13.Kapitel. Was ich von 1988 – 1991 mache und was ich daraus lerne oder: Die Privatwirtschaft in Form einer kleinen Firma.

Nach dem Austritt aus dem Schuldienst brauche ich genau 3 Monate, um einen Job in der Wirtschaft zu finden.
Bei einer 15-Mann Firma, die, eigentümergeführt, elektronische Komponenten, Netzwerkzubehör und unterbrechungsfreie Stromversorgungen vertreibt. Ich glaube, ich muss nicht extra erwähnen, dass ich weder von den Produkten noch von den Abläufen etwas verstehe. Sie stellen mich ein, weil ich, in meiner Naivität, nur ein Lehrerinnengehalt verlange. Aber ich lerne.
Ich lerne, weil die Aufgaben einer „Assistentin des Produktmanagers“ jetzt auch nicht wirklich in die Kategorie Quantenphysik fällt und ich aus meinen Ferialpraktika doch etwas mitnehmen konnte.
Die Firma ist überhaupt ein Glücksfall für mich: Da wir so klein sind, muss jede:r alles können. (außer der Buchhaltung, die wird ganz geheim immer samstags gemacht, da weiß nur der Chef und die Frau L. Bescheid)
Und es gibt die Ulli Pollak (später Prager, leider schon verstorben). Jede Firma braucht (und hat häufig) eine Ulli Pollak. Sie ist eine der heute nicht mehr vorhandenen „Alleinkräfte“, d.h. sie kann alles – vom kompletten Einkauf bis zum Verkauf, vom Administrieren der Außendienstverkäufer bis zum Empfangen von wichtigen Verhandlungspartnern, von der Führung des Chefkalenders bis zur Einschulung jeder und jeden neuen Mitarbeiter:in.
Es ist völlig egal, ob der Chef/ein Produktmanager/ein Außendienstler im Haus ist oder nicht – Ulli weiß alles und kann auch alles.
Mit liebevoller Strenge bringt sie mir alles bei. Und zwar so, dass es auch sitzt – schließlich muss bei uns jeder jeden vertreten.
Nach ein paar Monaten erwischt mein Produktmanager irgendwo eine Lungenentzündung und fällt lange aus.
Ich ersetze ihn weitgehend. Und lerne. Schnell und viel. Das ist auch meinen tollen Produktmanager- Kollegen und dem Kollegen aus der Technik geschuldet, die mir jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stehen. (Viel später erst werde ich zu schätzen lernen, dass dort, unter den Kollegen, kein einziger Macho-Trottel war. Damals glaubte ich, das sei eh normal)

Aber es begegnet mir der erste in einer Reihe von verhaltensauffälligen Männern:
Der Chef.
Was ich damals nicht kapiere: Er ist vermutlich bipolar. Genial in seiner manischen Phase, aber völlig unberechenbar in seinen Handlungen.
In der Zeit, als ich den Produktmanager ersetze, schreibe und unterzeichne ich natürlich auch die Angebote.
Eines Tages bleibt er neben mir stehen, während ich mit einem Kunden telefoniere.
Plötzlich nimmt er ein neben mir liegendes Angebot in die Hand, zerreißt dieses – und geht.
Ich sehe das alles, rede aber mit dem Kunden am Telefon weiter und deute einem Kollegen, dass er dem Chef doch bitte nachgehen solle, weil ich keine Ahnung habe, was los ist.
Habe ich einen Fehler in der Kalkulation? Hab ich mich gar verschrieben?

Nein, der Kollege kommt zurück und teilt mir mit, der Chef habe gesagt er wolle nicht, „dass hier Weiber bekannt werden“. (Übersetzung für junge Frauen: Damals war das ganz ganz wichtig, dass Männer das Gesicht einer Firma waren. Damit wurde auch geworben. Bei uns z.B. damit, dass alle HTL-Ingenieure sind. Die Frauen blieben unsichtbar)
Ich gehe an diesem Tag fuchsteufelswild heim und schwöre mir, mir umgehend einen neuen Job zu suchen.

Am nächsten Tag kommt mir, als ich gerade Stufen zum Büro hinaufgehe, der Chef entgegen.
„Sie, ich muss weg!“, sagt er im Vorbeigehen. „Um 9 kommen die Leute von der XY – SIE verhandeln!“. Und weg ist er.

