2009 bin ich am bfi als Sozialpädagogische Bertreuerin an einem Standort eingesetzt.
Gesundheitlich hat es mich ziemlich erwischt – eines Abends mir geht der Blutdruck durch und ich finde mich mit dem Verdacht auf Herzinfarkt im Klinikum Baden wieder.
Zum Glück habe ich nur einen Blutdruck von 290, den ich durch ein paar Stunden Liegen wieder senken kann, dann gehe ich nach Hause.
Diese paar Stunden zeigen mir aber, dass ich etwas ändern muss. Ich arbeite zu viel, habe zwei, drei Trainings- und Beratungs-Jobs parallel, übernehme abends mein Kind von der Kinderfrau (der Hort am Land schließt zu früh natürlich), ich kaufe ein, ich koche, dann lege ich mein Kind schlafen – dann setz ich mich in mein Büro und bereite Trainings vor, schreibe Angebote etc.
Da mein Ehemann weder finanziell noch durch irgendwelche Tätigkeiten zum Haushalt beiträgt, bin ich im Dauerstress.
Ich beschließe, mein Leben radikal zu ändern. Ich muss weniger arbeiten, weniger Stress aufbauen und – ich will endlich ein Buch schreiben. Das hab ich vor, seit ich 10 bin, kam aber nie dazu. Jetzt ist es aber Zeit.
Aus einem unklaren Bauchgefühl heraus habe ich mich zwei Monate davor beim Stadtschulrat für eine halbe Lehrverpflichtung gemeldet. Die Zuständige dort sucht nämlich händeringend nach jemandem, der ein passendes Lehramt hat (hab ich ja jetzt) und der „an der Nahtstelle Schule/Beruf“ Erfahrung hat. Hab ich, im Auswildern von Lehrlingen in die freie Arbeitswildbahn, aka Lehrstelle, bin ich erfahren, mehrfach verwundet und hoch dekoriert. Sorry für den militärischen Vergleich, aber der trifft es am ehesten.
Ein Monat später fange ich in einem SPZ an (Sonderpädagogisches Zentrum) und ein weiteres Monat später schließt das bfi ohne Ankündigung den gesamten Standort, meldet alle Trainer:innen beim AMS, entlässt das angestellte Personal – weil das AMS die Maßnahme „Deutschkurs“ nicht mehr weiter beauftragt, sondern einem noch billigeren Anbieter zugeschlagen hat. Ich habe Glück, denn ich erhöhe einfach meine halbe Lehrverpflichtung auf eine ganze.
(Außerdem packe ich mich, mein Kind und wenige meiner Sachen zusammen und ziehe wieder nach Wien. Nicht überraschend OHNE den Ehemann)
Das Händeringen der zuständigen Frau im Stadtschulrat (jetzt Bildungsdirektion) für eine Person, die sich besonders gut an der Nahtstelle Schule/Beruf auskennt erweist sich als Euphemismus für „Teamlehrerin für ein paar Stunden, die den Rest der Zeit mit den Kindern kocht und die Turnstunden macht“.
Das ist deshalb so, weil die Hauswirtschaftslehrerin dort nicht kochen mag mit den Kids, sondern statt dessen mit ihnen Mathe macht. „Das mag sie nämlich so gern“, erfahre ich von der Direktorin.
Zum Glück koche ich gern. Das mit der Turnerei ist halb so wild, denn wir machen Blockunterricht und gehen irgendwohin ins Grüne oder in den Park. (Gerade noch mal davongekommen, würd ich sagen 😉 )
Es ist eine gute Schule. Die Kolleg:innen sind, bis auf wenige Ausnahmen, äußerst engagiert, verstehen ihr Geschäft und bemühen sich, jedem einzelnen Kind das individuell Beste zu bieten.
Das ist das Lob der Sonderschule – weil die Karens da draußen so leicht daherreden wegen Inklusion, Integration, Abschaffung der Sonderschulen –
das, Leute, sind die einzigen Schulen (ganz teure Privatschulen ausgenommen) die wirklich bei jedem Kind schauen, wo es steht, was es braucht und wie es am besten förderbar ist.
