22.Kapitel.Was die Kids in den Maßnahmen müssen: Das „Blöd Sein“ verlernen. Umgangsformen erlernen. Alltagsroutine aufbauen. Eine Frage an Dich.

Da sitzen sie also, die 20 Lehrlinge (insgesamt haben wir, in den heftigsten Zeiten, bis zu 600 im Haus.) Zwei Tage sind sie in der Berufsschule, 3 Tage hier bei mir.
Ihre Abgangszeugnisse sind schlecht, natürlich, sonst wären sie erst gar nicht hier.
Zum Aufwärmen und als sanften Anfang bereite ich etwa 30 Kisterln vor mit Arbeitsblättern (Mathe, Deutsch, Allgemeinbildung) in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen. Ich will wissen, was sie können und wo sie spezielle Förderung brauchen. Die Kisterln bleiben immer hinten im Raum stehen, wir machen ja auch fachliche Sachen und gruppendynamische.
Als ich ihnen erkläre, wie sie arbeiten sollen, nämlich frei und in ihrer eigenen Zeit, und dass das Ziel ist, zumindest 10 Arbeitsblätter in diesen 3 Tagen abzugeben, schauen sie mich groß an und ein Bursch sagt: „Aber das können Sie uns nicht aufgeben, wir sind ja blöd!“. „Ach so“, sag ich, „das seh ma dann eh, oder?“
Sie sind davon überzeugt, eh nichts zu können. Das hören und erleben sie schon ihre ganze Schulzeit.
Die einfachen Arbeitsblätter machen sie zuerst zögernd, sie können kaum glauben, was für „babysche“ Sachen da vor ihnen liegen. Aber da liegen noch schwierigere Blätter und bald auch schwere.
Ich erkläre ihnen den Sinn: Sie sollen mir sagen können: „Bis hierher kann ich das locker, und das da verstehe ich nicht (mehr)!“ – denn dann weiß ich, wo wir anfangen müssen.
(Das ist tausendmal besser als ein Test für die 9. Schulstufe, an dessen Ende die Kids und ich sehen: Das können sie nicht. Und das da auch nicht. Hier sind sie ebenfalls gescheitert. )


Sie entwickeln im Laufe der ersten Wochen einen Ehrgeiz, immer schwerere Blätter machen zu können – und sie ahnen gar nicht, welche Freude sie mir machen, als sie eines Tages fast naserümpfend „haben Sie nicht was Schwereres?“ von mir verlangen.
Die „Verstetigung des Misserfolges“, den Stangl-Taller so gut beschreibt, ist schwer wieder zu verlernen, wenn er einmal eingelernt ist. Dazu muss man bewusst für die Lernenden Erfolge generieren, ihnen also zeigen, dass sie etwas schaffen können – dann nehmen sie die nächste Stufe in Angriff, denn erst dann trauen sie sich das wieder zu. Auf die Art lernen sie auch, oft erstmals, das Lernen: mit Mut die Sache angehen, weil „es geht ja um nichts“, einordnen (wo gehört das hin? Gleich wie oder verschieden von?), in Portionen lesen/erklärt bekommen/ausprobieren, verstehen, zusammenfassen, üben. Pause.

Eine andere Sache ist viel schwieriger. Die Kids haben, zum allergrößten Teil, weder Erziehung noch Manieren. Das ist ihrem Elternhaus geschuldet, nicht ihnen.
In die Augen schauen und grüßen. Bitte und Danke sagen. Eine selbstverständliche Freundlichkeit in der Dienstleistung lernen wie: „Bitte, sehr gern!“ oder „Danke sehr!“. So etwas muss man als Kind sehen und erleben, dann wird es zum automatischen Verhalten.
Das konnten sie aber nie sehen, offenbar.
Sie behandeln auch Personal schroff und ohne Höflichkeit, weil sie es nicht besser wissen und weil sie keine Ahnung haben, wie man einen Kellner anredet oder in einem Geschäft nach etwas fragt. Von ihren Manieren bei Tisch reden wir besser erst gar nicht.
Muss ich erwähnen, dass wir ihnen auch die Jogginghosen und die Kapperln abgewöhnen müssen? (Wir sind im Jahr 2000 in der Geschichte. Es hat sich wenig bis nichts geändert.)

Manieren sind ein Distinktionsmittel. WIR haben welche, DIE DA haben keine. (Ich verweise wieder auf Bourdieu, siehe vorige Kapitel)

Ich möchte aber, dass die Kids wenigstens mal vorn im Gschäft bei der Deli stehn und nicht nur hinten im Lager die Mopro schlichten. Um weniger Kohle. In der Kälte.
(Ihr Lieben, ihr habt das jetzt nicht verstanden, gell? Also: Wenn man höflich und verständig und freundlich ist, bekommt man im Lebensmittel-Einzelhandel einen feinen Platz an der Delikatessen-Theke. Wenn man mehr so die Rabiatperle unter den Arbeitskräften ist, schlichtet man die Molkereiprodukte ein – von der Rückseite, das seht ihr natürlich nie. Da steht man mit einem Gilet gegen die Kälte und mit Handschuhen, damit man keine Frostbeulen bekommt.
„Schlichten“ heißt auch, Überkartons heben und tragen. Euer Butterpackerl kommt im 50 kg Karton. Die „Rabiatperlen“ beschäftigt man aber nur so lange, wie man sie unbedingt braucht. Sie sind die ersten, die in schlechteren Zeiten rausfliegen. Man ersetzt sie dann durch eine „serbische Mama“. Die sagt gar nix, ersetzt aber zwei Männer. Immer.)

