17.Kapitel. Der Senior verträgt mich schlecht. Ich ihn auch. Vorannahmen und diese Mann Frau Sache. Zufall, Anfall, Glücksfall.

Die Company ist, was ihre Werte anlangt, wie soll ich sagen – ambivalent.
Wir haben schon 1995 ein Diversity-Program („Xerox 2000“), während der Rest von Österreich das Thema auch 2022 noch kaum schreiben kann, geschweige denn versteht. (Als Head of Diversity Team in Österreich werde ich gemeldet, ich machs mit Begeisterung natürlich)
Als die Company von den Österreichern verlangt, die Frauenquote zu erhöhen, passiert aber – genau – nichts.
Gleichzeitig wird Xerox International aber damals schon von einer Frau geführt.
(Erst als die HQs drohen, die Prämien zu kürzen, wenn das nicht passiert, passierts. Dem Buchstaben nach. Die Personalabteilung fängt 10 WU Absolventinnen frisch von der Uni und macht sie zu Verkäuferinnen – und lässt sie dabei sterben. Bis auf eine, die wird, lang nach meinem Weggang, CEO. Da soll noch jemand sagen, es gäbe kein Karma. Field Sales müssen sie deshalb machen, weil die Topmanager immer aus dem Sales-Bereich kommen)

Ich kann zu diesem Zeitpunkt schon ein bissl was vorweisen. Die Zahlen meiner Abteilung sind sehr gut. Nicht nur die Umsätze passen, auch die obligatorische Kundenzufriedenheitsumfrage, sowie die Mitarbeiterzufriedenheitsrate ist sehr gut. (Die Prämie ist für Manager gedrittelt: Umsatz/Kundenzufriedenheit/Mitarbeiterzufriedenheit)
Außerdem hab ich in meiner Freizeit, an zwei Tagen abends, die letzten 2 Jahre am WIFI das Marketing Management College gemacht.
Dann hab ich noch im Projektteam mit den IT`lern das Bestellsystem komplett in ein neues migriert (da lerne ich den Rest darüber, wohin was verbucht wird und wie man jeden einzelnen Artikel kennzeichnen muss, wie ein chaotisches Lagersystem funktioniert und wie Beschaffungszeiten, MTPs, ICTPs etc berechnet werden)
Durch ein Gespräch am Tresen mit einem Schweizer Kollegen bei einem Managementtraining kann ich einen unnötigen und zeitaufwändigen Vorgang im Ablauf bei den Bestellungen korrigieren lassen- das spart etwa 2 Stunden Arbeitszeit pro Tag für die Person, die das bis dahin tun musste, sie kann dafür mehr Bestellungen annehmen, es passieren weniger Fehler und die Abteilung ist entlastet.
Der Senior bemerkt widerstrebend, ich sei „sein bester Mann.“
Als wenig später der Head einer zweiten Verkaufsabteilung geht, wird offen darüber geredet, die beiden Abteilungen zusammenzulegen (wäre auch logisch).
Würde mir zustehen.
Der Senior druckst herum und erklärt mir dann, dass er das nicht machen könne – die anderen würden glauben, „wir hätten was miteinander“, wenn er mich so „groß“ machen würde.
(Dass es an meiner hinlänglich bewiesenen Kompetenz und an meinen Ergebnissen liegen könnte, kommt offenbar niemandem in den Sinn.)
Statt dessen wird ein junger Mann eingestellt (eh ein ganz Netter, aber der kann mir never ever das Wasser reichen, hat auch viel weniger Erfahrung)
Einer der Gebietsleiter vom Maschinenverkauf bekommt das mit und bietet mir daraufhin ein frei gewordenes Verkaufsgebiet an – er kenne mich und wolle mir sehr gern die Chance geben.
Der Senior weigert sich, mich vor Ablauf eines weiteren Quartals freizugeben – wer solle denn die ganze Arbeit machen, es müsse ja wer gesucht und eingeschult werden, das könne ja niemand (He! Wie wärs mit dem Jungschnulli??? Gebts es dem dazu! Ach so, der ist ja da, weil er ein Mann ist, und nicht, weil er das kann) und der Gebietsleiter bedauert – er könne ein Verkaufsgebiet nicht ein Quartal ohne Head lassen. (Logisch)