Warum können die das? Weil dort a) Spezialist:innen arbeiten, die schnell und zuverlässig anhand der Diagnosen erkennen, was das Kind hat und was es daher braucht und b) weil dort 2-3 Lehrkräfte in einer Klasse stehen (wenn alles mit rechten Dingen zugeht) c) weil es dort Zivildiener gibt, die Kinder auf die Toilette/durchs Schulhaus/bei Ausflügen etc begleiten.
Wir hatten noch zusätzlich das Glück, eine Schulsozialarbeiterin direkt am Standort zu haben.
Nur bei diesen Voraussetzungen ist es dort möglich, Kinder bei Bedarf einzeln zu betreuen, mit einem oder mehreren Kids anlassbezogen rauszugehen aus der Klasse, Medikamente zu geben/zu kontrollieren, bei Anfällen, Panikattacken, Psychosen, Überforderungen/Unterforderungen das Kind und auch alle anderen Kinder zu entlasten, indem man das Setting ändert – denn es ist immer eine Aufsichtsperson anwesend. (Dort waren nur Kids mit Lernschwierigkeiten, Entwicklungsverzögerungen, psychischen Diagnosen. Altes Gebäude ohne Lift, kein medizinisches Personal)
Um das auch mal rechtlich für die Karens klarzukriegen: In der Pflichtschule ist die Aufsichtspflicht der Lehrperson wie eine elterliche Aufsichtspflicht zu behandeln (dazu gibts ein Urteil). Kinder sind nicht alleine und ohne Aufsicht zu lassen, denn wir sind immer haftbar. Und glaubt mir, es geht uns nicht um „haftbar“ – wir wissen, wenn wir mit Kevin hinausgehen, weil er das Klo nicht findet bzw sich nicht alleine an- und ausziehen kann, dass Mirko, Ivan und Sara in der Zwischenzeit ausprobieren, ob ein Bleistift oder doch eine Schere besser im Aug von Ebru stecken bleibt. Oder ob der Kopf echt ein Loch bekommt, wenn man mit einem Sessel draufhaut.
Wie soll das in der Regelschule gehen? Es gibt erstens keine zweite und keine dritte Lehrperson in der Klasse (nur wenn 5-6 Sonderschulkinder drin sitzen, gibts stundenweise eine:n Sonderpädagog:in. Wenn es denn eine:n gibt. Oft gibts halt keine:n. Die Kinder sitzen trotzdem drin)
Zweites wird nach wie vor gern traditionell frontal unterrichtet – wer nicht mitkommt, „kommt halt nicht mit“ und ist „blöd/unwillig/hat Eltern, die sich nicht scheren.“
Mir ist völlig unklar, wie sich Eltern für ein Kind, das wesentlich mehr Aufmerksamkeit/Zuwendung/Individualisierung benötigt, so ein Setting wünschen können. Okay, das Kind ist in einer „normalen“ Klasse, bekommt aber meist null mit vom Lehrstoff. Null. Nix. Nada. Das kann der/die nur stundenweise eingeteilte Sonderpädagog:in dann auch nicht wettmachen.
Bei der durchschnittlichen Unterrichtsqualität in der Pflichtschule und der Sek I (Unterstufe) kann man getrost sagen:
Die Kinder kommen mit, die die Lehrkraft gar nicht brauchen würden, um etwas zu lernen. (Stichwort: Papagei, siehe ein Kapitel weiter vorn! Und Stichwort Nachhilfe. Nachhilfe ist keine zusätzliche Erklärung, sondern meist die erstmalige Erklärung des Stoffes)
In der SEK II (Oberstufe) ist das ohnehin die Regel. Leider.
Wer das nicht glaubt, schaut sich jetzt gschwind die Ergebnisse von PISA und PIRLS oder die Ergebnisse des MIKA-D an.
Nur als Beispiel, hier etwas aus dem PIRLS 2016, weils typisch ist: (Hervorhebungen von mir)
„Lesekompetenz und Mehrsprachigkeit
Im 10-Jahres-Vergleich ist die Lesekompetenz der einheimischen Kinder signifikant gestiegen und jene von Zuwandererkindern etwa gleichgeblieben, womit die Kluft zwischen den Gruppen noch größer geworden ist. Im Durchschnitt trennen sie 51 Punkte auf der PIRLS-Gesamtskala, was fast zwei Lernjahren entspricht. Im internationalen Vergleich liegen ausschließlich Daten zum Sprachgebrauch vor. In allen teilnehmenden EU-Vergleichsländern liegen die einsprachigen Kinder im Lesen vor den mehrsprachigen. Den größten Vorsprung der einsprachigen Kinder findet man neben Österreich (mit 50 Punkten Differenz) in Bulgarien, der Slowakischen Republik und Slowenien (80, 73 bzw. 44 Punkte).
