Ich soll mich in der Volksschule, in der eine freie Integrationsstelle zu besetzen ist, vorstellen kommen. Misstrauisch beäugt von ein paar Kolleginnen stehe ich in der großen Pause im Park herum. Die Lage entspannt sich, als sich ein Mädchen das Knie aufschlägt und ich mich um sie kümmere. Was haben sich die Kolleginnen gedacht, wer da kommt? Ein herzloses Monster? Ach so, ich komm ja vom Poly, die wissen offenbar ziemlich genau, wer sich dort so umtreibt.
Die Direktorin spricht diese Situation später direkt an – als sie gesehen hätten, wie lieb ich mich kümmere, seien alle beruhigt gewesen. (Sich normal empathisch und/oder lebenspraktisch zu verhalten, scheint eher die Ausnahme zu sein als die Regel, aber das habe ich in den Jahren in der Schule öfter gesehen.)
Ich beginne also im Herbst in einer dritten Klasse einer Volksschule im 14. Bezirk als Integrationslehrerin.
Zurück bei den Kleinen. Ein Kulturschock. Von „Chillen Sie ihr Leben, Frau Lehrn“ zu „Du bist die liebste und die schönste Lehrerin der ganzen Welt“. Nicht, dass mich die Großen nicht geliebt hätten. Haben sie. Tun sie. Aber die drücken es halt anders aus, die kommen nicht auf einen zugelaufen, umarmen einen und bieten dann ein Stück ihres Jausenbrotes an ;-). Sie schreiben auch höchst selten Brieflein, die mit Herzen und Tierzeichnungen verziert sind. (Würd auch komisch ausschauen, die meisten meiner Schüler:innen sind so 1,75 bis 1,90 und damit größer als ich. Wirkt eh immer ein bissl skurril, wenn ich am Gang ein paar große Buben von unten nach oben ankeppel….)
In der Volksschule würde so viel gehen, so viel könnte ausgeglichen und wieder gutgemacht werden. Die Kleinen sind so begeistert vom Lernen, saugen alles Neue auf wie ein Schwamm, probieren angstlos alles aus, weil sie sich noch alles zutrauen – beim richtigen Setting und mit den richtigen Lehrpersonen ganz einfach zu lösen. Eigentlich.
Seit meiner Erstausbildung und den ersten Unterrichtsjahren im 17. Bezirk sind viele Jahre vergangen – mehr als 20. Geändert hat sich viel und gleichzeitig nichts. Immer noch gibt es reformpädagogische Klassen (bei uns im 2. Stock), dort gehen Anna-Sophie und Patrick- Leonard in die Schule. Drei Lehrkräfte sind dort eingesetzt, sie haben sogar zwei Integrationskinder in der Mehrstufenklasse. Jedes Mal, wenn ich dort vorbeigehe oder etwas von einer der Lehrerinnen brauche, staune ich neidvoll über die wahnsinnig tolle Ausstattung. Die haben alles an Material, was das Pädagoginnenherz begehren könnte. Inklusive Aquarium, Terrarium und Kuschelecke. Das ist die Klasse, die zu Weihnachten auch die ganz tollen Aufführungen macht, mit langen, schön und selbstverständlich akzentfrei gesprochenen Texten.
Ich bin oben im 3. Stock, in meiner Klasse sitzt Amra, Dejan, Mohammed, Mahmoud, Angelo,……der Anteil der Kinder mit Migrationsgeschichte liegt bei 99,9%, die zwei hier geborenen blonden österreichischen Mädel sind Integrationskinder, haben also einen SPF bzw ist eine schwerstbehindert. Die anderen drei I-Kinder sind aus Serbien, aus der Türkei, aus Rumänien (ein Romabub).
Im Lauf des Jahres entdecke ich den Grund für die (offenbar nur für mich) auffällige Teilung in „Ausländer“- und „Inländerklassen“. Für die reformpädagogischen Klassen muss man sich für einen vorbereitenden Elternabend im Sommer anmelden, sonst bekommt man dort keinen Platz. Der winzige Zettel mit viel Text hängt am Schultor. Die Mama von Marie-Sybill kann diesen lesen, interpretiert ihn richtig und erscheint – die Mama von Aysegür kann den Zettel a) nicht lesen b) nicht verstehen c) geht fix nicht auf ein Elterntreffen im Sommer, weil sie nicht da ist, sich dort nicht wohl fühlt, weil sie sich nicht gut verständigen kann oder weil sie vermutlich eine Scheißhacke hat, von der sie nicht frei bekommt.
So sitzen in den Klassen später entweder Kinder die eine akzentfreie und grammatikalisch richtige Unterrichtssprache sprechen oder die, die diese bruchstückhaft sprechen, sie auch nur von den Lehrpersonen am Vormittag hören und unter sich ein „Pidgin-Deutsch“ (Gemma Park?) verwenden.
Noch ein demografisches Phänomen sehe ich dort: Im selben Gebäude, Rücken an Rücken quasi, mit Durchgang, ist eine Neue Mittelschule. Die allermeisten unserer Kinder gehen nach der Volksschule dorthin, die aus den reformpädagogischen Klassen natürlich nicht, ich selbst muss eine Gruppe einmal begleiten, zum „Schnuppern“.
(Dort begegnet mir eine Kollegin, die mich am Gang anredet und mich fragt, ob ich „der Sonderschullehrer“ bin. Ich sag automatisch „nein“, weil ich mich als weiblich identifiziere und es daher „die Sonderschullehrerin“ heißen muss. Sie bleibt mit offenem Mund stehen, während ich mit meinen 5 Integrationskindern weitergehe. Später merke ich, so eine wie die gibts ganz ganz viele.)
