19.Kapitel. Die Gier is ein Hund. Ich unterbreche 4 Wochen für die Geburt von „se Kind“. Die wundersame Welt der Trainingsanbieter.

Die Unternehmensberatung ist so gut im Geschäft, dass wir bald drei Stockwerke in einem noblen Gebäude im Ersten belegen. Bald beweist sich aber wieder einmal, dass Wachstum begleitet werden muss (sollten wir wissen, wir sind eine Unternehmensberatung!) – und nicht immer die Fähigkeiten und der Charakter der ausführenden Personen adäquat mitwachsen. (Ihr bemerkt, wie sehr ich mich um Höflichkeit bemühe?)

1998/ 1999 passieren ein paar Dinge parallel. Ich reise 5 Tage in der Woche in ganz Österreich herum, weil ich in gleich drei Projekten gebucht bin – Innendienst-Trainings, Führungskräftetrainings und in unseren Assessment Centers.
Dort sind die besten Kolleg:innen ever, vor allem, weil dort bestenfalls Spuren von „Lustigen Kerlchen in genagelten Schuhen“ vorkommen.
Ich schaffe es, ungeplant schwanger zu werden und bringe, mit fast 38 Jahren, im März 1999 meine Tochter zur Welt.
(Der Projektleiter von den FK_Trainings ist zwei Minuten still am Telefon als ich ihm im Dezember sag, dass ich a) schwanger bin und daher b) die Trainings Ende März vermutlich nicht halten kann, weil da der Geburtstermin ist.
Dann knurrt er: „WER von meinen Trainern war das?“
Keiner, beeile ich mich zu versichern, es ist gar keiner von der Firma!
„DAS ist ERST RECHT unverzeihlich!“ meint er.
„Entschuldigung!“ sag ich.
Wir verstehen uns so prächtig, weil wir denselben blöden Schmäh haben.)

Zwei Tage vor der etwas zu frühen Geburt meines Kindes stehe ich noch in einem Training irgendwo in Oberösterreich oder Salzburg, vier Wochen danach sitze ich wieder als Assessorin beim Assessment Center. Dazwischen habe ich meine, für ein Kind und ein Au-Pair Mädchen zu kleine, Wohnung vermietet und bin in ein Mietshaus gezogen.
Im zweiten Jahr der Selbständigkeit schwanger zu werden, aber die einzige Person zu sein, die für den gesamten Lebensunterhalt und für die gesamte Organisation des Lebens sorgt, ist, sagen wirs mal so, keine wahnsinnig kluge strategische Entscheidung. (Das Leben trifft seine Entscheidungen aber nicht strategisch, wie wir alle wissen 😉 )

Das Wachstum der Firma hat einigen Verantwortlichen offenbar nicht gutgetan und die Gier schlägt zu – waren unsere Verträge bis jetzt nur mündlich, sollen wir jetzt schriftliche bekommen. Hier sind ganz offenbar „die Jungs mit den Gnagelten“ am Werk, denn sie legen uns Knebelverträge vor, die uns z.B dazu verpflichten wollen, ein Jahr im Vorhinein unsere „Sperrtage“ bekannt zu geben. An allen anderen hätten wir, auf Zuruf quasi, zur Verfügung zu stehen. (Dass das kein Dienstleistungsvertrag, sondern ein verdeckter Angestelltenvertrag sein würde, kapieren aber auch die ganz ganz Frischgfangten von der Uni). Damit nicht genug denkt sich ein Bürscherl aus, dass wir für „Standardtrainings“ (das sind die, die wir schon gehalten haben, sagt der auf Nachfrage zu mir) nur mehr die Hälfte des Tagsatzes verrechnen dürfen.
(Aufgabe für erstsemestrige BWLer: Wenn wir unseren Lieferanten nur mehr die Hälfte für dieselbe Leistung zahlen, aber von unseren Kunden immer noch denselben Preis kassieren, bedeutet das was? )

Logischerweise findet das für unsere Truppe nicht statt, wir zerstreuen uns in alle Winde, ich aber muss schauen, stationärer zu werden und kann nicht mehr herumfahren- ich habe ein Baby zu Haus.

