Ich nehme die Gelegenheit wahr, mich an ein Poly versetzen zu lassen – dort sind die Kids, die mich brauchen, denke ich.
Für Mitleser:innen, die mit dem österreichischen Schulsystem nicht vertraut sind: Der Polytechnische Lehrgang ist das verpflichtende 9. Schuljahr nach der NMS, „Neue Mittelschule“, danach macht man eine Lehre. Wer gute Zeugnisse hat, geht aber in die weiterführenden berufsbildenden Schulen bzw. ist immer noch am Gymnasium. Das ist die „österreichische Segregation“ von Schüler:innen. Nur die wenigsten Schüler:innen aus einem Poly schaffen eine weiterführende Schule, zu groß sind die Lerndefizite, den Kids fehlen 2-3 Lernjahre, das Niveau ist unterirdisch)
Die Statistiken sprechen eine klare Sprache, interessant ist vor allem, wie gering die Verlustraten in der Langform Gymnasium sind und wie hoch in der BMS. (ich beschränke mich hier auf Wien, du findest aber alles ganz unten im Link!)
Wenn die Kids von einer NMS zu uns in die weiterführende Schule kommen (Fachschule), brechen 46,1 % ab, wenn sie vom Poly kommen, 55,7%.
Kinder, die es in der höheren Schule versuchen (5jährig mit Matura) brechen, wenn sie von einer NMS kommen, zu 39,3% ab, die vom Poly aber zu 73,3%. (Nur zum Vergleich: Kinder, die die AHS Unterstufe besucht haben, brechen die AHS- Oberstufe nur zu 20% ab)
Offenbar fehlt den Schüler:innen im Poly noch immer die Bildungssprache (und das ist nicht dasselbe wie die Unterrichtssprache, mind you!), es fehlt ihnen an Vorwissen (das sie laut Lehrplan aber haben sollten) UND sie sind sehr häufig aus prekären Verhältnissen, haben kulturelle, soziale und sozioökonomische Defizite.
An so einem Poly bin ich also 2011/12.
Ich bin in der Integration eingesetzt, habe 5 Schüler:innen, die in mehreren oder allen Fächern einen SPF (Sonderpädagogischen Förderbedarf) haben. Die Vorstellung von Integration ist an dieser Schule originell: Ich soll die Kinder immer rausnehmen und extra unterrichten.
Mach ich natürlich – NICHT. (Wusstet ihr schon, ihr kennt mich ja schon). Nur in Englisch nehm ich sie raus, weil da versuche ich, ihnen wenigstens die Basics beizubringen im 9. Schuljahr. Da könnens nämlich genau gar nichts, Englisch dürften sie nie gehabt haben. Außer im Stundenplan.
Ein supernetter Kollege ist wenigstens da, er unterrichtet Mathe und Technisches Zeichnen (zwei Fächer, in denen er NICHT geprüft ist, trotzdem macht er seine Sache sehr gut und gern. So sind wir wenigstens zwei, die ihren Job dort gern machen!)
Überhaupt sind dort ein paar Dinge originell. Nicht nur, dass der Verrückte mit den Marienerscheinungen dort rumrennt (der hat einen eigenen Blogeintrag unter „The Good, the Bad, the Ugly“), neben meiner Klasse ist die „Sammelklasse“, in der, wahnsinnig guter Plan des Stadtschulrates (jetzt Bildungsdirektion), Schüler:innen beschult werden, denen Schuljahre fehlen. Egal, welche und wie viele. So finden sich dort die Schulverweigerer, die Verhaltensauffälligen, die Kleindealer, die Bandenkinder, die psychisch Beeinträchtigten, die Junkies – alle, derer man irgendwie habhaft werden konnte und die noch keine neun Schuljahre haben. Die bekommen dann irgendeinen Unterricht. Augenauswischerei, auf gut wienerisch.
Die Kolleg:innen, die dort unterrichten, zeichnen sich durch ein interessantes Mindset aus.
Eines Tages spricht mich einer der sehr großen Buben bei der Gangaufsicht an (Mit mir redens alle. Ich schau ihnen ins Gesicht und lächle sie an.) Er hebt seinen Pulli hoch und zeigt mir einen blutigen Verband. „Schaun sie, Frau Susanne, Bauchstich!“
Ich frag ihn, wie zum Teufel das passiert ist und er erzählt, dass ihn die Tschetschenen-Bande im Park erwischt habe (uns beiden ist klar, er ist einer von der anderen Bande, der Yugo-Bande, aber ich spreche das aus Höflichkeit nicht an) und dass sie geschworen hätten, ihn heute vor der Schule abzupassen.
Ich suche die Kollegen von der anderen Klasse, um ihnen dies zu berichten. Die beiden schauen sich an, sie fragt ihn, was sie machen sollen – woraufhin er meint „Wir zwei gehn halt heute hinten raus“. Ah, verstehe. Problem gelöst, oder wie?
Zum Erstaunen der Kollegen ist für mich das Problem damit nicht gelöst. Ich verständige die Polizei, die Schulsozialarbeit und den Direktor.
(Der Direktor brüllt mich bloß an, die Schulsozialarbeit hätten sie noch nie gebraucht, und wenn ich die noch einmal verständige….)
Bald merke ich – das ist die Arbeitshaltung dort. Nur Ruhe haben, um jeden Preis. Fehlenden Kids wird nicht nachgerufen (schulpflichtig!) weil „is eh besser, wenn der ned da is“, es wird irgendwas unterrichtet, nein, vorgetragen, weil mit Unterricht hat das wenig zu tun, am Ende gibts dann irgendein Zeugnis, dessen Noten auch gewürfelt sein könnten. Der Werklehrer ist kaum die Hälfte des Jahres da und macht seinen Job so ungern, dass ich mich wundere, dass er sich nicht anspeibt, wenn er die Kids sieht.
Bei den meisten Kolleg:innen habe ich das Gefühl, sie mögen die Kinder einfach nicht. Das Gefühl ist allerdings gegenseitig. Die einen sind der Überzeugung, dass „diese Ausländerkinder“ bzw. „der Ruaß da“ sowieso schlecht und deppert sind, die anderen sehen und hören und spüren das – und reagieren.
Wenn ich den „Mr. Yelloman“ nicht hätt, den motivierten und guten Kollegen, wär dieses Schuljahr unerträglich.
Es bleibt bei dem einen Schuljahr, ich lasse mich versetzen – ich bin überzeugt, das Kollegium inklusive Direktor atmet auf. Vielleicht feiern sie seither jedes Jahr, dass sie diese ungute Person, die so viel fragt und so viel Wirbel macht, nicht mehr ertragen müssen. Es sei ihnen gegönnt. Sie befinden sich den Rest der Zeit bereits in ihrer persönlichen Hölle.
Anmerkungen:
Statistiken zur Schullaufbahn hier:
2022 ist die Situation an den Polys ein wenig anders. Seit ein paar Jahre gibt es den Schulversuch Fachmittelschule, der ein „besseres“ Poly anbietet. Hoffe ich inständig. Für die Kinder.
Na ja, ich kann vieles was Sie schreiben sehr gut nach vollziehen. Es erweckt der Stil des Gelesenen den Eindruck, als seien Sie die Lichtgestalt in diesen Sa…..hau… . Das mag zweifellos stimmen, es bleibt halt der bittere Nachgeschmack der Arroganz derjenigen, die den Blog verfasst. Liebe Grüße vom gruenen Daumen, der auch einmal Sonderschullehrerin war.
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