Das ist bei ihm „normal“. Normal ist auch, dass er ganz ganz junge Sekretärinnen für sich anstellt – die werden dann sehr schnell zu seinen Geliebten, bekommen dann eine Wohnung und ein Auto als Abfindung und die nächste kommt.
Eine besonders hübsche und zarte, knapp 19jährige stellt er uns mit folgenden Worten vor: „So, das ist die xy, ich muss ja den Schnitt heben bei den Schirchperchten hier.“

Ebenso normal ist aber, dass er mir, als ich daheim ausziehe und mich scheiden lasse und er das mitbekommt, anbietet, mir Möbel geben, falls ich keine hätte und mir finanzielle Hilfe anbietet. (Ich nehme nicht an, natürlich)
Am nächsten Tag schreit er mich wieder quer über den Gang für irgendetwas an, von dem ich zum ersten Mal höre und mit dem ich nichts zu tun hatte.
Dieses Spiel spielen wir letztendlich über 3 Jahre lang – in der Zwischenzeit wird die Firma mit einer größeren vereint, weil der Chef all seine Verträge mit Lieferanten und uns alle in Bausch und Bogen in die andere Firma einbringt.
Ich bin am Schluss „Assistentin des Verkaufsleiters“ und damit auch Innendienstleitung der einen Sparte (damit bin ich das Spiegelbild der lieben Ulli Pollak, die ist in der anderen Sparte. Wir sind jetzt sicher 80-100 Leute, keine Rede mehr von der kleinen, familiären Firma, sondern zu einem Schweizer Konzern gehörend).
Von diesem Verkaufsleiter (der von der „anderen“ Firma ist) lerne ich alles über Verkauf und Außendienststeuerung – er ist auch derjenige, der mir jeden Tag zeigt, wie man ehrlich und anständig Geschäfte macht. (Jahre später weiß ich erst, wie selten dieser Typ Verkäufer ist.)

Der Chef ist aber immer noch da. Jetzt eben als Geschäftsführer und nicht mehr als Eigentümer, ein Rollenwechsel, den er nicht hinbekommt.
Dauernd gibt er Anweisungen und hat Ideen, die den Richtlinien des Konzerns widersprechen.
Eines Tages sagt er einmal zu viel zu mir „Und sie können morgen glei daheim bleiben!“ (Das ist immer der Abschluss eines laut geführten Streits)- und ich bleib diesmal wirklich am nächsten Tag daheim.

Um 9.00 ruft mich ganz kleinlaut der (sehr nette und anständige) Controller an und fragt, wo ich bin. „Ja zu Haus“, sag ich. „Ja bitte kommen Sie doch, Sie wissen ja, der Herr X hats nicht so gemeint!“, sagt er.
(Was er meint, ist: Ich bin jetzt 3,5 Jahre im Unternehmen und habe eine dreimonatige Kündigungsfrist und bekomme eine Abfindung. Und der Geschäftsführer hat mich gekündigt und freigestellt auch gleich. Mein Gehalt ist mittlerweile dreimal so hoch wie bei Firmeneintritt. Der weiß, warum er kleinlaut ist. DIE Kohle tut ihm persönlich weh jetzt)

„Doch, ich glaub, er hat mich gekündigt. Ich kann gleich daheim bleiben, hat er gesagt.“

Ich habe jetzt Muße und 3 Monate bezahlte Freizeit (und meine Abfindung) und lese in Ruhe die Stellenanzeigen in der Früh beim Kaffee (In einer richtigen Zeitung, Leute. Wir sind grad Ende 1990. In der Firma hatte ich schon einen Pc und einen Drucker, aber wir sind Prä-Internet. Ja, ich bin ein Fossil. I know.)

Drei Monate später beginne ich bei „der Company“ im Management, wie wir bei Xerox unsere Firma nennen. „Die Company“ bekommt aber ein eigenes Kapitel, denn ihr verdanke ich ebenso viel wie der unvergessenen Ulli Pollak.






Ein Kommentar

  1. „weder von den Produkten noch von den Abläufen etwas verstehe“ hat sich aber durchgesetzt. Suche ein eMoped. 1. Vollpfeife gibt auf Anfrage weder techn. Daten noch Preis bekannt, man kann ja zum Betrieb kommen. 2. sehe etwas Interessantes, frage nach Händlern in meiner Nähe. Diese Vollpfeife sendet Betriebe, die nur reparieren. Ob er nix verkaufen will- Blödmann ist beleidigt. 3. Vollpfeife meint auch man könne 300 km zum Test anreisen. Oder mit Rückgabe bestellen, soll die aber zahlen. Handel in D. Meine letzte Jeans , größere Größe, kam per Amazon US in 11 Wochen über Kanada her. Erst 45€, dann fielen Trump- Zölle weg, ich bekam 7€ erstattet. Hätten Vollpfeifen in D also eine Gewinnspanne von locker über 100%, indes:; die sind alle zu blöd. Und rennen, wenn der Laden nicht läuft, zu einem der Ministerblödel und jammern.
    Merke: es gibt den Personalmangel nicht, eher zu viel davon.

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