16.Kapitel. 3 CEO`s oder: The Good, the Bad and the Ugly. Eine Erkenntnis.

Gestern fragt mich der Kollege, warum ich mir das alles gemerkt habe – das ist einfach, sag ich, ich habe meine eigenen Erlebnisse in meinen Workshops und Seminaren immer wieder als Beispiele verwendet. Wenn die Teilnehmer:innen wieder mal verzweifelt waren ob ihrer Chefs. oder Gefahr liefen, eigene (schlechte) Erfahrungen unreflektiert in ihre Handlungen zu übernehmen – weil sie ja keine andere Handlungsmöglichkeit kannten.

Im Konzern ist es üblich, dass die Top- Führungspositionen alle 2-3 Jahre rotiert werden. Man wechselt als CEO in ein anderes Land und als Senior Manager in eine andere Division.
In meiner Zeit bei der Company erlebe ich dadurch 3 CEOs.
Der erste, H.H., ist so blass und steif und sozial ein bissl, hm, eingeschränkt und quasi nicht vorhanden für die Mitarbeiter:innen, dass er eines Tages (jemand muss ihm wohl geraten haben, sich wenigstens ein bissl volksnah zu geben) plötzlich neben dem Tisch einer Mitarbeiterin der Vertragsabteilung steht und „Wie laufen die Geschäfte?“ fragt.
Die schaut einmal auf, erkennt ihn natürlich nicht, sie ist ja nie in den oberen Etagen und er nie unten, und blafft ihn an, er solle sich schleichen, sie habe zu tun.
(Sie glaubt sicher, er ist ein neuer Verkäufer, den sie nicht kennt und der seinen Vertrag vorgereiht haben möchte).
Der H.H. dreht sich wortlos um und geht wieder. Er selbst verliert kein Wort über den Vorfall (weil er vermutlich gar nicht einordnen kann, was da gerade geschehen ist) aber der Leiter der Vertragsabteilung stirbt sicher ein Monat lang tausend Tode, denn einer der Mitarbeiter hat den CEO natürlich erkannt und erzählt die Geschichte genüsslich weiter. Die Wahrnehmung des CEO in den Köpfen der Leute ändert sich daraufhin von „Wer? Ah der!“ zu „Der Trottel“.
Ich selbst sehe ihn nur selten und spreche auch nie mit ihm, bei den recht zwanglosen Treffen ist er nie dabei, sein Büro verlässt er kaum und nur der Senior berichtet direkt an ihn. Wobei und wohin er uns führt, wissen wir nicht so recht. Er ist einer, ohne den es ganz prima geht – wenn er nicht da ist, also nicht stört.
Es ist gut, dass wir grad bestens im Geschäft sind, denn in einer Krise ist so eine Führungskraft fatal.
Nach zwei Jahren geht er und Frans kommt. Frans ist Holländer, spricht aber bald sehr gut Deutsch (und wir sowieso alle Englisch) und wir alle merken in der Sekunde, dass er da ist. Er ist nämlich wirklich „da“.
Er steht z.B. in meiner Bürotür, sagt „Hej, Susan! Wie geht es dir?“, fragt, ob ich eine Marlborough für ihn hab, setzt sich zu mir und fragt, was ich grad mach. Ich merke, er hört zu und versteht – er hat die Gabe, jeden und jede ernst zu nehmen. Er ist überall.
Den Verkäufern ruft er nach, wohin sie denn gingen? „Ja zum Kunden, Frans“ – „Wart, ich komm mit!“ sagt der Frans.
Er hat eine besondere Fähigkeit: Er weiß von jedem den Namen. Eine meiner Studentinnen, die als Temp Staff immer wieder beschäftigt wird, hat den Schock ihres Lebens, als er durch meine Abteilung geht und sie fröhlich mit „Hallo Johanna!“ begrüßt.
Er zeigt jeden Tag, was „walk the talk “ bedeutet. Er sagt, was er tut und tut, was er sagt.
Seine Kritikfähigkeit ist einzigartig.
Eines Tages fährt er zufällig im Lift mit zwei Technikern. Seine Frage, wie es ihnen den ginge, beantworten die recht aufgebracht. „Also Frans, den Schaaß, den ihr da im Management beschlossen habts wegen XY….“
Was macht der Frans? Er diskutiert das mit den beiden aus. Dort. Und zwar tatsächlich.
(Er wettet auch mit dem gesamten Unternehmen „um ein Bier“, ich weiß nicht mehr, weswegen – aber er verliert und am nächsten Tag hat jeder von uns eine Flasche Heineken am Tisch stehen. JEDE:R)
Ich habe das Vergnügen, ihn als Vortragenden bei einer der Trainingseinheiten in Brüssel zu haben. Jeden Abend fliegen, zusätzlich zu den Fachtrainings, Top-Führungskräfte ein, um uns über Management und Führung etwas beizubringen. Kein Abend endet vor Mitternacht oder vor dem Morgengrauen.
(Ich war tatsächlich 10 Tage lang in Brüssel, ohne in Brüssel gewesen zu sein. Ich habe das Hotel nie verlassen und kenne nur die Autobahn vom und zum Flughafen. Die Türme des AKW sind mir in Erinnerung, sonst hab ich NICHTS gesehen. Aber Unmengen gelernt und unendlich wertvolle Gespräche mit Top-Managern geführt, zu denen ich sonst keinen Zugang gehabt hätte.)

