21.Kapitel.Die „Verlorenen Kinder“ in den AMS-Kursen. Planwirtschaft. Ein, zwei Deja Vus. Aber keine schönen. Triggerwarnung Suizid/Missbrauch/Drogen

Von den „Lehrenden“ in den Maßnahmen für Jugendliche habt ihr jetzt ein Bild, wenn auch vermutlich kein sehr positives.
Dabei gibt es in den besseren Instituten eine Menge Leute, die sich jeden Tag für die Kids dort den Arsch aufreißen. Das ist auch bitter notwendig, denn an diesen Jugendlichen zeigt sich (schon 1999, nicht erst heute) das Versagen des Schulsystems, das Kinder aus „gutem Haus“ bevorzugt.
Nach dem 9. Schuljahr fallen all die aus dem System, denen etwas fehlt – das sind die ohne elterliche Unterstützung, die mit den Mehrfachproblemen wie Armut, Krankheit, und „schaut nicht aus und spricht auch nicht wie wir hier.“
In meinem ersten Jahr nach dem Berufsorientierungskurs bin ich Ausbilderin der Einzelhändler:innen. Bei Weidinger werden damals auch Köch:innen, Friseur:innen, Kosmetiker:innen, Computerkaufleute und noch ein paar andere Berufe ausgebildet.
Ausdenken tut sich den zu lehrenden Beruf und die zu vergebenden Plätze das AMS. Das funktioniert so: Die AMSen schauen sich die Statistiken an, welche Berufe für Arbeitssuchende in einem gewissen Zeitraum bei „offene Stellen“ ausgeschrieben waren. Die Statistiken sind selbstverständlich ein bis 5 Jahre alt und es werden auch keine momentanen Trends berücksichtigt, auf Relevanz geprüft und die Zahlen angepasst. (Drum gibts ein paar Jahre lang den Ausbildungsberuf „Mediendesigner“, in dem keiner der Jugendlichen eine Anstellung findet. Das machen die Student:innen gschwinder und besser)
Da immer viele Einzelhändler:innen gesucht werden, gibts da die meisten Ausbildungsplätze.
Das ist bei den Instituten auch sehr beliebt, weil Gschäft braucht man dazu eh keins. Das geht auch in nackerten Seminarräumen. Sagt das AMS. KFZ Mechaniker:in kann man theoretisch auch werden, wenn man einen der 20 Plätze für ganz Wien ergattert. Klingt fantastisch, ist es aber eher nicht, weil das bfi z.B. nur zwei Autos besitzt, die immer wieder „repariert“ werden. (Ihr erinnert euch an den nicht durchführbaren Ölwechsel, gell? Ja, das sind dieselben Anbieter. Ja, das AMS führt regelmäßige Prüfungen durch. Schlüsse daraus zu ziehen, überlasse ich jetzt euch)
„Meine“ Lehrlinge setzen sich, über die Jahre gesehen, immer in etwa so zusammen:
Da sind die Mädchen mit dem Migrationshintergrund. Die, denen man das „Fremdsein“ deutlich anmerkt. An der Kleidung und am Akzent. Sie werden zu Hause gehalten wie Nutztiere und auch so behandelt. Nicht selten bringen und holen die Brüder/Väter/Onkel die Mädchen, „verbieten“ Praktika, weil man da mit fremden Männern sprechen muss etc. Wenn die Mädchen sich dann nach und nach zu befreien versuchen, haben wir alle Hände voll zu tun, die tobenden und drohenden Verwandten von ihnen fernzuhalten.
Ich weiß schon, warum die so nervös werden, wenn die Mädchen lesen, schreiben und damit denken lernen – das ist gefährlich. Da geht dann die „Nutztierhaltung“ nicht mehr. Und nein, das ist NICHT „deren Kultur“ und damit okay. Das ist bloß die Erklärung der bigotten Biedermänner, die sich um nichts scheren wollen.
Einmal bringe ich persönlich ein Mädchen, das sich mir anvertraut hat, zum „Orient Express“, um ihre Zwangsverheiratung zu verhindern. (Kurzanleitung: https://www.orientexpress-wien.com/schutzeinrichtungen verständigen. Das Mädchen muss dann ihren Pass „verlieren“, damit sie nicht ins Flugzeug gesetzt werden kann. Das gibt euch ein, zwei Tage Zeit. Die Leute vom Orient Express übernehmen das Mädel an einem Treffpunkt und schaffen sie an einen sicheren Ort, den ihr auch nicht kennen dürft.)
Immer wieder gibts ein paar Mädchen, die bereits zwangsverheiratet sind, aber in den Kursen sitzen, weil die Familie die 150 bzw 250 Euro Verdienst braucht und die Mädels zwischen 15 und 17 sind und daher eine Ausbildung machen sollen, damit sie was verdienen, bis sie ihre Kinder haben. Sie werden entweder vom Ehemann oder von ihren Eltern verprügelt, wenn sie zu diesen flüchten wollen.
An ein Mädchen erinnere ich mich besonders gut. Irgendwann fragt sie mich im Vertrauen, ob das irgendwann aufhört, weh zu tun, wenn man mit einem Mann, „sie wissen schon: sein muss“
Die kann sich später retten, weil der Mann ganz offenbar psychisch krank ist. Eines Morgens wacht er auf und verprügelt sie – weil er geträumt hat, dass sie ihn betrügt. Jetzt erst nimmt ihre Mutter sie wieder auf, obwohl sie „beschädigt“ ist. Es stellt sich auch heraus, dass der Mann dies schon mit zwei anderen Ehefrauen gemacht hat.
Dann sind da die Romamädchen und Burschen mit Migrationsgeschichte. Statistisch gesehen dürften die gar nicht auffallen, dazu sind es zu wenige – aber sie sind in größerer Anzahl in den Kursen. Sie finden keine Lehrstellen und auch selten ein Praktikum. Nicht nur einmal bekomme ich einen Anruf von einer Frisörin oder von einer Einzelhändlerin, die mir erklärt, die xy sei ja eh ein liebes Mädchen und sie persönlich tät sie ja eh gern nehmen – aber leider, leider, sie sei ihren Kundinnen ZU DUNKEL. Auch unter ihnen gibt es immer wieder welche, die mit 12 bereits „verheiratet“ sind. Die sind da, weil sie ihr ganzes Leben lang schwer hackeln werden müssen. Wenn sie eine Lehre abgeschlossen haben, verdienen sie mehr. Oft für einen Typen, der nichts arbeitet.
(Jahre später, als ich schon im SPZ = Sonderpädagogisches Zentrum unterrichte, ist auffällig, dass die Romakinder stark überrepräsentiert sind. Weiß jeder, schert aber keinen)


