Fast zwei Jahre unterrichte ich in der Halirschgasse – mit viel Freude, aber auch mit zunehmendem Unbehagen.
Unsere Schulversuchsklassen sind ganz oben, wo wir in Ruhe arbeiten können. Nur die alte Kollegin X ist auf demselben Stock (vermutlich, weil sie dort schon immer war und deshalb keinesfalls wechseln will).
Sie hasst uns, wir hassen sie. Sie schreit den ganzen Tag mit ihren Kindern, was gut zu hören ist, denn sie unterrichtet, so wie wir auch, bei offener Türe – weil der schöne Vorplatz, der durch die baulichen Eigenheiten der Schule da ist, ja auch ihren Kids zur Verfügung steht. (Theoretisch jedenfalls, ihre Kinder dürfen nicht aufstehen, es gibt ausschließlich Frontalunterricht und, wann immer sie es ansagt, haben sie „Sitzpause“. Wenn du sehr jung bist, kennst du dieses Disziplinierungsmittel hoffentlich gar nicht: Wenn es der Lehrkraft zu laut wird und wenn herumgerannt wird in der Pause, wird diese zur Sitzpause erklärt. Alle sitzen still und essen ihre Jause.)
Ich bin noch jung und dumm und es stört mich, aber ich mische mich nicht ein.
Die Kollegin ist bestens mit dem Religion unterrichtenden Pater Nick befreundet. Sie bringt ihm immer einen Kaffee und betütelt ihn.
Mit uns hat der Pater keinen Kontakt, vermutlich schlägt er drei Kreuze, wenn er uns aus der Ferne sieht.
Eines Tages, ich muss wohl nach Unterrichtsschluss etwas vergessen haben in der Klasse, gehe ich alleine wieder in den letzten Stock. Die Klasse der Kollegin ist links, direkt bei der Stiege, die Tür ist offen. Es ist still in der Klasse, man hört nur Stifte kratzen. Die Kinder malen wohl etwas aus in Religion.
Die letzten beiden Stufen nehmend sehe ich, wie der Pater Nick hinter den Mädchen steht, sich vorbeugt, um die Zeichnung zu sehen – und einem Mädchen von hinten auf die Brust greift und diese „streichelt“.
Ich bin wie erstarrt. ich kann nicht glauben, was ich sehe – vor allem, weil das Mädchen einfach weitermalt. Auch alle anderen.
(Ich bin, wie gesagt, noch jung und dumm. Ich weiß noch nicht, wie und warum diese Übergriffe durch Autoritätspersonen und in einem Abhängigkeitsverhältnis so gut funktionieren)
Ich bin sogar so jung und dumm, dass ich nicht sofort in die Klasse gehe und den grindigen Typen konfrontiere.
Stattdessen gehe ich am nächsten Tag in der Früh zur Direktorin und erzähle ihr, was ich gesehen habe.
Damit löse ich eine Kette an Ereignissen aus. (Erfahrene Kolleg:innen wissen, was jetzt kommt, oder?)
1. Einen Tag darauf stellt mich Kollegin X im Konferenzzimmer und brüllt zehn Minuten auf mich ein, was ich mir einbilden würde, einen hochgeschätzten Mann der Kirche zu verleumden etc etc etc. Alle anderen tun so, als seien sie nicht da oder wahnsinnig beschäftigt.
2. Die Direktorin holt mich in die Direktion und hält mir einen Vortrag, sie verlangt von mir mehr „kollegiale Solidarität“.
3. Meine Beobachtung wird nicht weiter besprochen, nicht verfolgt, die Kolleg:innen schauen mich ab sofort ein bissl komisch an. Ich zweifle kurz an meiner eigenen Wahrnehmung.
Alles geht weiter wie immer. Der Pater Nick ignoriert mich, aber das war vorher auch schon so.
Nach wochenlangem Bauchweh treffe ich eine Entscheidung. Ich teile dem Stadtschulrat mit, dass ich kündige. In so einem Umfeld will ich nicht arbeiten.
Alle sind angepisst. Das dürfe ich nicht tun, ich sei Beamtin. (Damals wurde man noch verbeamtet)
Ich teile ihnen mit, dass ich fest davon überzeugt bin, dass es in Österreich keine Sklaverei oder Leibeigenschaft gibt und daher sehr wohl dürfe und auch könne.
In einem dürren Schreiben wird mir zwei Monate später mitgeteilt, dass mein Austritt angenommen wurde. Ich bin keine Lehrkraft mehr.
Weil ich so jung und so dumm bin (und auch keine Unterstützung und Beratung bekomme) ist mir nicht bewusst, dass die Vorgehensweise der Kollegin X, der Direktorin und des Stadtschulrates meine Beobachtung nur bestätigt.
Es gibt keine Untersuchung, ja nicht einmal ein weiteres Gespräch, die Personalvertretung ist nirgends zu sehen und alle tun so, als sei ich die Schuldige. Alle sind irgendwie peinlich berührt.
Ich lebe immer noch mit der Schuld, damals nicht genug getan zu haben.
Heute, alt und erfahren, weiß ich, wie man mit dem „Organisationskörper Schule“ in solchen Fällen umgehen muss.
Ein Rat an die jungen Kolleg:innen:
- Dokumentiere genau (heute gibts Handys!!!!) und sofort.
- Mach eine schriftliche Sachverhaltsdarstellung – und zwar emotionslos.
- Schicke die Dokumentation und die Sachverhaltsdarstellung an die Direktion und, sofern nicht auf Tauchstation, an die Personalvertretung.
- Frage ganz unschuldig in einem beiliegenden Schreiben die Direktion und die PV, ob du noch etwas tun sollst, bzw. ob du was vergessen hast, bevor das alles an die Bildungsdirektion und an die Polizei geht. Ob du das weiterschicken sollst oder ob sie das machen. Immer alles schriftlich. (Lesebestätigung, immer alle in cc…)
Die Reaktion der Direktion und der PV wird dir sehr schnell zeigen, wie der Hase läuft.
(Erfahrene Kolleg:innen machen jetzt einen educated guess. Ja, es ist bitter, wir wissen das.) - Informiere deine_n externe_n Gewerkschafter:in. (also jemanden, der nicht am Standort ist!) Du wirst seine/ihre Unterstützung noch brauchen.
- Merke dir: Sie werden dazu neigen, einfach NICHTS zu tun. Weils so wahnsinnig unangenehm ist, weils dem Ansehen der Schule schadet, weil „Leiden leichter ist als Handeln“ (hat der alte Hellinger schon gsagt).
- Du musst daher etwas finden, wovor sie sich noch mehr fürchten. Das ist immer das Ministerium und die Öffentlichkeit. (In Privatschulen würd` ich ja sagen: die Eltern, aber wir wissen: Jahrzehntelanger Missbrauch z.B. bei den „Schulbrüdern“ und die Schule gibts nach wie vor. Grad, dass niemand sagt: Solln sich ned so anstellen, hat mir auch ned gschadet)
Anmerkungen:
Viel später habe ich mit dem 2. Krimiband: „Fetzer und die Schönheit des Scheiterns“ das Thema Schule/Internat/Missbrauch bearbeitet. Weil ich es so ausgehen lassen konnte, wie ich wollte. Und weil ich den „Verlorenen Kindern“ ein Denkmal setzen wollte.
Das ist der Band, der oft auf der Leseliste der Gymnasien zu finden ist. (Schüler:innen googlen mich dann und die ganz mutigen schreiben und fragen mich Sachen, weil sie eine Interpretation schreiben müssen 😉