So komme ich staunend mit der Welt der Trainingsanbieter in Berührung.
Das sind die, die keine Gewerbeberechtigung als Unternehmensberater haben (und auch keine bekommen würden, weil gebundenes Gewerbe)
Staunend deshalb, weil ich immer zwischen Entsetzen und Erstaunen schwanke, wenn ich die mangelnde Kompetenz, die völlig fehlende berufliche Erfahrung und die Chuzpe der Anbieter:innen erlebe.

Es ist die Zeit des großen Trainings-Booms. Die Personalabteilungen sind voll auf den Zug aufgesprungen, ihren Mitarbeiter:innen entweder „ein schönes Motivationstraining“ als Goodie zu gewähren oder, und das sind meist dieselben Auftraggeber:innen in den Personalabteilungen und in den Führungsetagen, sie durch ein „ordentliches Seminar, das ihnen endlich das gewünschte Verhalten beibringt“, zu disziplinieren.

Weder das eine noch das andere macht Sinn. Beide Forderungen sind Aufgabe von Führung, nicht von Trainings. Die Techniken dazu kann ich in Trainings vermitteln, die Führungskräfte kann ich coachen und/oder beraten. Aber statt der Führungskraft etwas zu tun ist vollkommener, intellektuell unredlicher Unsinn.

Zu der Zeit laufen viele sehr lustige Bürscherl mit sehr genagelten Schuhen rum, deren einziger Inhalt in ihren Seminaren „Wie toll ich bin und was ich alles gemacht habe“ ist.

Die Auftraggeber:innen lieben das, denn die Teilnehmer:innen sind immer ganz begeistert, brauchen selbst nichts zu tun und müssen auch nicht an sich arbeiten oder z.B irgendeine Führungstechnik erlernen, sondern sie lauschen andächtig einem Buben, der allein durch die Kraft seines Willens ein ganz ganz toller Typ geworden ist und die Wahnsinnskohle verdient. (Dass der die Wahnsinnskohle nur verdient, weil sie ihn dafür bezahlen, dass er darüber redet, kapieren die aber nicht.)
Die Typen gibts heute noch, jetzt sind sie eben auf Instagramm oder Tik Tok. Und sie haben sich weiterentwickelt – sie wissen mittlerweile, dass „gscheit über depperte Sachen reden“ nicht ausreicht – sie verkaufen jetzt jede Menge Lifestyle-Produkte. Der Schmäh ist aber immer noch derselbe: Glück, Erfolg und Reichtum ohne Eigenleistung und ohne Anstrengung! Seht her! So gehts! Überweist mir nur 100,- Euro, dann…..

Es ist auch die Zeit des Esoterik-Booms. Die Zeit der gelangweilten Hausfrauen mit zu viel Kohle und zu wenig Ausbildung ist gekommen. Und die Zeit der Anbieterinnen (Ja, jetzt kommen vermehrt Frauen in den Markt) ohne jegliche Schamgrenze. (Die Grenzen sind fließend. Sehr oft wird aus den einen dann das andere)
Für das Geld, das diese hoffnungsfrohen und meist vom Leben gebeutelten Frauen diversen Instituten mit absoluten Fantasieausbildungen und ebensolchen Fantasiezertifikaten in den gierigen Rachen werfen, hätte die alle ein Studium auf der Privatuni in Krems machen können. Oder auf der SFU. (Oh, wait. Geht ja nicht. Dafür braucht man ja Vorerfahrungen, ein gewisses Maß an formaler Bildung und man muss wirklich was lernen und Zeit investieren)

Ich selbst lasse mich auch überzeugen, dass ich ganz unbedingt mehr Ausbildung brauche. Wenigstens ermöglicht mir später das Zertifikat als „NLP_Trainerin nach DVNLP“ das Unterrichten in AMS Maßnahmen, denn es ersetzt das „Trainerzertifikat“. (Die Malversationen des AMS bekommen noch eigene Kapitel, stay tuned)

In Österreich ist Korruption völlig unbekannt – dafür kennen wir hier die „österreichische Lösung“. So gibt es später für einige Fantasie-Zertifikat-Anbieter:innen ein eigenes Gewerbe und diese „Abschlüsse“ stehen so schließlich „gleichwertig“ neben akademischen Studien, Berufsausbildungen und Lehrberechtigungen in öffentlichen Ausschreibungen.

