Endlich wieder ein Kapitel „reiner Lehre“ und keine Erzählungen, oder? Oder auch nicht, meine Lieben!
2000 bis 2009 Ich habe viel Gelegenheit, in unterschiedlichen Settings zu unterrichten bzw zu trainieren – immer wieder bin ich die pädagogische Zusatzkraft (= Unterricht für die Lehrlinge), die sozialpädagogische Beraterin (= Beratung), die Lehrtrainerin in Trainer:innenausbildungen, Workshopleiterin in Firmentrainings, manchmal Coach, manchmal klassische Unternehmensberaterin.
2008 setze ich mich wieder auf die Uni und 2009 unterrichte ich (zuerst zur Hälfte) an einem Sonderpädagogischen Zentrum.
Daher traue ich mich zu den unterschiedlichen Formen durchaus etwas zu sagen.
Gibt es einen Unterschied zwischen Unterricht und Training? Ja. Unterricht wird wesentlich schlechter gemacht. Ich habe über die Jahre eine Menge Lehrkräfte gesehen – im Teamunterricht, in der Hospitation. Ebenso habe ich eine Menge Trainer:innen erlebt, gesehen, ausgebildet.
In a nutshell: Trainer:innen können fachlich ganz toll oder ganz furchtbar sein – aber sie wissen in den allermeisten Fällen, was sie didaktisch und methodisch tun und warum sie es tun. Lehrkräfte sind aber sehr häufig nur furchtbar. Didaktisch, methodisch und – menschlich.
Ein Trainer, der ein aufgeblasener, eitler Wicht ist, wird aber das nächste Mal nicht gebucht werden, weil er dementsprechendes Feedback bekommt, ebenso wie die strahlende, aber leider unfähige WU-Maus, die ein paar ultrageile Powerpoint präsentiert, aber didaktisch daneben ist.
Die Lehrkraft aber bleibt. Und sie bleibt unreflektiert. Schlechtes Feedback, falls es ihr zu Ohren kommt, hält sie für „normal“, weil Schule halt nicht Spaß macht. Das sieht sie ja jeden Tag. (Möbiusband. gestern eh gegoogelt, oder? 😉 )
Aber schauen wir uns das genauer an:
Dass die Lernenden Subjekt und nicht Objekt sind in diesem Prozess, war in den Zeiten der Reformpädagogik völlig klar. Das nannte man „Schüler:innenorientierten Unterricht“. In der Pflichtschule war es normal, die Kinder dort abzuholen, wo sie waren – weil jede:r wusste, sonst wird das nix. Jedes Kind ist unterschiedlich, jedes braucht seine eigene Zeit und vielleicht eine eigene Methode.
Es war auch klar, dass man für jeden Lehrinhalt etwas didaktisch Passendes heraussuchen muss – bzw. dass man eben eine andere und ganz neue Didaktik dafür entwickelt.
Das herauszufinden und für alle das geeignete Setting zu finden, alle voranzubringen und niemanden zurückzulassen, allen ein Fenster im Kopf aufzumachen –
DAS, Leute, ist UNTERRICHT.
Dazu muss man studieren, üben, reflektieren, das ist eine hohe Kunst. Eine Lehrperson ist ein absoluter Profi, deren Kompetenz genau das ist: Einen Lehrinhalt zu operationalisieren, didaktisch und methodisch für die Lernenden das Richtige zu finden, dies so anzuwenden, dass die Lernenden dabei Freude haben oder wenigstens motiviert sind, dran zu bleiben und das Ganze danach zu evaluieren.
Alles andere sind bloß Papageien, die das Lehrbuch auswendig aufsagen können.
So war das Selbstverständnis in der Lehre früher – das hat sich allerdings geändert, denn als ich 2009 wieder in die Schule zurückgehe, treffe ich häufig auf die Papageien.
Nicht nur, dass sie sinnentleert plappern, sie sind auch ausgesprochen überzeugt von zwei Dingen: Dass die Jugendlichen, die sie unterrichten, bloß nicht wollen, sie selbst aber einen sehr guten Unterricht machen.
Dahinter steckt auch ein gewisses, recht ungutes Menschenbild. Und manchmal eine Menge Faulheit. Dummheit kann ich leider auch nicht ganz ausschließen. Leider. (Stay tuned, in den nächsten Kapiteln behandle ich ausführlich und mit Beispielen ein paar ganz „Besondere“. Lehrpersonen. Nicht Schüler:innen)
Trainer:innen sind anders „gestrickt“. Nicht von vornherein, nein, sondern weil sie etwas völlig anderes beigebracht bekommen im Trainertraining (unter anderem von Leuten wie mir):
- Du bist für den Prozess verantwortlich. Von Anfang bis Ende.
- Du bist er unwichtigste Mensch im Raum.
- Du bist für das Gelingen der Kommunikation verantwortlich, weil DU der Profi hier bist
- Reagiere auf die Absicht, nicht auf das Verhalten (Tipp: https://wp.me/pcGps7-8E)
- Die Teilnehmer:innen wollen und können etwas lernen – deshalb sind sie hier. Deshalb bist DU hier.
- Versichere Dich, in welcher „Kompetenz“ sich die Teilnehmer:innen gerade befinden (hier: https://wp.me/pcGps7-h5)
- Überprüfe die Ergebnisse, sonst wirst DU von den Ergebnissen überprüft
- Wenn dein Plan nicht funktioniert: Ändere Deinen Plan. Ändere Dein Tun. Es ist Deine Ergebnisverantwortung.