Führung in a nutshell, so wie es Frans mir vorgelebt hat lässt sich mit fast denselben Worten beschreiben wie die Prinzipien guten Unterrichts nach Brader. Wer es nicht mitgelesen hat, hier:

https://susannewiegele.com/2021/01/03/sieh-mich-an/

Leider wird Frans nach knappen zwei Jahren in die European Headquarters berufen und ein völlig neuer Abschnitt beginnt:
Es kommt der Herr K.
Ich könnte jetzt ausführlich beschreiben, wie sich dieser stiernackige, polternde und grobe Mensch benommen hat (intern heißt er, wenig schmeichelhaft, aber sehr passend: „die preußische Sau“), aber ich lasse es bei einer typischen Begebenheit:
Jeden Freitag um 14.00 ist Management Meeting im Hotel gegenüber. Wir essen zuerst, plaudern informell miteinander und dann gibts irgendwelche offiziellen Sachen, je nach Agenda. Da spricht der CEO, der Finanzdirektor etc.
Der Herr K. macht sich in der Millisekunde unbeliebt, als er, sich aufs Podium des Veranstaltungssaals stellend, eine Rüge ausspricht. Wenn er sage 14.00 Uhr, dann meine er auch 14.00 Uhr und nicht 14.10. Wir schauen ihn ein bissl fassungslos an, weil wir sind ja ohnehin seit einer Stunde da, haben am Buffett gegessen und bereits 90% der zu erledigenden Agenda informell abgehandelt, Vereinbarungen getroffen und weitere Schritte besprochen. ER war nicht da.
„Wir haben die Habsburger überlebt, wir werden auch die Hamburger überleben!“ sagt der Salzburger Verkaufsleiter halblaut. Der Herr K. verfolgt ihn daraufhin über Jahre mit seinem Zorn, kann ihm aber sehr lange nichts anhaben wegen seiner guten Zahlen.
Noch etwas wiederholt sich jede Woche bei diesem Treffen: Jedes Mal schaut er mir vom Podium herunter direkt ins Gesicht und begrüßt uns dann mit: „Meine Herren,…..“
Für ihn bin ich nicht existent. Mich darfs gar nicht geben in seiner Welt, also gibts mich auch nicht.
(Später muss ich, laut neuer Richtlinie, einmal wöchentlich die Umsätze direkt an ihn berichten. Ich hab immer das Gefühl er stirbt gleich, weil er ja ein paar Worte reden muss mit mir, mich aber nicht einmal anschauen kann. Ich nehme das nicht persönlich, denn er ist zu jedem von uns gleich deppert. Zu mir halt wegen des falschen Geschlechts.)

Eine wichtige Erkenntnis gewinne ich aus diesen Begegnungen, vor allem aus den internationalen:
Die wirklichen Top-Leute im Management haben es nie notwendig, auf Status und Macht zu spielen. Sie sind auch nie kleinlich, nachtragend oder arrogant.
Sie führen durch ihr Beispiel, durch die deutliche Wertschätzung, die sie ihren Mitarbeiter:innen entgegenbringen und durch klar kommunizierte Ziele. Walk as you talk, management by objectives.
Die wissen, dass sie gut sind und wollen andere besser machen. Und sie sind reflektiert.

Funfact: Als ich später in den Trainingsfirmen andere Wirtschaftstrainer:innen kennenlerne, begegnet mir ab und an das Gegenteil: Ehemalige kleine Würschteln aus Unternehmen, die auf wahnsinnig wichtig tun und vor Aufgeblasenheit kaum gehen können, denen es aber klar an Kompetenz und Erfahrung fehlt.
Ich muss immer innerlich grinsen: Wer das notwendig hat, hat auch ein ganz kleines Zumpfi, gell?

Ui, jetzt muss ich das nächste Kapitel glatt über Vorurteile schreiben, denn das war jetzt eins.
(Nicht JEDER, der sich deppert aufführt, hat ein ganz kleines Zumpfi. Kann auch ein ganz kleiner Selbstwert sein. Damit sind jetzt auch die Frauen gebasht. Danke fürs Gespräch)

Ich hoffe btw., dass die Lehrpersonen, die hier mitlesen, sich nicht fadisieren – aber so weit vom Schulalltag ist das gar nicht entfernt, oder? Nur mehr ein Kapitel, dann bin ich schon in der Erwachsenenbildung. Dann gehts wieder um Unterricht, ich versprechs!




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