18.Kapitel. In der Unternehmensberatung. Lernen mit Erwachsenen. Lustige Kerlchen in genagelten Schuhen.

Ich bin jetzt plötzlich selbständig. Aber noch mit dem falschen Gewerbe – weil mir die UBIT (die Fachgruppe der Unternehmensberater:innen ) erklärt hat, dass sie meine wirtschaftliche Kompetenz nicht einschätzen kann, weil ich keine HAK, sondern ein humanistisches Gymnasium gemacht habe, und auch nicht auf der WU war. Mein Dienstzeugnis von der Company findens eh sehr aussagekräftig, Personal- und Umsatzverantwortung eh alles da, Managementposition, okay – aber so ohne HAK oder WU…..leider nein.

Das ist mir ziemlich wurscht, denn Trainerin ist ein freies Gewerbe und mehr brauch ich, in dem großen Verband der Unternehmensberatung, momentan eh nicht.
(Funfact: 3 Jahre später, als ich in einer Jugendlichen-Maßnahme als Ausbilderin arbeite, lege ich spaßhalber den „Europäischen Wirtschaftsführerschein“ ab, weil der dort angeboten wird. Für mich eine 20 Min. Sache online, ich wollt mehr ausprobieren, ob die Kids das verstehen, wenn wir sie da durchschicken.
Ebenso spaßhalber schick ich das danach der WKO und frag, ob das jetzt als Nachweis meiner wirtschaftlichen Kompetenz reichen tät für den Unternehmensberaterschein.
Ich bin ehrlich gesagt, total überrascht, als die sagen: Ja, danke und welcome, hier bitte, der uneingeschränkte Gewerbeschein. (Zahlschein anbei)
Seither denk ich mir auch mein Teil über die Fachgruppe. Muss ich erwähnen, dass das 1997 lauter Männer waren? Das ist jetzt nicht wegen der „Mann Frau Sache“. Männer, die in irgendeiner Entscheidungsposition sind, sind potenziell die Depperteren. )

In der großen Unternehmensberatung ist es ganz fein – wir haben riesige Aufträge, ich bin sehr schnell sehr gut gebucht, weil die jeweiligen Projektleiter (doch, es gibt auch ein paar Projektleiterinnen, aber die buchen mich nie) wissen, dass ich a) zuverlässig bin und b) erstklassiges Feedback von den Teilnehmer:innen bekomme.
Ganz viele unterschiedliche Kolleg:innen gibt es dort: Sehr gescheite, orientierte, bestens ausgebildete Frauen und Männer, die allermeisten mit akademischem Hintergrund, viele auch tatsächlich mit Praxis aus dem Management.

Natürlich gibts auch dort ein paar lustige Kerlchen mit genagelten Schuhen.
(Wer jemals in der Privatwirtschaft war, kennt den Typ: Immer ein bissl zu laut, immer ein bissl zu forsch, immer schnell bei der Hand mit der Erzählung von der eigenen Größe/Leistung/Erfahrung, aber nie was dahinter. Bei der Company witzelten wir gern, warum die Gänge keine Teppiche hätten – damit wir, wenn wir die „Gnagelten“ hörten, rechtzeitig die Tür zu machen konnten. Geschlossene Tür hieß: Mitarbeitergespräch, und niemand würde je an einer geschlossenen Tür klopfen. Unsere Türen waren immer offen, für jede:n)

Ich muss immer ein wenig lächeln, wenn mir so ein lustiges Kerlchen mein eigenes Fachgebiet erklärt und aus dem Uni-Seminar über Führung, Organisation, Qualitätsmanagement oder Verkauf rezitiert.
Schnell habe ich bemerkt, dass es nichts nützt, ihnen zu sagen, woher ich komme und was meine Aufgabengebiete waren. Ich lasse sie reden, halte dann die Workshops sowieso, wie ich es für richtig halte und sie versuchen es nie wieder, weil nach dem Workshop ist das schriftliche Feedback da und die Fortsetzungsbuchung.
Weil ich eine Frau bin (Stichwort tausend Eier im Gegensatz zu zwei traurigen Anhängseln) reibe ich ihnen das nicht unter ihre jugendlichen Nasen. Brauch ich nicht. Ich bedaure sie ein bissl und hoffe, dass sie irgendwann einmal erwachsen werden.

Das Geheimnis eines wirklich guten Trainings ist aber dies:
– erfasse, was wirklich los ist (so wie es jede:r gute Organisationsentwickler:in macht)
– hol die Leute dort ab, wo sie stehen (und dozier nicht blöd herum, während die Teilnehmer:innen ganz konkrete Probleme, wirkliche Sorgen und echte Anliegen haben)
– achte darauf, ein „nicht-schulisches“ Setting zu haben. Der sicherste Weg zum Scheitern ist, irrtümlich, z. B durch Bestuhlung oder durch bohrende Fragen am Anfang etc. ,eine Schulatmosphäre zu schaffen – da viele Menschen sehr schlechte Erfahrungen mit Lehrpersonen und Schule verbinden, blockieren die sofort – und nicht nur das. Jetzt sind sie erwachsen, bezahlen viel für dieses Training und sagen ganz unverblümt, dass du Scheiße bist 😉

Ich habs leicht. Durch meine umfangreiche und weit gefächerte Erfahrung habe ich die richtigen Fragen – die Teilnehmer:innen merken in der Sekunde, dass ich von der Sache was verstehe. (ich trainier ja auch nur Sachen, von denen ich was verstehe, was eigentlich logisch sein sollte. Ist aber nicht die Regel). Sie erzählen ganz freimütig ihr Problem und in den meisten Fällen können wir sehr gut eine Lösung finden. Vor allem die zuerst Blockierenden (weil sie krampfhaft an etwas festhalten, weils sies halt kennen. Funktioniert halt seit Jahren nicht mehr oder hat eh nie funktioniert, aber nein, sie machen weiter. Mit noch mehr Aufwand.) merken bald, dass sie mir „keinen Lavendel“ erzählen können (Das hat mein Verkaufsleiter bei der kleinen Firma immer gesagt ;-). Ich weiß in den allermeisten Fällen, wie die Ablauforganisation bei ihnen läuft, wo es vermutlich kracht, wo beschissen wird und vor allem: wie.
Das können die lustigen Kerlchen mit den genagelten Schuhen freilich nicht. Denen fehlt eine Ulli Pollak, ein Herr M., aka „die Pest“, 15 freundliche und zugängliche Topmanager, die nicht mit ihren Erfahrungen geizen und immer ein Ohr haben, und schlussendlich fehlen ihnen 10 Jahre mit einer 70 Stunden Arbeits-Woche im tatsächlichen Tagesgeschäft.
Weils aber nur Buben sind, sag ich ihnen das nicht. Womöglich sind sie dann geistig kastriert. Oder seelisch. Oder körperlich. 😉 Drum müssens wahrscheinlich so viel klappern. Beim Gehen.

(Bevor ihr euch jetzt aufregt, warum ich nur immer auf „die Buben“ hinhau – abwarten. In den Jugendlichen-Maßnahmen und vor allem im Schuldienst komm ich noch zu einer Menge höchst fragwürdiger weiblicher Gestalten.)



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