23.Kapitel. Die Kunstform „Freies Brüllen“. Versicherer, Makler und andere Verbrecher. Die AMSen. Über die ganz armen Frauen.

In den Jahren von 2000 bis 2009 arbeite ich überall dort, wo ich gebraucht werde. Als Ausbilderin bei den Jugendlichen, als Sozialpädagogische Beraterin bei den Erwachsenen in Schulungsmaßnahmen und als Lehrtrainerin in Trainer:innenausbildungen.
Eine meiner Hauptaufgabe als Ausbilderin ist, einmal in der Woche in die Berufsschule zu gehen und mir die Tetschen (Fotzen, Ohrfeigen) von den Lehrer:innen dort abzuholen. Da ich selbst genug unterrichte weiß ich, wie entlastend so ein „Anjammergespräch“ sein kann. Die Eltern der Jugendlichen in der überbetrieblichen Lehre sind sowieso nie greifbar, von denen geht keiner in die Schule, um sich nach den Fortschritten seines Sprosses zu erkundigen – also geh ich. (Das ist Weidinger-Standard, das macht sonst kein Institut. Es zahlt sich aber aus – wir haben sehr guten und vertrauensvollen Kontakt mit den Berufsschulen und können so Vieles im Vorfeld schon abfangen und gegensteuern)
Die Lehrpersonen dort freuen sich, wenn wir kommen. Endlich haben sie jemanden zum Reden, der sie genau versteht.
Ich werde auch als „Sozialpädagogische Beratung“ eingesetzt. Das ist Vorschrift in AMS Maßnahmen für Erwachsene und heißt übersetzt: Freies Brüllen mit Ämtern und Behörden, tätige Hilfe gegen Arbeitgeber:innen, Vermieter:innen, Versicherungen, Makler:innen und alle anderen unseriösen, windigen Berufsgruppen.
Im „freien Brüllen“ bin ich erstklassig. Beim „freien Brüllen“ tobt man natürlich hauptsächlich innerlich, dann macht man einen Plan, wie die Klienten zu ihrem Recht kommen (ohne einen teuren Rechtsbeistand, den kann sich keiner leisten, dort wo ich bin. Drum leisten sich ja die Gegner jede mögliche Perfidie. Die wissen das nämlich genau) und zuletzt sagt man alle Dinge, die man innerlich gebrüllt hat, mit besonders freundlicher Stimme und zuckersüß zur Gegenseite. Zu diesem Zeitpunkt ist aber die Meldung an die ÖGK, das Finanzamt, oder an die AK etc schon raus.
Der Finanzamtstyp beschließt nach einer Brüll-Session mit mir, den Antrag der Klientin doch aus dem Stapel zu ziehen und endlich zu bearbeiten, die Versicherung zahlt nach Monaten eine Ablebensversicherung aus, die ÖGK bedankt sich für eine Meldung über Abgabenhinterziehung und die AK bereitet sich auf einen Prozess vor.
Sollte ich zu diesem Zeitpunkt noch die Idee gehabt haben, dass oben genannte Berufsfelder irgendeinen Rest von Anstand besitzen, so geht diese spätestens zu diesem Zeitpunkt verloren.
Die wesentliche Erkenntnis aus diesen Jahren ist, dass Arbeitgeber, Vermieter, Versicherer und Makler diejenigen, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht kundig machen können, standardmäßig bescheißen. Immer. Ein sofortiges „Nein. Das geht nicht“ bringt ihnen nämlich was: 50% der Leute geben auf und verzichten auf ihr Recht und damit – ihr Geld.
(Tipp: IMMER schreiben und immer etwas Schriftliches verlangen. Von Ämtern IMMER einen Bescheid verlangen. Ohne Bescheid kein Einspruch. Das ist genau deren Trick. Telefonisch „Nein“ sagen oder verströsten. Das ist dann, vor Gericht, nie passiert und kann auch nicht bewiesen werden. Keine Sorge, die sagen beim ersten Mal IMMER „nein“ Nehmt das nicht persönlich, es geht nicht gegen euch, die haben bloß keinen Charakter. Einfach nochmal beschweren. Schriftlich)
Besonders regelmäßig brülle ich mit den AMSen. (Zum Glück bin ich in meinem Berufsleben keinen Tag arbeitslos gewesen, ich habe mir oft vorgestellt, dass die meinen Namen und ein Bild von mir irgendwo hängen haben, falls sie mich mal erwischen sollten 😉 )

