11. Kapitel. Wissen ist wie Lego. Wer keins hatte, hat Pech.

Gestern habe ich voller Freude gepostet, dass ich 33 Bände „Meyers Kinderbibliothek“ auf willhaben gefunden habe (um 155 Euro, danke an die Sponsor:innen der letzten ok! Klasse).
Da es für einige sicher unverständlich ist, warum ich für Kids der Sekundarstufe II einfache „Wissensbücher“ besorge, benutze ich die Gelegenheit, etwas über den Wissenserwerb zu schreiben. (Und ihr habt gedacht, ihr entkommt mir. Nein, eine alte Kuh benutzt jede Gelegenheit, um zu dozieren. JEDE)

Wenn ich etwas für mich Neues höre, mache ich ganz automatisch, nach meiner persönlichen „Verdrahtung“ im Gehirn, einen internen „Check“.
Ich versuche, das Thema irgendwo einzuordnen. Oder, wie im Titel suggeriert – gibts einen Lego-Stein, auf dem ich weiterbauen kann?
Wo gehört dieses Thema hin? Dann frag ich mich: Kenne ich so etwas Ähnliches schon? Und danach: Oder kenne ich genau das Gegenteil davon?
Hab ich plötzlich die Idee: „Ah! das ist ja wie….“ oder sag ich zu mir „Lustig, das ist aber ganz anders als…..“ (Das sind Sortierstile, siehe Link weiter unten, wenn dich das interessiert!)
Danach versuche ich mir, denn das brauche ich, einen groben Überblick zu verschaffen.
Erst dann gehe ich ins Detail.
Um das Zeug aber dann auch so zu erlernen, dass ich es reproduzieren und/oder anwenden und/oder mit etwas Anderem verknüpfen kann – muss ich es sehen (= lesen) und daneben Kringel malen auf einem karierten Blatt. Und Formen. Und Muster. Ich muss Texte mit einem Marker anmalen in einem Lehrbuch (und weiß dann auch, wo genau der Wissensinhalt im Buch steht. Zu meinem Glück ist das Tablet schon erfunden, da kann ich mit dem Stift endlich wieder im Text herummalen)

Merke: Du hast wahrscheinlich andere Metaprogramme (siehe Link). Deine Schüler:innen aber auch.

Wenn ich kein Lego-Gebäude in meinem Hirn finde oder wenigstens einen Stein, dann bin ich ziemlich aufgeschmissen (was zum Glück nicht häufig vorkommt, weil ich doch ein recht breites, wenn auch manchmal durchaus flaches Allgemeinwissen habe, meiner Vorliebe für Lesen und meinem Alter sei Dank)
Quantenphysik ist so ein Beispiel. Das ist sowas von „Hä?“ bzw. „Gesundheit!“ für mich. Hier fehlt mir quasi das Lego-Duplo-Gebäude. Ich kann auf nichts aufbauen. Mir fehlt jeglicher Querverweis im Hirn.
Drum check ich das auch nicht.
Muss ich aber auch nicht, es ist auch nicht weiter schlimm, weil eh keiner verlangt, dass „jeder das weiß“.

Jetzt habe ich aber eine Menge Schüler:innen, die (jede beliebige Kombination möglich):
aus prekären Verhältnissen/aus bildungsfernen Haushalten kommen/durch Flucht gar nie beschult wurden/die Erstsprache rudimentär, dysgrammatisch und nur oral beherrschen/die Unterrichtssprache auf Pidgin-Niveau sprechen/ die Bildungssprache mit ihren Begriffen nicht verstehen/aus einer NMS kommen.
Wie sollen diese Jugendlichen sich den hier selbstverständlich (und immer etwas naserümpfend, siehe Bourdieu, „Distinktion“) verlangten Bildungskanon aneignen?
Wenn ihnen die Grundlagen (= das Lego-Gebäude, auf dem man aufbauen kann) fehlen?

Letzte Jahr unterrichtete ich einen supergscheiten Jugendlichen, der sich die benötigte Sprachfertigkeit/Lesefertigkeit etc in 4 Jahren aneignen konnte (er wurde erst in Österreich alphabetisiert, ein Schulbesuch in seiner Heimat war ihm, einer Minderheit angehörend, untersagt). Nach dem Lesen eines Artikels, den ich in die Schule mitgebracht hatte, weil ich ihn so spannend fand (neuer Dinosaurier) fragte er mich: „Woher weiß man eigentlich, dass das wahr ist? Hat es die wirklich gegeben, weil das habe ich nie gehört!“
Im ersten Augenblick war ich schockiert. Wie kann man nie von Dinosauriern gehört haben?
Ja indem man als Kleinkind, weder Bilderbücher gehabt noch Museen besuchen konnte. Oder weil man in dem rigiden Glaubenssystem seiner Familie aufgewachsen ist, das Wissenschaft generell und die Evolutionstheorie im Besonderen ablehnt.

Ich hab zwei Möglichkeiten: Ich schick meine Schüler:innen in die Hauptbibliothek, damit sie sich das nötige Grundwissen über die Welt selbst aneignen, weil die Schulbibliothek hat das natürlich nicht (weil Sekundarstufe II !).
(Ist ja überhaupt nicht peinlich, oder? Das ist, wie wenn ich dorthin gehen müsste und ein einfaches Buch über das Bruchrechnen anfordere. Das hab ich nämlich auch nie kapiert. Und die Bibliothekarin fragt: Für welche Schulstufe denn? Fürs Enkerl? Und ich muss sagen: äh, für mich. Und nein, „Im Internet findst eh alles“ ist der falsche Einwurf, denn da musst du wissen, wie du suchst und dazu brauchst du – die Grundlagen. Für die Begriffe. Den Lego-Duplo Stein)

Oder: ich leg ihnen, ganz niederschwellig, die „Wissensbücher“ in die Klassenbibliothek (die ich dafür erfunden habe). damit schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe:
Die Schüler:innen können sich das notwendige „Lego-Duplo Wissen“ anlesen und damit aneignen, sie werden einfacher schreibrichtiger und grammatikalisch richtiger Sprache ausgesetzt – und die 5 derzeit nur Englisch sprechenden Schüler:innen können damit schnell Deutsch lernen, weil die kennen und verstehen die Inhalte – und verknüpfen so ihre ukrainischen bzw griechischen Begriffe mit den deutschen.

Wenn du die ok! Klasse unterstützen willst, findest du im Blog links oben einen paypal – Spendenlink! (Siehe dazu die Artikel zur „ok! Klasse“)

Anmerkungen:

In der Erwachsenenbildung ist es so selbstverständlich, „die Teilnehmer:innen dort abzuholen, wo sie stehen“. Nur im Schulunterricht tun wir oft so, als müssten eh alle auf demselben Wissensstand sein.
Eine niederschwellige, nicht demütigende/peinliche Möglichkeit, Lücken zu schließen, ist immer notwendig. (Immer. Sag ich dir aus langer Erfahrung.)

Zum Thema Distinktion, lies Bourdieu:



Lerntypen, Sortierstile, Metaprogramme etc – wenn dich das interessiert, hier ein Glossar von einer NLP Seite: (Glossar ist gut, ich hab mit der Seite nichts zu tun sonst, bin aber selbst NLP Trainerin)

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