Es gibt gelegentlich Momente, da werde ich wirklich wütend (ich empfehle, dann einen großen Bogen um mich herum zu machen). Das ist so ein Moment.
Ich gehe zum Senior rauf.
„Wissens was,“ sagte ich. „Sie können mich am Arsch lecken!“
Drehe mich um und gehe in die Personalabeilung. „Ich kündige!“ Der junge Personaler wird blass. Das könne ich nicht tun, meint er. Ob er wetten wolle, frage ich.
Er bittet mich, einen Tag zu warten, weil, und da wird er noch blasser, sie wollten mir das zwar nicht so sagen, aber ich dürfe bitte keinesfalls gehen, sie würden das regeln.
Einen Tag später habe ich ein Angebot vom Head of Operations, in seine Abteilung zu wechseln.
Der „Krause-Vater“, wie er allgemein genannt wird, ist, der Techniker-Tradition gemäß, ein natürlicher Feind meines Senior Managers, weil der ist ja Sales. (Nur die Marketiere sind noch weniger beliebt. Ein berühmter Spruch ist: „Was ist der Unterschied zwischen Marketing und Make-Up? Make -Up is fürs GSICHT“)
Ich übersiedle zum Krause-Vater, die halbe Company amüsiert sich über meinen Senior, der mich überall als „Verräterin“ bezeichnet, die ihn „allein gelassen“ hat und „zum Feind übergelaufen“ ist.
Drei Jahre lang reden wir, außer auf Kundenevents und bei Meeting, kein einziges Wort miteinander. Das ist in Wahrheit völlig irre, weil wir einander ja mögen. Kaum jemand bekommt etwas von diesem Irrsinn mit. Kann gut sein, dass wir mit einem Kunden beim Heurigen sitzen, uns blendend unterhalten und einander dann wieder zwei Monate völlig ignorieren.
Einmal haben wir Besuch von den HQs, und gehen abends mit denen aus. Wir lachen und plaudern, bis der offizielle Teil vorbei ist und wir uns verabschieden. Der Besuch bemerkt, dass da was nicht stimmt, weil wir wortlos in verschiedene Richtungen abgehen wollen. Auf Befragen sagt der Senior: „Oh, we don´t talk, because she is a traitor!“. „Oh yes, and he can kiss my ass“, sag ich. Ich glaub, der Besuch ist leicht verwirrt 😉
Beim Krause-Vater geht es mir gut. Er behandelt uns alle gleich. Je nach Laune, aber gleich.
Als er nach zwei Jahren in Pension geht, passiert, was passieren musste:

Als ich eines Tages ins Büro komme, sprechen mich bereits Leute auf dem Gang an und sagen mir, wie leid es ihnen täte. What the hell? Dann sehe ich meine Mitarbeiter:innen, die wie begossene Pudel herumstehen und sitzen und vorsichtig fragen, ob ich es schon gehört hätte? What the fuck????

Mein ehemaliger Senior bekommt nämlich die Abteilung, seine wird mit der größeren Technikabteilung zusammengelegt. Ich muss also wieder direkt an ihn berichten. (Ich glaub, das bedeutet: „miteinander reden“, oder?)

Schräg, wie es begonnen hat, geht es weiter: Wir sprechen uns nie aus, sondern machen das erste Abteilungsmeeting ganz normal, reden miteinander, und beschließen offenbar gleichzeitig, den Blödsinn zu lassen und nehmen wieder eine professionell-freundschaftliche Arbeitsbeziehung auf. (Ich kann richtig fühlen, wie die Kollegen beim ersten Meeting die Luft anhalten. Die haben vermutlich die ärgsten Fantasien, was jetzt gleich passiert. Die warten darauf, wer zuerst losbrüllt.)