Ob das für den/die Klient:in zuständige AMS anständig ist oder nicht ist keine Glücks- sondern eine reine Standortfrage. (Das AMS für Jugendliche ist hier ausgenommen, die waren immer, soweit es ihre Vorgaben zuließen, anständig)
Auffällig oft sind die Bearbeiter:innen ziemlich widerwärtig zu weniger gebildeten und sprachgewandten Klientinnen, die sich nicht dementsprechend wehren können und auch nicht wissen, dass ihr:e Bearbeiter:in gegen das Gesetz gehandelt hat. Oft sind sie auch einfach nur gewöhnlich ausländerfeindlich und rassistisch. Aber immer nur dort, wo keine Gegenwehr zu erwarten ist. Bei der Abwäscherin mit dem kaputten Kreuz aus Ex-Jugoslawien, der sie den Bezug sperren, weil sie sie pausenlos wieder in die Gastro vermitteln, wo sie aber nicht mehr 9 Stunden an der Abwasch stehen kann und deshalb wieder geht bzw gekündigt wird. Bei der Mutter mit den kleinen Kindern, die keine Kinderbetreuung hat und bei der mit dem behinderten Kind, die erst gar keine Betreuung findet fürs Kind – da sind sie superflott mit der Bezugssperre.
Für die, die der Willkür eines Amtes noch nicht ausgesetzt waren: Auch eine widerrechtliche oder auch nur irrtümliche Bezugssperre (oh ja, das gibts häufiger) dauert 8 Wochen. Auch wenn ich sofort beweisen kann, dass der Klientin das – ohnehin meist geringe – Arbeitslosengeld zusteht, braucht der sperrige Apparat lange, um zum nächsten Zeitpunkt, wo regulär ausgezahlt wird (meist am 8. des Monats), die Zahlung wieder durchzuführen. Heißt: Auch wenn die AMSen selbst den Fehler gemacht haben, zahlen sie erst später nach.

Was das für die meist alleinerziehenden Mütter bedeutet, 8 Wochen keine Kohle zu haben, brauche ich wohl nicht extra auszuführen. (Und nein, die Väter sind nicht da, oder nicht mehr da, oder unauffindbar, und sie überweisen auch nix.) Dass die nicht freiwillig zu eng in zu teuren Wohnungen (vom freien Markt) wohnen ist wohl auch klar. Und sie hätten sehr gern einen Kindergartenplatz. Oder zwei. Oder drei. Oder einen Hortplatz oder einen Platz in der Nachmittagsbetreuung. Bekommen sie aber nicht, weil sie nicht arbeiten.
Das ist so ein Möbiusband (googelt das, das macht euch gescheiter!). Sie brauchen eine Einstellungszusage, die sie dem Kindergarten/dem Hort/der Nachmittagsbetreuung vorweisen müssen, damit sie einen Platz bekommen. Einen Job können sie aber klarerweise nur dann annehmen, wenn sie eine gesicherte Kinderbetreuung haben. Und zwar ab Montag. Nicht erst in 4 Monaten, „sofern die Gruppe zustande kommt“ bzw. „sofern noch was frei ist“.