In den Personalabteilungen der Unternehmen sitzen mittlerweile viele Frauen. Die lieben diese Esotrainings ganz ungemein und sind – was für ein Zufall! – ganz oft auch Teilnehmer:innen in „Ausbildungen“.
Das ist überdies ein gigantisches Schneeballsystem. Die Teilnehmer:innen müssen laut Institut viele Praxisstunden für das Institut ableisten – unbezahlt natürlich – damit sie ihr Zertifikat auch bekommen. Dann dürfen sie selbst auch ausbilden. Mit dem Eso-Schmäh ist damals sehr viel Geld zu machen, ganze Unternehmen werden mit dem Dreck vergiftet.


Immer wieder kann ich auch sehen und erleben, dass Peronaler-Buberln mit Gnagelten diese „Tschakaaaa!“ Bubis buchen (Das muss wohl so ein Schimpansen-Gruppen-Ding sein. Warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, ein Seminar zu machen, wo sich die Buben alle gegenseitig ihr Geschlecht zeigen, die Länge vergleichen und sich dann gemeinschaftlich auf die Brust trommeln? Der Schwächste muss dann zwar von allen in den A….okay, ich hör schon auf. Außerdem gibts das schon. Heißt Vorstandssitzung)
Und immer wieder fragt mich so ein treuherzig blickendes Personaler-Mäderl, ob ich nicht was „Feinstoffliches“ auch machen kann für die xy Abteilung.
(NEIN. NO. KANN ICH NICHT.)

Versteht mich nicht falsch. Es gibt – zum Glück – eine Menge seriöser, intellektuell redlicher Trainings- Anbieter:innen auch. So wie es auch eine Menge unseriöser, intellektuell unredlicher Unternehmensberater:innen gibt. (Dazu habe ich mal einen Newsletter-Artikel geschrieben: „Von Huren und Zuhältern“.)

Die wahre Pest, die damals aufkommt, sind die „Coaches“. Nachdem jede und jeder, dem z.B. Baby Jesus, der Dalai Lama, Reinhard Sprenger, Malik, Kottler oder wer auch immer auf dem herausgedrückten Zahnpastawürschtel erscheint, sich „Coach“ nennen darf, weil das keine geschützte Bezeichnung ist, tun das die Leute auch.
Sie tun es nicht nur, sie erfinden auch sehr teure Ausbildungen dazu, inklusive sehr interessant klingender Namen auf den Zertifikaten.
Ich hoffe, ich habe hier nur Leser:innen mit „gefestigtem Charakter“ (copyright Biron), sonst kommt noch jemand auf die Idee, einen Fernlehrgang zu erfinden, der durch reine Gedankenübertragung die Ausbildung durchführt und nur 15.000 Euro kostet. Zertifikat gibts, sobald man die nächsten 10 Teilnehmerinnen für den Ausbildungsguru akquiriert hat.
(Ich wette, in einer Stunde nach Veröffentlichung habt ihr mir Beweise dafür geschickt, dass es genauso eine „Ausbildung“ schon gibt)

Diese entweder Irren oder gutgläubig Hereingelegten schaden den tatsächlichen Berater:innen und Coaches, also denen, wie wirklich etwas davon verstehen und auch die nötige akademische oder medizinische Ausbildung/ oder die jahrzehntelange Berufserfahrung dafür haben, immens.
Aber, wie die Amis so schön sagen, es wird sich nichts ändern, weil „the mother of dumbs is always pregnant“.

Der Tiergarten der Trainer:innen ist also groß. Die Spezialabteilung befindet sich allerdings an einem besonderen Ort.


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