender in Grabungskontexten sehen. Ihre Kritik bezieht sich dabei vor allem, auf die in diesem Feld wirkenden Vorreinnahmen, die die Forschungsergebnisse, und überhaupt, die vorrausgehenden Fragen sowie Annahmen über das gefundene Material, verzerren. Ghisleni et al. (2016) verdichten ihre Kritik innerhalb zweier Kernpunkte, dem „two-sex/two-gender – modell“ und dem „sex/gender system“. Als Überbegriff verwenden sie den englischen Begriff „Binary Binds“, der die realitätsverzerrende Wirkung beschreibt, wenn biologisches und kulturelles Geschlecht als strikt binär gedacht werden. Arnold (2016) macht ebenso von dieser Begrifflichkeit gebrauch, unterteilt ihre Gedanken allerdings nicht weitergehend.

Die angesprochenen Kritikpunkte lassen sich wie folgt zusammenfassen. Als problematisch wird die Anschauung genannt, es gäbe aufgrund natürlich, biologisch determinierenden Gründen nur zwei mögliche Varianten des Menschseins. Mann sein bedeutet hierbei männliche Reproduktionsorgane zu haben und gleichzeitig eine Genderidentität als „Mann“ zu haben, die gewisse gesellschaftliche Rollenbilder beinhaltet. Dies gilt ebenso für die Kategorie der „Frau“.  Aus feministischer Sichtweise wird dies als cis- sowie heteronormative Vorstellungen, entlang eines westlich-ideologischen Theoriegebildes enttarnt. Für die Forschung würde sich hier die Herausforderung stellen, das Selbstverständnis der Binarität abzulegen. Für Ausgrabungskontexte hieße das beispielsweise, nicht unreflektiert davon auszugehen, dass das anatomische Geschlecht der Funde, Grundlage aller gelebten Identitäten und primärer Faktor der sozialen Organisation sein musste. Das würde auch die klassische Einteilung in Grabbeigaben in binäre Kategorien, kritisch hinterfragen. Arnold (2016) beschreibt darüber hinaus, dass die empfundene Geschlechterzugehörigkeit auch als potenziell veränderlich im Lebensverlauf anerkannt werden muss.

(Quelle: Beim eigenen Kind geklaut. Danke, Kind.)

Und? Worum gehts genau? Dürfte ja kein Problem sein, es ist ja eure Muttersprache und wird derzeit überall diskutiert…….außerdem seid ihr ja selbst auch Akademiker:innen…
(Tipp: es geht um die Herausforderungen, die die intersektionell-feministischen Ansätze an binäre Annahmen über „Sex“ und „Gender“ innerhalb der Bioarchäologie stellen.)

Wie man Fachsprache so aufbereiten kann, dass die Kinder sie auch verstehen können, könnt ihr unten bei den Materialien nachlesen. „Scaffolding“, also den Gerüstbau für das Erlernen/Merken/Verfassen von Texten geht eigentlich immer – ist aber Hacke. (Ja, ihr habt gewusst, dass es einen Haken gibt, oder?)

Trotz all dieser Erkenntnisse ist mir im normalen Schulalltag saufad (Entschuldigung). Ich bin halt keine für die Kleinen, ich bin eine für die Großen. (Muss es auch geben)

Außerdem stirbt meine Direktorin wegen a) meiner Unbotmäßigkeiten und b) wegen der Bücher, die zu der Zeit bereits auf dem Markt sind, tausend Tode. Vor allem *hüstel* wegen „Herzlos“, glaub ich.
Also legt sie mir rechtzeitig und wortlos (ein Zeugma!!) das Formular für die Versetzung in mein Fach.

Dass der zweite Band Fetzer „Fetzer und die Schönheit des Scheiterns“ in den Gymnasien auf der Leseliste steht, tut ihrer Angst keinen Abbruch. Auch nicht mein Hinweis, dass, wenn die Kinder meine Bücher lesen und verstehen könnten, wir ihnen die Matura schenken würden. Sofort nämlich.

Zum Glück ist mein Sonderschuldirektor ein vernünftiger Mensch – in der Sekundarstufe II wird was frei, da komm ich hin und dort bin ich noch.
Stay tuned, neue Kids, neue Kolleg:innen, ganz neue Themen.

Anmerkungen:

Sprachsensibler Unterricht, gutes Material und gute Websiten:

https://www.oesz.at/sprachsensiblerunterricht/UPLOAD/praxisreihe24_web.pdf

http://www.sprachsensiblerfachunterricht.de/sprachbildung

https://www.oesz.at/OESZNEU/home.php

http://hp.vcoe.or.at/web/images/artikel/verband/chemietage/WS16.pdf



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