Die Kinder dieser Frauen sind auch häufig krank. Schlechte Wohnverhältnisse, schlechte medizinische Versorgung (Sprachbarriere, Scham und Unwissen einerseits, bissl österreichischer Alltagsrassismus andererseits) und die immer vordringliche Sorge, wo das Essen für morgen herkommt, überstrahlt alles andere)


(Ihr bedenkt bitte mit, dass die geschilderten Dinge nur eine bestimmte Schicht betreffen, gell. Marie-Sophie und Patrick-Gilbert sind davon nicht betroffen. Die hatten schon mit 3 einen Fixplatz in der Ecole Maternelle für das Jahr vor der Schule und ansonsten eine Nanny)

Ich weiß, was euch auf der Zunge brennt: Ihr wollt mir entgegnen, dass es soundso viele gibt, die „das System ausnutzen“. Weil ihr selbst eine Familie kennt, die 10 Kinder hat und neben euch wohnt. Im offensichtlichen „Luxus“.
Nach so vielen Jahren ganz nahe an diesen Leuten sage ich euch: Ja, in jedem Kurs sitzt einer oder zwei Typen, die arbeiten gehen könnten, es aber nicht tun.
Und da sitzen 18,19 andere. Die sind nicht freiwillig täglich in Sorge, ob sie die Miete, die Lebenshaltungskosten und die Betreuung für ein krankes/altes Familienmitglied stemmen können. Die sind auch keine begeisterten Masochisten, die sich von Ämtern und Behörden (und oft genug von den Instituten) wie den letzten Dreck behandeln lassen wollen.
Wenn ihr das Gefühl habt, dass die im Luxus leben – geht doch mal tauschen mit ihnen. Meldet euch arbeitslos beim AMS. Fairerweise bitte ohne Ersparnisse und ohne eigenes Landgut. Have fun.

Apropos „System ausnutzen“:

2021 haben die Arbeiterkammern in Österreich 423 Millionen Euro in den Bereichen Arbeitsrecht, Steuerrecht, Konsumentenschutz, Insolvenzen und Sozialversicherung erstritten.  (Ganz lebensnah erklärt: Geld für zu niedrig eingestufte und/oder falsch angemeldete Arbeitnehmer:innen, Geld für um Abfertigungen, Sonderzahlungen, Urlaubsgeld geprellte Arbeitnehmer:innen, Geld für „weiße Konkurse“, und damit um Löhne betrogene Arbeitnehmer:innen und so weiter.)
Nicht zu vergessen, dass diese Arbeitgeber dadurch auch den Staat um Abgaben betrogen haben. Zusätzlich zur nicht gezahlten Gewinn-Steuer.

Ich glaub ich hab eine Idee, wer das „das System ausnutzt“.

Service, damit ihr nicht selbst googlen müsst:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/953396/umfrage/sozialausgaben-in-oesterreich/

(Wer die „Sozialhilfe“ sucht, muss bei den 1,9 Mrd. „Wohnen und soziale Ausgrenzung suchen, da ist sie drin, zu etwa 1% der Gesamtausgaben)



Ein Kommentar

  1. Neulich war so eine Witzfigur bei mir im Büro, und wollte unnnnnbedingt den 1,50 Euro (!) Rabatt, den die Ausländaaaaaaa kriegen, wenn sie ein Caritasformular oder ein Integrationshilfeformular oder irgendwas kopieren, dass auf weniger-als-Mindestsicherung schliessen lässt. Nein, du willst das nicht, du willst nicht von so wenig leben müssen, weil irgendein Koffer in der MA40 wieder mal irgendwas gesperrt hat, und du wieder 7 zillionen kopien bringen musst, von denen ich, als hobby-copyshop-betreiberin schon auswendig weiss, dass die person genau diese nachweise schon mindestens 3 x bei mir kopiert hat und abgegeben. Und zwar zu Amtszeiten, und nicht in den Amtsbriefkasten, von dem ich mir inzwischen nicht mehr sicher bin, ob der nicht direkt in den Altpapiercontainer geleert wird. Schön langsam werd ich auch rassistisch – gegen österreichische Volltrotteln, die sich so waaaaaaaaaahnsinnig arm vorkommen, weil die Ausländaaaaaaa….

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