- Störung hat Vorrang
Wenn ich Trainer:innen ausbilde, habe ich am Anfang immer viel zu tun, um ihnen die schlechten Erinnerungen aus der Schulzeit 1. wieder erlebbar zu machen und 2. daraus zu lernen, dass sie es anders machen müssen, damit die Teilnehmer:innen sich das Lernen zutrauen, es gern tun und schließlich auch etwas können.
Erlebbar machen kann man „Schulsetting“ in 5 Minuten: Man gibt ihnen eine Aufgabe vor und geht dann, schweigend, hinter ihnen vorbei und schaut ihnen über die Schulter. Oder man bleibt bei ihnen stehen, liest, was sie gemacht haben, wendet sich plötzlich ab und geht weiter.
Alle miesen Gefühle von früher sind wieder da. Alle.
Wenn ich sie dann nach den eben erlebten Gefühlen frage, kommt immer: Ich fühle mich klein, mies, hab Angst, Herzrasen, werde versagen.
Weil sie recht wenig gute „role-models“ hatten, ist ein großer Teil des Trainer:innentrainings den Interventionen gewidmet, die Lehrkräfte setzen können und sollen. Das schlechte Beispiel des Professors, der auf die Frage „Wieso?“ „WEIL ICH DAS SAG“ brüllt, kennt jede:r und – unter Stress handeln sie dann genau so. Klar, sie kennen ja noch nichts anderes.
Train the Trainer mache ich fast am liebsten – es ist zwar unglaublich anstrengend, weil ich etwas sage oder anleite und mich danach tatsächlich zu einer neuen Position im Raum begebe, in der ich erkläre, warum ich das jetzt genau so gemacht habe.
Diese beiden Positionen gut getrennt zu halten ist aufwändig, ebenso ist es das Überprüfen, ob ich ihnen das Richtige gebe, nicht zuviel und nicht zu wenig, ob mich alle verstanden haben, ob ich jemanden auf dem Weg verloren habe grad…..(UNTERRICHT Leute. Eine Kunstform. This is a „no-parrot-zone“!)
Am meisten lernen sie beim Operationalisieren:
Zuerst lasse ich sie ein Minitraining (10 Minuten) über etwas vorbereiten, von dem ALLE etwas verstehen. (Das ist zum Sichern des Gelingens. Das freut sie, da schaffen sie etwas!)
Im nächsten Step müssen sie eins aus dem Gebiet vorbereiten, in dem sie Fachleute sind, von dem die anderen aber nichts/kaum etwas verstehen. (Das ist hart, weil sie überlegen müssen, wo sie anfangen bei den Teilnehmer:innen. Da kapieren sie, dass sie didaktisch und methodisch dran schrauben müssen)
Der letzte Step ist dann eine Kür – ich gebe ihnen ein Thema, von dem sie noch nichts verstehen und die anderen entweder auch nichts oder sehr viel. (Da sind sie schon fit in der Präsentation und in der Einwandbehandlung. Und müssen sich einer Gruppe stellen, die sie grad rauszutragen versucht)
(Laien glauben häufig, dass es reicht, gute Präsentationstechniken zu haben. Ja. Eh. Das sind die Federn. Beim Papagei. Just saying.)
Trainer:innen sind aus einem zweiten Grund noch anders gestrickt: Sie bekommen Feedback. Sie lernen, dass Feedback erwünscht und ganz normal ist (Lehrkräfte bekommen oft einen hysterischen Anfall, wenn man ihnen sagt, dass jemand von der Uni/von einer anderen Schule kommt und ihnen zuschauen möchte….)
Und auch wenn sie es nicht lernten – die Teilnehmer:innen bewerten sie auf jeden Fall, die HR-Abteilungen lesen sich das sehr genau durch und fragen auch Teilnehmer:innen – und sie werden dann eben wieder oder aber nie wieder gebucht. Sie werden empfohlen oder eben nicht.
Gut sein = Honorar bekommen. Schlecht sein = verschwinden schnell wieder in einen anderen Job.
Lehrpersonen hingegen bleiben. Weil es völlig egal ist, ob sie gut oder schlecht oder ganz furchtbar sind. (Sie können im Prinzip anstellen, was sie wollen, sie werden höchstens mal suspendiert und danach versetzt. Und machen dort dann genau so weiter.)
Sehr viele sind auch fest davon überzeugt, dass sie nichts ändern müssen – in ihren Augen werden nur die Kinder immer ärger/dümmer/schwieriger.
Da sie Feedback immer mit Beurteilung gleichsetzen (so machen sie es ja auch selbst gern) reagieren sie beleidigt, betroffen oder passiv aggressiv.
Wer nie Wertschätzung erfährt, sondern nur Be- bzw. Verurteilung, muss mit Feedback erst umgehen lernen. Ich versteh das ja. Es ist die alte Gschicht aus der Organisationsentwicklung:
„Wie nach außen, so nach innen“.
Jedes Unternehmen ist genau so zu seinen Mitarbeiter:innen, wie es zu seinen Kund:innen ist. Und umgekehrt.
Bevor wer fragt:
Bildungsministerium und Bildungsdirektion sind zu uns auf gut wienerisch: echt oasch.
(Ja, hab ich grad geschrieben. Bitte nochmal und mit Betonung auf „echt“ laut lesen.)
P.S. Als ich das letzte Mal in einer Lehrer:innengruppe etwas weit weniger Arges schrieb, kündigte eine „Karen“ an, mich dem Ministerium melden zu wollen.
Feel free. Ich sende auch gern meine Personalnummer, damits mich leichter finden.
(Nachtrag 2024. Bin in Pension, Karen. Meld mich gern trotzdem, du brauchst das! 😉 )