Warum sind die Kids so? Sie haben gelernt, sich unsichtbar zu machen. In der Schule, auf der Straße. Die „aktive Freundlichkeit und Höflichkeit“ lässt sie aber sichtbar werden. Das ist ihnen nicht angenehm. Sie werden plötzlich gesehen und das ist immer schlecht. Das hat sie die Erfahrung gelehrt.
(Die neuen Kids in der Schule müssen auch immer erst lernen, dass mein Lächeln ihnen wirklich gilt und dass sie sich nicht mit gesenktem Kopf an mir vorbeischleichen brauchen. Könnens auch nicht. Ich grüße sie zuerst, dann reißt es sie und sie flüstern was zurück. Dann sag ich fröhlich: „Wart, wir machen das noch einmal“. Ich geh ein paar Schritte zurück, schaue ihnen in die Augen und warte, dass sie mich grüßen. Dann sag ich im Weitergehen meist: „Du weißt eh, bei uns gilt: Alles, was sich bewegt, GRÜßEN. Alles, was sich nicht bewegt, PUTZEN.“ Dann lachen wir, weil immer einer sagt: „Bitte, Frau Professor, der X bewegt sich aber NICHT.“ Und ich immer sag: „Ja dann putzen wir ihn halt!“)

Am längsten braucht die Entwicklung einer Alltagsroutine. Die Kids sind oft die einzigen in ihrem Haushalt, die in der Früh aufstehen. (Ihre Mütter putzen um die Zeit bereits seit zwei Stunden irgendwelche Büros oder schlichten die Mopro beim Penny. Oder sie haben einen Säugling und zwei, drei Kleinkinder zu Hause und dösen nach einer schlaflosen Nacht, weil das Baby endlich schläft. Väter kommen als Hilfe im Haushalt und mit den Kindern sowieso nicht vor.)
Die Routine: „Gut angezogenes, blondgelocktes Kind kommt fröhlich strahlend die Treppe des Einfamilienhauses runter, wo die bereits für den Bürojob angezogene Mama und der im Anzug im Stehen Kaffee trinkende Vater schon warten – Kind nimmt ein „gesundes“ Frühstück zu sich, schnappt sich den Schulrucksack (MIT allen benötigten Büchern UND mit der gemachten Hausübung) und alle gehen außer Haus“ gibts nur in der Nutella-Werbung.
(Das mit den Büchern und der Hausübung ist ein immer wiederkehrender Lehrer:innentraum btw.)
Wozu aufstehen? Alle Studien sind sich einig: Strukturverlust ist eine der gefährlichsten Folgen von Arbeitslosigkeit.
Wie soll ein:e Jugendliche:r das selbst täglich schaffen, wenn der Papa seit 10 Jahren vielleicht nicht mehr aufgestanden ist in der Früh, und die Mama nicht mehr da ist oder bereits wieder schläft? Oder es weder Mama noch Papa gibt? Welchen inneren Kraftaufwand verlangen wir da eigentlich von einem pubertären Kind?

„Der Mensch kann sein Tun ausrichten nach Zielen,
die er durchdacht, gewertet und für die er sich entschieden hat.“
(H.Roth)

DAS, Leute, ist die eigentliche Aufgabe in den Maßnahmen (oder sie sollte es sein). Dabei müssen wir den Kids helfen. Ich weiß, ist eigentlich auch Elternaufgabe. Aber – siehe oben. Verstetigung des Misserfolges, Strukturverlust und daher Verlust der Alltagsroutine, letztendlich Sinnverlust.

Wozu stehst DU eigentlich auf, jeden Tag? (Falls Du die Antwort erst suchen musst, kannst Du Dir ja überlegen, wie es einem 14jährigen oder einer 15jährigen damit geht)

Ein Kommentar

  1. Liebe Susanne, ich bin so bewegt, daß i gar net weis, in welchen Himmel ich dich noch loben soll. Das Beste an allem Geschriebenen ist für mich, daß es auch für Erwachsene, mich, ganz wichtig ist. 3mal hat mein Herz heut richtig gezuckt, weil ich in der Beschreibung vom Verhalten der Kids Stationen meines Lebens erkannt hab u nein nicht als Kind sondern z. B. Die letzten 2 Jahre. Auch berührt es mich sehr, daß dieses Buch zum wahren Verständnis für “ das Fremde, das Unverständliche“ beitragen wird, so es gefördert wird. Ich dank dir jedenfalls für die Erkenntnisse die ich heut durch das Lesen haben durfte. Du bist ein Wunder an Intellekt gepaart mit tiefster Empathie und Authentizität. Liebe Grüsse

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