Ein paar Häuser weiter ist eine feine Privatschule, dementsprechend fehlt bei uns die Schicht der besser gestellten und gut deutschsprechenden bzw. „hiesigen“ Schüler:innen beinahe zur Gänze. Was wir für die Mehrstufenklassen abziehen können von denen macht das Kraut nicht fett..
Interessanterweise war eins meiner Mädchen in der Vorschule dort – sie wurde jedoch nicht in die 1. Klasse übernommen. Aus „Platzgründen“, offiziell. Aus zwei anderen Gründen, wie ich vermute: Sie ist Serbin UND hat einen SPF. Das sind zwei ganz pfui Sachen, die die feine Privatschule gar nicht verträgt.
Unsere Schule ist auch nicht viel besser. Allgemein bekannt ist die Familie eines meiner I-Kinder, weil alle Kinder seit vielen Generationen zuerst in die Volksschule gehen und dann nebenan in die NMS – und immer als Integrationskinder. Immer. Auch spannend, weil außer einer Lernschwäche hat mein Mädel mal nix. Das wäre eine Studie wert, warum kein einziges Kind dieser Familie (ja, sie sind sozioökonomisch furchtbar schwach, leben unter grauslichen Bedingungen, was sich z.B. in ungewaschenen Kindern, ungewaschener Kleidung und dauernden Erkältungskrankheiten zeigt, sie sind zu viele auf zu engem Raum und hackeln zwar, bleiben aber arm) es schafft, als Regelschulkind beschult zu werden. Sonderschule mit der Muttermilch aufgenommen oder unsichtbarer Stempel? Drei Generationen und keine einzige Ausnahme? Kann nicht mit rechten Dingen zugehen. (keine Mehrfachbehinderung, keine geistige Behinderung, kein Inzest, keine unbehandelten körperlichen Krankheiten, keine Spätschäden von Diabetes, Epilepsie etc, kein FAS, weil weder Mutter noch Großmutter Alkis sind, immer nur „lernschwach“)
Eine zweite Großfamilie gibt es noch an der Schule – die Familie von meinem Roma-Buben, einem goldgelockten, herzigen und immer freundlichen Kind. Naserümpfend wird mir erklärt, dass er der Sohn der einen Familie sei, es gibt nämlich zwei, 6 Kinder einer Exfrau, die andere Familie und 6 Kinder seiner Mama. Es gibt auch einen Papa, der, schwer herzkrank, die gesamte Familie versorgt.
Zur Verwunderung (und zum Abscheu) meiner Kolleginnen hat der Clan das so gelöst, dass ein älterer Halbbruder von meinem Buben, der, no na, in die NMS im Nebengebäude geht, den kleineren Geschwistern (egal aus welcher der Familien) in der Früh die Jause besorgt und diese dann in der ganzen Schule auf die jeweiligen Kleiderhaken hängt. Dadurch kommt er selbst jedes Mal zu spät in den Unterricht und wird dauernd blöd angegangen von seinen Lehrkräften.
Nach dem Unterricht sammelt er auch die Kleinen auf und bringt sie zu seiner Mama, dort holt sie am Abend der Papa und bringt sie zur anderen Frau (Sie sind Marktfieranten und arbeiten von früh bis spät)
Die Klassenlehrerin fühlt sich von dem Buben offenbar persönlich beleidigt in ihrem „Moralempfinden“ (oder es ist einfach ihr immer wieder merkbarer Rassismus) und bestraft ihn regelmäßig: Weil er als Jause eine Pizzaschnitte hat und keine „gesunde Jause“, weil er die Aufgabe fürs Wochenende, mit den Eltern die Ringstraße zu besuchen, nicht erledigen konnte und daher beim Test die Gebäude nicht richtig beschriften kann etc.
Mir erklärt sie, weil ich mich darüber aufrege, dass „man das manchmal halt über die Kinder spielen muss“. Aha. (Ich darf nicht blöde Fotze sagen. Ich darf nicht blöde Fotze sagen. ich darf nicht blöde Fotze sagen)
Wir haben auch einen Hort, direkt in der Schule – dort bekommt man aber nur einen Platz, wenn die Mütter arbeiten. Einem türkischen Buben, der so einen Platz dringend bräuchte, weil er nicht einmal ein eigenes Zimmer hat und die Hausaufgabe unter dem Wohnzimmertisch mühsamst zusammenschustert, gibt die Direktorin den Platz mit folgender Begründung nicht: a) die Mutter arbeite nicht (ja, eh nicht, die hat grad ein Baby bekommen) und b) es würde sich „um einen Freiplatz handeln, den wir dann alle zahlen würden“. (Die Stadt Wien erlässt die Kosten für die Nachmittagsbetreuung für finanziell schwache Familien)
Dem tschetschenischen Buben gibt die Klassenlehrerin zuerst die Empfehlung fürs Gymnasium nicht, „weil da muss man schon zu mir kommen und mich fragen“ und „weil es ja Handwerker auch geben muss“.
Ja, eh. Aber die müssen alle Amir, Darko und Mohammed heißen, oder wie? Und alle Dragicas putzen später Büros und Ordinationen. Während die Ärzt:innen Sophie, Markus, Daniel und Leah-Nora, die die höhere Bildung offenbar per Herkunft verdient haben, nachlässig grüßend an ihnen vorbei gehen, weil sie ihre Kinder aus der Privatschule abholen müssen.
Die Segregation ist hausgemacht. Wir bleiben noch ein, zwei Kapitel in der Volksschule, weil wir – schon wieder – ernsthaft über Unterricht reden müssen.
Dja, dem kann ich schon zustimmen, manches davon habe (als ehemalige Integrationslehrerin) fast wortwörtlich auch gehört. Der gruene Daumen festgewachsen an einem weiblichen Körper.
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