26.Kapitel.Im SPZ. Ein paar seltsame Exemplare. Ein Schritt weiter.

Was ist ein SPZ? Ein Sonderpädagogisches Zentrum, also ein Standort für eine Sonderschule mit erweiterten Aufgabenbereichen. Das nur zum Verständnis.
Ich bin im ersten Jahr dort als Teamlehrerin eingesetzt – einfach, weil ich nun mal da bin und entgegen meinen Kompetenzen. Mit der Nahtstelle Schule/Beruf habe ich genau nichts zu tun.
Ich unterrichte überall mit, nur Kochen hab ich alleine mit einer kleineren Gruppe.
Zum Glück mache ich das gerne und kann den Kids ein bissl was für eine spätere, hoffentlich erfolgreiche Bewältigung des Alltags mitgeben.
Die Kids sind zwischen 15 und 18 Jahre alt, besuchen hier den „Berufsvorbereitungslehrgang“, werden aber später in Tagesstrukturen und/oder Sozialökonomische Betriebe überstellt werden, je nachdem, wohin sie die Berufsausbildungsassistenz (und später die Arbeitsassistenz) unterbringt.
Durch das Alter des Schulgebäudes (nicht barrierefrei) gehen bei uns nur kognitiv eingeschränkte oder lerneingeschränkte und psychisch erkrankte Kinder in die Schule.
Und natürlich Kinder mit Migrationsgeschichte und sehr viele Romakinder. „Natürlich“ deshalb, weil bis vor einigen Jahren das Abschieben von Kindern, die zu wenig von der Unterrichtssprache verstanden und/oder mit denen eine Prinzessinnen-Lehrkraft (aka Papagei, siehe voriges Kapitel) nicht auf Anhieb zurechtkam, sehr leicht war.
Da reichte und reicht auch schon eine Direktorin, die „solche“ Kinder nicht will. (In Klosterneuburg landen Kids mit Migrationshintergrund immer noch gern automatisch in der Integration. Ich hatte an der HLW später gleich mehrere davon, was sich statistisch gesehen niemals ausgeht.) Da machen auch die anderen Eltern ganz offen Druck. Im Gegensatz zu den Eltern der Kinder mit der Migrationsgeschichte und ganz im Gegensatz zu den Eltern der Romakinder. Beide Gruppen schauen, dass sie so wenig Kontakt mit Ämtern und Behörden haben wie möglich – und die regen sich auch nie auf, wenn ihren Kindern Unrecht getan wird. Ihre Erfahrung hat sie gelehrt, dass es dann nur noch schlimmer wird und bei Vielen tut die Sprachbarriere ein Übriges. (Was ich durch die Sozialpädagogische Betreuung in den Maßnahmen jederzeit bestätigen kann. Österreich ist das Land des „Herrn Karl“, der Alltagsrassismus ist so omnipräsent, dass er schon fast unter „österreichische Gemütlichkeit“ fällt.)
Das ist auch der Grund, warum an dieser und an anderen Schulen höchst seltsame Exemplare von Lehrpersonen tätig sein können.
Mein Kollege ist so eins. Wir sind seine seltsamen Ansichten aus dem Lehrer:innenzimmer gewöhnt und reagieren einfach nicht darauf. Einmal bin ich mit ihm und zwei Klassen auf Ausflug. Ein sehr lieber Bub, der nicht in die Sonderschule gehört, weil es ihm nur an Lernjahren und an der Sprachfertigkeit mangelt, setzt sich zu uns. Er plaudert mit mir und erzählt von seiner früheren Heimat, die er durch den Krieg verlassen musste und von einem Feiertag, der jetzt anstünde. „Wissen Sie, Frau Lehrerin, wir sind nämlich Walachen, wir reden Rumänisch und wir sind orthodox, drum sind wir aus Serbien weg im Krieg“. Der Kollege, der bis dahin nur zugehört hatte, setzt sich sehr gerade auf und herrscht den Buben an: „Das gibt es nicht!“
Ich lache und sag zu dem Buben, dass der Herr Lehrer einen Witz gemacht hat, weil er sitzt ja vor ihm, also gibt es ihn natürlich.
Der Kollege besteht jedoch weiterhin dem Buben und mir gegenüber darauf, dass es Walachen gar nicht gäbe, dass es in Bosnien und Serbien nur Serben gäbe, die serbisch sprächen. Er alteriert sich immer mehr, bis der Bub verschüchtert aufsteht und weggeht.
Auch in einem „Erwachsenengespräch“ später mit mir ist er nicht von seiner Überzeugung abzubringen. Ich will gar nicht wissen, was der sonst noch so alles glaubt und behauptet. (Zu dem Massaker in Srebrenica hat er auch eine, wie soll ich sagen, „spezielle“ Meinung)
Eine andere Kollegin, ebenfalls ursprünglich für den „Muttersprachlichen Zusatzunterricht“ engagiert, unterrichtet eine Klasse in Deutsch. Ich bin ihr als Teamlehrerin für zwei Stunden zugeteilt und sterbe gefühlt tausend pädagogische Tode – die Frau hat einen sehr starken Akzent und spricht und schreibt auch nicht richtig – und „lehrt“ Kinder Deutsch, die einen ganz ähnlichen Akzent haben.
Einmal bekommen wir einen Unterrichtspraktikanten, der bei uns die letzte Praxis machen soll, vor seinen Abschlussprüfungen. Er ist mehr als seltsam. Ich kann den Finger nicht drauflegen, weil er in einer anderen Klasse sein Praktikum macht und ich ihn nur im Lehrer:innenzimmer und am Gang sehe.
Eines Tages unterrichte ich (wie immer mit offener Tür auf den Gang, wo unsere Pausenbänke und Tische stehen) und höre ihn laut zählen: „Und 1 und 2 und 3. Und 1 und 2 und 3“. Ich denke mir, oh wie nett, er übt auf der Stiege mit den Kindern zählen, vielleicht für die Vorbereitung aufs 2er 1×1? (In den alten Schulgebäuden ging das super, man konnte das 2er 1×1 auf und absteigen bzw auf- und absingen beim Gehen)
Als neugierige Person will ich mir das anschauen, geh hinaus und seh – ihn. Allein. Die Stiegen herabgehend. Augenscheinlich ganz in seinen Tick vertieft.
Später erzähle ich das der Direktorin. Sie seufzt. Man hätte ihr gesagt, wir sollten ihm auf die Praxis ein „nicht genügend“ geben, sonst dürfe der abschließen und später unterrichten. Aber die anderen zwei Praxisschulen hätten das nicht übers Herz gebracht, also läge es jetzt an uns….
Ratet. (Lehrpersonen dürfen nicht mitraten, die wissen, wie das ausgegangen ist, gell?)

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Genau. Er bekam ein „genügend“. Vermutlich unterrichtet er jetzt irgendwo. Weil das war so 2010/11…

Nach zwei Jahren lasse ich mich versetzen, weil mir das „Schmähführen“ mit den Kindern fehlt. Ich liebe sie zwar, aber ich bin für sie die falsche Person.
Meine Kernkompetenz sind die große, bösen, Verhaltensauffälligen. (Eigentlich null Unterschied zur Unternehmensberatung früher bzw. zu einem Führungskräftetraining 😉 )



Ein Kommentar

  1. Ach, so traurig , so wunderbar geschrieben, so ein Glück daß du dir deinen scharfen Humor behalten konntest.

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