Gestern habe ich euch das Skriptum zum Download reingetan – und es nochmal überarbeitet.
(Siehe Kapitel 9)
Dabei ist mir aufgefallen, dass ich euch nicht gesagt habe, dass so ein „Train the Trainer“ über 6 Wochen geht und das Skriptum nur eins von mehreren ist. Und es ist eine Zusammenfassung.
Beim Durchlesen habe ich mir gedacht, dass ich euch die Sache mit den Lernphasen so erklären muss, wie ich es im Trainer:innentraining mache, sonst fehlt euch ja das notwendige Beispiel.
Albert Bandura (ja genau, das ist auch der mit dem Lernen am Modell!) hat 4 Phasen des Lernens beschrieben. Im Skriptum sind diese nur aufgezählt, daher kommt jetzt mein Beispiel:
- Unbewusste Inkompetenz
Ich bin superhappy. Keine Ahnung, was es alles gibt auf der Welt. (Pessimistisch könnte man sagen, „hic sunt Dunning-Kruger personae“, und man sollte die alten Landkarten wieder einführen, wo man wenigstens wusste, dort wirds gfährlich, weil „hic sunt leones“).
Es gibt ja gelegenlich Menschen, die sich diesen Zustand pathologisch erhalten wollen, weil die Auseinandersetzung mit einem Thema aus diversen Gründen nicht sein darf/nicht geht/schmerzhaft ist/den Zustand einer recht angenehmen kognitiven Dissonanz aufheben könnte. - Bewusste Inkompetenz
Verdammte Kacke. Ich beschäftige mich mit einem Thema und bin leicht verzweifelt, weil ich deutlich merke: Ich habe null, nada, zero, zilch Ahnung, worum es da geht und komm mir vor wie die letzte Idiotin. (So ist es mir grad gegangen, als ich gschwind recherchieren wollte, was ich alles für einen gscheiten Podcast brauche an Equipment etc.)
So gehts euren Großmüttern und -vätern, wenn sie das neue Smartphone in der Hand haben. Oder einen WLAN Router, oder einen Online-Shop.
Das interessante Phänomen dabei: Hier entscheidet sich, ob die Person sagt: „Okay, dann gemmas an“ – oder: „Das kapier ich eh nicht, das ist nichts (mehr) für mich“.
Die Vorerfahrung entscheidet. Und die Vorannahmen, die diese Personen vermutlich gar nicht selbst getroffen haben. Das sind Reste von hinderlichen Glaubenssätzen aus der Kindheit und – der Schulzeit.
Auf die Lehrsituation übertragen bedeutet das, wenn wir den Schüler:innen Erfolgserlebnisse verschaffen (siehe dazu die feine Grafik von Stangl-Taller im Skriptum) , trauen sie sich den Sprung über diese Hürde zu. Wenn sie eh schon wissen, dass sie wieder scheitern werden, nicht. - Bewusste Kompetenz
Willkommen, Kolleg:innen! Eure Schülerinnen und Schüler befinden sich, höchstwahrscheinlich in der ganzen Zeit, in der ihr mit ihnen zu tun habt, in dieser Phase.
Erinnert ihr euch an die Fahrstunden? Oder wie ihr das Eislaufen erlernt habt? Oder ein neues Programm am PC?
Da gibts eine Phase, da musst du über jeden einzelnen Schritt nachdenken. (Tür – Gurt – Start! Scheiße. Kupplung!! Kupplung!“) Wenn es sich um eine körperliche Tätigkeit handelt, ist es noch ärger. Weißt du noch, wie sich der verkrampfte Fuß angefühlt hat auf dem Eis?
Dieser Denkprozess macht a) müde und b) langsam. nach so etwas bist du so erschöpft, dass du auf der Stelle einschlafen könntest. Dass du jemals diese Scheiße beherrschen wirst, glaubst du niemals. Spaß machts dir jedenfalls keinen. So viel ist schon mal sicher.
Im Trainertraining hängen die Phasen an der Wand und ein fetter roter Pfeil sagt jeweils „Sie befinden sich hier!“.
In der Schule erklär ich das den Schüler:innen genau so. Damit sie nicht verzweifeln – weil sie dann wissen, es gibt eine nächste Phase. - Unbewusste Kompetenz
Musst du darüber nachdenken, wie du gehst? Wie du Fahrrad fährst? Auto fährst? Eine Geburtstagskarte schreibst? (Vergisst du auch nicht mehr. Unfall und Krankheit ausgenommen)
Siehst du, das sind Abläufe, die du in der unbewussten Kompetenz hast. Du kannst das also. Es ist bloß eine Sache der Verdrahtung in deinem Hirn, der Übung.
Wenn der Prozess dann sitzt, sitzt er. (Was das absichtliche Verlernen so schwer macht. Hattest du schon mal ein neues Handy, wo sie dir einen Button/eine Funktion woanders hingegeben haben? Oder eine neue Word- Version? Don´t get me started.)
Die Falle für uns Lehrpersonen ist, dass wir uns nicht oft genug vor Augen führen, dass wir die Schülerinnen und Schüler dauernd durch die ersten drei Phasen begleiten. Wenns in die vierte Phase kommen, maturieren sie grad, oder sind irgendwo im Beruf, oder in einer Lehre.
Wir bemühen uns so und strudeln uns ab – und sehn tu ma nix als dauernd müde, quengelnde, unwillige, hopatatschige Kröten, wost einen mitm andern erschlagen könntest.
Ist es nicht so?
„Geh bitteeeeeeee, das hamma aber schon in der Ersten glernt!“.
„Sag einmal, hast du die ganze letzte Wochn gschlafn?“
„Jetzt kannst du das noch immer nicht? Das ist bitter, junge Frau/junger Mann. BITTER!“
(Bitte gern um Zuschriften, wenn du das nie gedacht oder gesagt hast in deiner Lehrtätigkeit. Irgendwo lebt und lehrt vielleicht ein/e Heilige/r. Sei aber nicht überrascht, wenn wir anderen dann Reliquien aus dir machen und uns deine Fingerknöchelchen ins Geldbörsel stecken)
Weil ich eine alte Kuh bin, hatte ich schon öfter die Gnade, ehemaligen Schüler:innen und Trainees wieder zu begegnen.
Ich wünsche euch allen, dass ihr diese Gnade ebenfalls erlebt: Diese Kröten haben so viele Dinge in der unbewussten Kompetenz plötzlich! (Nein, nicht plötzlich, dort sind sie schon lang – aber weggegangen von euch sind sie in der tränenreichen und schwierigen Phase der bewussten Kompetenz.)
Immer, wenn ich in Gefahr bin, diese Tatsachen zu vergessen, denk ich an mich selbst und die Sache mit dem Stricken. Dann weiß ich wieder ganz genau, wie sich die „bewusste Inkompetenz“ anfühlt und wie schirch die „bewusste Kompetenz“ ist. Und wie grauslich die „Häkelgoaß“ war. (Prof. Schabauer von der PH NÖ hat mir diesen Ausdruck geschenkt. Das hat mich blitzartig von meiner Handarbeitslehrerinnen-Panik geheilt)
(Präsens, ja. Da gibts für mich keine vierte Phase. Da greif ich einfach nicht mehr hin)
Kollegin:nen, ich bin sicher, ihr habt da eigene Erinnerungen, ich will niemandem mein Stricktrauma aufzwingen. 😉
Hauptsache, ihr könnt euch in die Lage der Schüler:innen versetzen.
Seid keine „Häkelgoaß“. Das reicht schon.