Familiäre Faktoren
Je höher der Bildungsstandard der Eltern desto höhere Leseleistungen erbringen die SchülerInnen. Der Leistungsabstand zwischen Kindern mit formal sehr gering und Kindern mit formal hoch qualifizierten Eltern ist im Laufe der PIRLS-Erhebungen größer geworden. Bei PIRLS 2006 betrug die Differenz 79 Punkte, fünf Jahre später 89 Punkte. Bei der aktuellen Erhebung hat sich der Abstand auf 96 Punkte vergrößert. Diese Differenz ist deshalb größer geworden, weil die Kinder, deren Eltern den formal niedrigsten Abschluss aufweisen, in ihrer Lesekompetenz kontinuierlich zurückgefallen sind.„
Ich übersetze: Unser Unterricht war schon vor 10 Jahren scheiße. Aber er schadet den Kindern, die gebildete und wohlhabendere Eltern haben, wenigstens kaum. Allen anderen offenbar schon.
Apropos Sonderpädagog:innen in der Regelschule, aka „Integration“: Die stehn täglich mit einem Fuß im Häfen. Ohne diese Kämpfer:innen könnte kein einziges Kind, das Medikamente braucht, in die Regelschule gehen – das Geben eines Medikaments ist uns untersagt, wir sind kein med. Personal und es ist auch keins im Haus. Daher verwahren wir natürlich das Asthmaspray und den Inhalator (oder glaubt ihr, wir rufen die Rettung und lassen das Kind sterben, weil die Rettung 5 Minuten zu spät kommt?). Wir haben selbstverständlich das Notfall-Medikament für einen Grand Mal Anfall im Kühlschrank und Handschuhe in der Lade (oder glaubt ihr, wir lassen ein Kind sterben, siehe oben)
(Das Notfallmedikament für den großen epileptischen Anfall ist btw. ein Zäpfchen.
Daher auch die Handschuhe. Die haben wir aber sowieso immer vorrätig. Wegen der Läuse.)
Wir erkennen auch, dass das Kind, das p,t,k beim Schreiben häufig vergisst, oder sich die Endbuchstaben spart, möglicherweise schlecht hört.
„Kinder sprechen, wie sie hören. Und sie hören, wie sie sprechen“ Das hat der geniale Prof. Brader immer gesagt. Beim Schreiben gibt es eine Phase, wo das Kind so verschriftlicht, wie es hört (weil es die Laute erkennt). Also schreibt es auch nur auf, was es hört. (Erst später lernt das Kind, dass viele Wörter anders geschrieben werden. Das ist dann das „Rechtschreibgewissen“.)
Wir kennen auch den Unterschied zwischen pubertärem Verhalten und Verhalten, das durch eine psychische Erkrankung ausgelöst wird.
Wir halten die Kinder nie für „böse“, und wir suchen immer die Absicht/denn Grund hinter dem Verhalten.
Regelschulkinder wären eine gute Durchmischung in den Sonderschulen – und nicht umgekehrt.
Aber es gibt nur noch wenige von uns. Allein in Wien fehlt ein Drittel der benötigten Sonderpädagoginnen. Und von den im Dienst stehenden sind 50% gar keine Sonderpädagog:innen mehr, sondern Quereinsteiger:innen.
Die alte Ausbildung gibt es nicht mehr. Statt dessen kann man jetzt so ein bissl Sonderpädagogik dazu machen im Regelstudium. Bis die ersten damit fertig sein werden, sind noch mehr von uns in Pension. Ich auch.
Wer weiß, dann unterrichten vielleicht nur mehr die Prinzessinnen, die Lernen für eine Holschuld halten. Und die Papageien. (Prinzen sind selbstverständlich mitgemeint.)