29.Kapitel. Offenes Lernen. Wie geht das, was ist das und was ist es sicher nicht. Lerntypen.

In den letzten 20 Jahren hat sich am Unterricht doch einiges geändert – zum Schlechteren, wie ich bemerke. Von den Intentionen des „Offenen Lernens“, das ganz klar auf Selbsttätigkeit, Förderung und Individualisierung/Differenzierung ausgerichtet war, ist kaum mehr was übrig. (In den reformpädagogischen Klassen wirds sicher noch so laufen wie damals ausgedacht und erfolgreich durchgeführt, aber in den Regelklassen nicht.)

Versuchen wir einen Vergleich, weil doch einige junge Kolleg:innen das Ursprungsmodell nicht mehr kennen dürften. Also, ihr jungen Hüpfer, damals, im Schulversuch, war das so:

Wir dachten uns, lasst uns doch jedes Kind erreichen – denn wenn jedes seine eigene Zeit braucht zum Lernen und seine eigene Lernstrategie entwickeln muss, dann machen wir doch den Unterricht so, dass das möglich ist. Denn eins wussten wir damals schon: Lernen macht Spaß, wenn man es in seiner eigenen Zeit und nach seiner eigenen Fasson machen kann. Alles andere ist bloß Quälerei.

Lernstrategien gibt es so viele, wie es Kinder gibt – ich selbst muss, wenn ich mir etwas merken will, den Text lesen und mir auf einem Blatt daneben was dazu zeichnen, kritzeln und schreiben.

Den Zettel brauch ich danach nie wieder, die Tätigkeit dient nur dazu, die Inhalte in mein Hirn zu transportieren. Vom bloßen Zuhören, während ich stillsitze und „aufpasse“, lern ich genau nix. (Eh kaum wer. Siehe Link)
Die allermeisten Menschen müssen etwas sehen, hören und etwas tun, damit der Lerninhalt „sitzt“. Alle Lehrpersonen im Pflichtschulbereich wissen das. Aus Erfahrung und aus der Ausbildung. Den Kolleg:innen in der Sekundarstufe hat das offensichtlich aber nie jemand beigebracht oder sie haben es vergessen, weil anders ist deren sinnloser Frontalvortrag nicht zu erklären.

Was sind also die Eckpunkte für „Offenes Lernen“?

  1. Jeder Lerninhalt muss exakt operationalisiert werden. Was sollen die Kinder nach dem Tag/der Woche/dem Zeitraum können, wissen, durchführen, gesehen haben, ……
  2. Jeder Inhalt muss für die unterschiedlichen Stationen aufbereitet werden – es kann Übungsstationen geben, Lernstationen mit Lehrkraft, Spielstationen, Lesestationen, Experimentierstationen….
  3. Arbeitsblätter und Anweisungen müssen binnendifferenziert sein – für die I-Kinder, für Nicht-Muttersprachler:innen
  4. Die benötigten Zeiten sind zu schätzen und gut zu planen, es ist ein Puffer einzuplanen – was sind die „Muss“ Stationen und was sind „Zusatzstationen“?
  5. Es ist ein Tagesplan/Wochenplan/Monatsplan zu erstellen, damit die Lehrkraft und vor allem das Kind einen Überblick hat, was schon erledigt/noch zu erledigen ist.
  6. Jedes Kind arbeitet in seiner eigenen Geschwindigkeit und nach seinen Lernvorlieben – das ist nämlich der Sinn dahinter.
  7. Die Erarbeitungsphasen für neuen Lernstoff werden für Kleingruppen mehrfach durchgeführt – so hat jedes Kind die Chance, es zu verstehen bzw. sich nicht zu langweilen.
  8. Lernen ist immer Lernen mit allen Sinnen. (VAKOG und Kritik an der Lerntypentheorie siehe Link)

Ihr seht schon, das ist Hacke. Ist halt ein Job für Profis (parrot-free zone, gell! Siehe vorige Kapitel!)