Im Sommer 1997 kaufe ich eine kleine Eigentumswohnung mit Garten und soll übersiedeln. Ich nehme mir extra Urlaub, bekomme aber den Schlüssel nicht rechtzeitig und habe zwei Wochen lang nichts zu tun.
Der Zufall will es, dass ich in der Früh die Zeitung genauer lese (ich hab ja Zeit, die ich sonst genau nie hab). Eine große Unternehmensberatung sucht Trainer:innen für die Wirtschaft: „eine Person aus dem Management möglichst mit pädagogischem Background“. Ein Gedanke schleicht sich ein. Die suchen genau MICH.
Ich rufe dort an (ich hab nichts zu tun!) und werde einen Tag später zu einem Assessmentcenter eingeladen. Ich geh hin (ich hab nämlich nichts zu tun!) und durchlaufe da einen für mich lustigen Tag mit Interviews, Verkaufsgesprächen, Präsentationen, Diskussionen etc etc.
Am Ende des Tages nimmt mich der Geschäftsführer zur Seite und sagt: „Das wird ein sicheres Ja. Wann können sie kündigen?“
Okay, jetzt ist es vorbei mit Fadesse und „ich hab eh nichts zu tun, schau ich mir das halt an“.
Ich erkläre, dass ich keine Ahnung habe, wann ich kündigen könne, mein Senior Manager ist gerade auf Urlaub (Bali oder Hawaii, ich weiß es nicht mehr, er ruft aber einmal die Woche an für ein update) und ich würde es mir überlegen.
Soll ich? Soll ich nicht? Es geht mir blendend in der Company, andererseits hab ich so viele super Trainer gehabt in den letzten Jahren bei meinen Weiterbildungen, sowas würd ich sehr gern machen, ich trau mir das zu.

Ich entschließe. eine Münze zu werfen. Keine richtige Münze, sondern: Wenn ich nach meinem Urlaub in die Firma komm und ich mich schon um 8.30 ärgern muss, weil irgendein Wahnsinn passiert ist – dann kündige ich.
(Das ist natürlich aufgelegt – wenn ich nicht da bin, passiert unter Garantie irgendein Wahnsinn, bis ich es wieder richten kann für meine Abteilung)
Genau so ist es dann auch. Während meines Urlaubes ist den Technikern etwas eingefallen, das für meine Abteilung so nicht durchführbar ist. Aber ich war ja nicht da, der Senior ist auf Bali (oder Hawaii) und niemand konnte widersprechen.
Eine meiner Mitarbeiterinnen informiert mich um 8.01. Um 8.10 habe ich a) den Wahnsinn wieder rückgängig gemacht und b) steh ich in der Personalabteilung und sage, dass ich einvernehmlich ausscheiden möchte.
Der Personaler wird vor meinen Augen immer kleiner und erklärt mir, ER würde das auf KEINEN FALL dem Michel sagen, ICH müsse das tun – ob ich ihn nicht anrufen könne. „Auf Hawaii?“ sag ich. (oder Bali) „Is nicht ihr Ernst, oder?“
Ich rufe ihn nicht an. (Okay, feig. Geb ich zu)
Als er wieder da ist, hat er natürlich einen Anfall. Das hätte ich absichtlich gemacht, während seines Urlaubs zu kündigen!
Er grollt mir sehr sehr (sehr). Beruhigt sich aber wieder und verhindert später noch eine Schweinerei der Personalabteilung. (Die wollen mir kurz meine Abfertigung nicht auszahlen, weil „SIE wollten ja die einvernehmliche Kündigung“. Sowas passiert nur, weil eine neue Personalchefin da ist, von der Volksbank. Bänkster halt. Unter dem hochanständigen Dr. Kalb, dem „Kälbchen“, hätte es sowas nicht gegeben, aber der ist pensioniert.)

Wenige Wochen später bin ich Trainerin und Beraterin in einer großen Unternehmensberatung.


Meinen Job bei der Company machen jetzt 2 Personen (davon wurde eine extra neu eingestellt) und meine ehemaligen Mitarbeiter:innen rufen mich an und erzählen empört, was die beiden alles NICHT machen würden und „unter dir hätte es das nicht gegeben“.
(Das ist lieb, aber natürlich unfair den beiden gegenüber. 7,5 Jahre war ich bei der Company und habe mit den Leuten zusammengearbeitet, sowas geht ja nicht von jetzt auf gleich.)

Damit endet meine Angestelltenkarriere in der Wirtschaft.
Ab jetzt gehts wieder um Bildung und Unterricht: Für Erwachsene diesmal.






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