14.Kapitel. Ich und die Company. Eine Liebesgeschichte mit Herausforderungen. 1. Teil: How not to do.

Ihr seht bereits am Titel: Es ist gemischt.
Warum ist die „Company“, wie wir Xeroiden sie nennen, aber trotzdem eine Liebesgeschichte? Ich habe dort alles das gelernt, was ich bis heute brauchen kann – alles über Management, Projektmanagement, alles über Führung, eine Menge über Controlling.
Aber der Reihe nach.

Ich sitze also zu Hause, habe keine Sorgen, weil von der kleineren Firma nette Abfertigung und drei Monate bezahlte Freistellung bekommen.
Ein verdecktes Jobinserat springt mir ins Auge – es gibt einen Job direkt bei einem Geschäftsführer, selbe technische Branche wie die, die ich grad verlassen habe. Genau meine Qualifikationen.
Ich melde mich dort und gerate an eine Headhunterin, mit der ich mich sofort verstehe – es „klickt“ quasi. Wir unterhalten uns 15 Minuten, bis sie schließlich sagt: „Es geht um die Firma K.(geführt von einem Brüderpaar, Anmerkung für die Insider) und DORT geb ich sie sicher nicht hin!
Ich bin total schockiert – hält die mich für total ungeeignet? „Wissen Sie“, sagt sie, „die K. kommen mit einer gscheiten und selbstbewussten Frau überhaupt nicht zurecht, ich werf doch dort keine Perlen vor die Säue!. Aber ich hab da was Anderes.“

So beginnt meine Aufnahme bei Rank Xerox (hieß damals noch so, wir schreiben 1991).


1. Gespräch mit meinem späteren Senior Manager und dem Controller.
Der Controller glaubt, dass er mich aus dem Konzept bringen kann, indem er plötzlich Englisch weiterspricht (sehr gute Englischkenntnisse werden verlangt, Konzernsprache ist Englisch).
Er starrt mich mit offenem Mund an, als ich, ohne eine Sekunde zu verlieren, das Gespräch auf Englisch weiterführe.
Was hat der geglaubt? Dass ich in meiner Bewerbung gelogen habe? (Spoiler: Das wird ein Muster)
Der Job wird mir als wahnsinnig herausfordernd beschrieben – daher sei es unerlässlich, dass ich zuerst drei Monate lang „undercover“ als Angestellte mitarbeite und in allen Dingen eine komplette Einschulung erhalte, bevor ich den Job meines direkten Vorgesetzten übernehmen soll.
(Ich bin noch immer recht jung und dumm, weil da hätten ein paar Alarmglocken klingeln sollen.)

2. Ich habe ein langes Gespräch mit dem Personaler, dem Dr. Kalb, intern „das Kälbchen“ genannt. Ein reizender, alter Herr, der mich gefühlte 20x fragt, ob ich eh einmal Kinder haben möchte. Ich verneine 19x, bis ich endlich kapiere, er will, dass ich „ja, sicher“ sage. Jetzt hält er mich für eine „normale Frau“ offenbar und gibt sein OK.

Ein paar Tage später sitze ich in der telefonischen Bestellannahme fürs Papier und Zubehör.
Ich habe ein paar unmittelbare Kolleginnen und einen „Chef“.
Meine Zeit ist zwischen Einschulung ins System und Bestellannahme und Auftragsabwicklung aufgeteilt.
Die Kolleginnen wundern sich ein wenig, warum meine Einschulung so lang ist. Ich darf nicht sagen, dass der „Chef“, der ein paar Schreibtische hinter uns sitzt, bald nicht mehr da sein wird und dass ich seinen Platz einnehmen werde. Das fällt mir schwer, denn er ist, wie ich nach vielen Jahren Unternehmensberatung später sagen kann, ein recht häufiger (meist männlicher) Typ der mittleren Managementebene:
Viel Idee von der eigenen Wichtigkeit, aber leider keine vom Tagesgeschäft und schon gar keine von Mitarbeiter:innenführung. (Das sind die Typen, von denen man in den Unternehmen sagt: „Er stört eigentlich nur, ohne ihn arbeiten wir besser“)
Da ich die Abläufe und alles, was dranhängt, genau kenne und beherrsche (DANKE Ulli Pollak!) muss ich mich oft extrem zusammenreißen, um ihm nicht den Telefonhörer aus der Hand zu nehmen oder ihn in einem Gespräch mit einem der Verkäufer zu unterbrechen – er redet so viel Unsinn bzw verursacht Fehler, anstatt sie zu beheben.