An einem konkreten Beispiel heißt das, dass Imre und Marie vielleicht in 5 Minuten mit dem Laufdiktat fertig sind, Hedwig, Momo und Ayse 15 Minuten brauchen können, und alle haben etwas davon – Imre und Marie langweilen sich nicht, sondern experimentieren bereits mit Sand und Wasser und Hedwig, Momo und Ayse haben die Chance zu üben, ohne dass sie durch die anderen gedrängt werden – und ohne dass die Lehrkraft einfach zum nächsten Punkt weiter geht, „weil das sonst zu lange dauert“. (Im „traditionellen“ Unterricht ist das so, und die Kinder aus den sozioökonomisch besser gestellten Familien üben dann zu Hause, zahlen Nachhilfe, die ärmeren können weder helfen noch zahlen)
Ebenso kann die Lehrkraft in der Kleingruppe 20-mal das Dividieren erklären – und der nächsten Kleingruppe eben nur 2-mal. (Wers kapiert hat, geht zur nächsten Station und übt das)
Alex, Ugur und Ibrahim glauben währenddessen, dass sie, wenn sie ganz lang in der Lese-und Chill-Station verbringen, sich Lernen ersparen – und merken gar nicht, dass Lesen und Entspannen in ihrem Hirn bald auf ewig verbunden sein wird und dass sie bald besser und leichter – und damit lieber – lesen werden (einer der besten Lehrer:innentricks by far)

Bevor ihr fragt: Natürlich geht sowas auch in der Sekundarstufe. Es gibt ja zweifellos in jedem Fach so viele unterschiedliche Lerninhalte, dass man Stationen damit bestücken kann – allerdings ist es völlig sinnlos, dies auf eine einzige Stunde zu beschränken.

Genauso sinnlos ist es auch, „Offenes Lernen“ zu pervertieren, indem man „Buchstabentage“ draus macht in der Primarstufe, wo die Kinder im Eiltempo durch unterschiedliche Stationen durchgeschleust werden, um einen Buchstaben in unterschiedlichen Arten zu erlernen und zu üben. Von den eigentlichen Intentionen ist dann wahrlich nichts mehr übrig. Die Kids haben dann erst recht keine Zeit, sich etwas einzuteilen und einmal mehr, einmal weniger Zeit zu brauchen – die Entspannungsstation ist auch meist gestrichen, weil dazu „die Zeit fehlt“

Neuerdings gibt es ja in der Sekundarstufe II „COOL“ – das scheint auf ähnlichen Prinzipien zu fußen, ist halt die Frage, wie die ausführenden Personen dies anleiten.
Ich befürchte, dass die Papageien unter den Kolleg:innen, wenn man sie nötigt, so eine Art Unterricht zu machen, den Kids einfach einen Satz Aufträge vor den Latz knallen und sie dann damit allein lassen, was recht wenig Lerneffekt hat. Aber – ich weiß es nicht, müsst ich mir anschauen.

Jedenfalls – an der Volksschule im 14. ist das Wissen, was „Offenes Lernen“ ist, nicht wirklich präsent und damit ein Stressfaktor pur, vor allem für meine Kollegin.
Als sie eine Woche auf Kur geht (es gibt ja diese Präventiv-Kurz-Kuren) arbeite ich die ganze Woche „offen“ und mache alles, was sie gar nicht aushält: Es gibt eine Anmäuerl-Station mit Murmeln am Gang (Feinmotorik), eine Malstation mit schwarzem Tonpapier und nassen Kreiden (die ur Sauerei, aber herrlich schön!), mehrere Übungsstationen und eine immer wiederkehrende Erklärstation (mit mir)
„Das war die schönste Woche meines Lebens“, schreibt mir ein Bub später in einem Briefchen (Mit Herz und Pony? oder Dino?)
Die dortige Häkelgoaß (eine besondere Goaß, die gibt den Kindern auch Wolle mit so viel Kunststoffanteil, dass absolut jedes Häkelstück bei jedem Kind verklumpt) soll mir in dieser Woche helfen, flüchtet aber bald. So viel Arbeit scheint sie nicht gewöhnt zu sein. 😉

Überprüfe mal deinen Unterricht, ob du nicht mehr „Offenes Lernen“ einbauen kannst.

(Außer du bist ein Papagei, dann machst du das nicht, regst dich aber dafür im Lehrerzimmer auf, dass ich einen Anti-Lehrer-Blog schreiben würde. Wie die Berliner Freunde so schön sagen: „Kannste machen. Ist halt kacke.“)

Anmerkungen:

Lerntypen: https://docplayer.org/57280748-Lerntypen-5-mai-andrea-hamidi-koordinatorin-berufliche-grundbildung.html

Kritik an der Lerntypentheorie (was ich immer sag, siehe Vorkapitel: Wissen ist wie Lego) kommt von

Prof Stangl: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNEN/Lerntypen.shtml

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