Die Burschen sind ein besonderes Kapitel. Die Mädchen verschwinden irgendwann in Lehrstellen oder brechen ab und arbeiten als Hilfsarbeiterinnen. Die Buben sind aber planlos. Entweder sind sie völlig aus dem Leben gefallen und haben bereits eine Drogengeschichte hinter sich oder eine Jugendstrafe, oder sie sind aus den Kinderheimen und wurden gleich mehrfach von Erziehern missbraucht. Die sind die Ärmsten.
Sie wurden ja nicht ohne Grund den Eltern abgenommen (Da muss schon ganz was Arges passiert sein. Ich verbringe regelmäßig viele Stunden am Telefon, irgendeine unwillige Kuh vom Jugendamt anbrüllend. Damit die irgendwohin nachschauen gehen, muss jemand blutend am Boden liegen und die Polizei muss da gewesen sein. Dass mir ein Mädel erzählt, ihr Vater vergewaltige jetzt auch ihre kleine Schwester und jetzt habe sie aber genug, weil bei ihr mache er das ja auch, seit sie 6 sei und ihre Schwester solle das nicht durchmachen müssen, entlockt der Jugendamtskuh nur ein müdes „jajaaaa, wenn ich Zeit hab, schau ich mir das an“)
Die Buben aus dem Heim reden nicht über den Missbrauch. (Der steht aber im Akt, sie stehen unter Psychopharmaka, natürlich ohne Therapie, weil die ist zu teuer).
Während die Mädchen, sobald sie mir vertrauen, immer recht offen über ihre Gewalterfahrungen sprechen (weil sie bereits wissen, dass das eh fast allen Mädchen und Frauen passiert und allen angedroht bzw „versprochen“ wird), ist es den Buben höchst unangenehm. Sie verbinden die Vergewaltigung tatsächlich mit der „Peinlichkeit“, etwa für schwul gehalten zu werden. Sie sind in ihrer Männlichkeit, die eh äußerst fragil ist aufgrund ihrer Jugend und ihrer Geschichte, extrem verletzt.
Als ein sonst sehr stiller und „geistesabwesender“ Bursch eines Tages ohnmächtig vom Sessel rutscht, erfahre ich seine Geschichte. Er entschuldigt sich bei mir für die Ohnmacht, er habe nichts gegessen und die Medikamente wirkten dann zu stark. Er musste eines Tages, als er heimkam, die Mutter finden, die sich in der Küche erhängt hatte. Daraufhin kam er ins katholische Kinderheim, wo ihn ein Erzieher über Jahre missbrauchte.