Mich beäugt er äußerst kritisch. Irrtümlich korrigiere ich einmal selbst eine falsch ausgestellte Rechnung, weil ich ja weiß, wie das geht – die geht jedoch über seinen Tisch und er maßregelt mich, denn sowas mache nur er. (Stimmt. Das „darf“ ich ja noch gar nicht) Beschwerdetelefonate führe ich, aus Gewohnheit, ebenfalls selbst und verbinde nicht zu ihm. (Auch ein Irrtum natürlich, ich bin ja noch nicht auf seinem Platz)
Er versucht immer, mir Fehler nachzuweisen – was natürlich nicht funktioniert, weil ich das Tagesgeschäft hier ja schon vorher beherrscht habe und jetzt heimlich auf seines eingeschult werde.
Zweifellos bin ich auch zu wenig unterwürfig ihm gegenüber. Ich widerspreche ihm sachlich und ruhig, wenn er von mir einen Blödsinn verlangt.
Nach kurzer Zeit muss der Senior Manager eingreifen – offenbar ist der „Chef“ zu ihm gegangen und will mich kündigen.

Einschub für junge Frauen: Das, liebe junge Frauen, ist leider immer noch häufig. So ein Typ mit einer fragilen Männlichkeit hält es ganz ganz schlecht aus, dass eine Frau besser ist als er. Oder gleich gut. Oder selbstbewusst. Mit den Männern in der Abteilung bildet so einer gern eine Art Affenherde – und das läuft dann auch ganz gut. Man zeigt einander im Anlassfall stolz sein Geschlecht oder den roten Popo und fletscht ein bissl die Zähne. Aber ihr, ihr „kennt euren Platz nicht“.
So einer ist immer eine miese Führungskraft. Merkt euch: Der hat nur zwei Eier (und die findet er meist nicht) – ihr aber habt tausende.

Es kommt zu einer höchst unangenehmen Situation: Der Senior Manager ruft mich an und gibt mir eine kurze Vorinformation. Dann holt er den „Chef“ zu sich. Dieser kommt nach kurzer Zeit zurück, räumt wortlos seinen Schreibtisch, sieht uns nicht an, redet auch nicht mit uns, sondern geht einfach.
Wenig später kommt der Senior Manager und erklärt allen die Situation.
Ich muss dann wohl von meinem Platz aufstehen, meine Sachen nehmen und zu meinem neuen Schreibtisch gehen.
Ich komme mir vor wie eine Betrügerin. Die anderen sehen das wohl auch so.

Einschub für Führungskräfte:

Wir sind uns hoffentlich einig, dass das oben Beschriebene auf gut wienerisch „oasch grennt“ ist, oder? So etwas macht man definitiv NICHT.

Ich erfahre jetzt auch (von Kolleg:innen!), dass ich die 8. Person in 5 Jahren bin auf diesem Sessel UND, dass sich auch eine meiner Mitarbeiterinnen für eben diesen Job beworben hatte, aber abgelehnt worden war.
Ah ja, und ich bin die erste Frau auf Managementebene.

Muss der Senior Manager wohl vergessen haben, mir zu erzählen. (siehe Einschub für Führungskräfte oben. Vom Senior lest ihr noch genug, keine Sorge. Danach könnt ihr ein Sachbuch über „Hassliebe“ schreiben.
Michel, wo bist? Ich hoffe, dir gehts gut?)

Die härtesten sechs Monate meiner gesamten Berufslaufbahn beginnen.


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