Die anderen Buben sind bereits in Diebsbanden, haben fette Jugendstrafen. (Einer hat 3 Jahre und 3 Monate bedingt, schwerer Raub. Damit bekommt er keine Lehrstelle. Gelöscht werden kann die Strafe noch nicht. Bekommen hat er sie, weil andere Jungs ihn zum Schmiere-Stehen mitgenommen haben und ihm eine Waffe in die Hand drückten. Er war nie in dem Geschäft drin, blieb aber stehen, als die anderen vor der Polizei flüchteten. Er ist Sonderschüler gewesen, so einer von den ganz Lieben, Vertrauensseligen und hat nie begriffen, was er eigentlich gemacht hat. Pflichtverteidiger natürlich. Kein Papa, der ihm was richten kann oder will. )


Das Einzige, was ihnen fehlt, ist jemand, der sie an der Hand nimmt und sie ein bissl begleitet und schützt oder ihnen – im Anlassfall – aus so einer Jugendblödheit raushilft. Dazu gehören Ressourcen, die sie aber nicht haben. Geld, Sprachfertigkeit, formale Bildungsabschlüsse, gesellschaftliche Verbindungen……
Die Kolleg:innen und ich, der Sozialarbeiter im Haus, wir tun jeden Tag alles, was uns irgendwie möglich ist und mehr. Weil es niemand sonst tut. Und weil wir das Gefühl haben, diese Kinder nicht sich selbst überlassen zu dürfen.
Aber das sind eben nur wir und nur in diesem Institut. (Ich war in den anderen, ich habs erlebt, keine Sorge)


Das System aber hat sie alle fein aussortiert. Die „Problemlosen“ waren erst gar nicht im Poly, sondern gingen gleich von der 4. Klasse in die Höheren Schulen, oder sie bekamen noch im Poly eine Lehrstellenzusage, weil sie „nicht zu dunkel“, „akzentfrei“, oder aus einem funktionierenden Elternhaus kamen, wo ihnen jemand bei der Suche half.


Die privilegierten Kids aber kamen und kommen bis heute mit „unseren“ Jugendlichen nie in Berührung. Deren Weg ging von der „guten“ Volksschule über das „gute“ Gymnasium direkt auf die „gute“ Uni.
(Meine Tochter hat zu dem Zeitpunkt, als ich das schreibe, gerade den BSc in Biologie gemacht und überlegt, welchen der sich anbietenden Master sie macht. Evolutionäre oder forensische Anthropologie? Dann einen Ph. D. natürlich. Sie überlegt noch. KSA hat sie ja auch fertig bis auf ein paar Blockveranstaltungen und die Bachelorarbeit….Sie ist die erste „Privilegierte“ in der Familie)

Wir machen uns die „Parallelgesellschaft“, die die Rechten so gern erwähnen, selbst.

„Häuslratz zu Häuslkatz – jedes Viech auf seinen Platz“ H.C Artmann/Francois Villon

Dies ist einer zivilisierten Gesellschaft jedoch nicht würdig. (Und es ist nicht Recht.)





Ein Kommentar

  1. Wow, das ist bedrückend und realistisch beschrieben und doch so fern für jemanden wie mich, der im 23. in Mauer wohl behütet aufgewachsen ist. Ich war zwar auch ein „Problemfall“, weil ich meine Tochter schon mit 16 bekommen habe. Aber Matura und Studium waren dennoch möglich, ich wurde nicht verstoßen und nicht zwangsverheiratet und die Welt stand mir offen. Danke für diese Serie!!!

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