Im Schuljahr darauf wechsle ich meine Rolle – von der mitunterrichtenden Lehrkraft zur klassenführenden. Die Kollegin, mit der ich unterrichte, will nämlich schwanger werden und wir tauschen vorausschauend. Das Team bleibt aber gleich, was gut ist, denn wir sind gut eingespielt.
Für mich heißt das aber: Eine komplette Jahresplanung machen.
(Heute ist das furchtbar einfach, die Schulbuchverlage stellen sehr oft Jahresplanungen pro Gegenstand zur Verfügung. ) Selbst zu planen hat aber den Vorteil, dass man sich Projekte und besondere Dinge überlegt.
Das, was man sich überlegt hat, muss man dann in mehreren Schwierigkeitsstufen und für alle Sinneskanäle herstellen – heute auch kein Problem, dank Internet und vieler freundlicher Kolleg:innen findet man beinahe zu jedem Lerninhalt Arbeitsblätter/Lernkarteien/Texte/Spiele für unterschiedliche Sprachniveaus und Schulstufen und Schularten.
Da findet man schon etwas zum Hören, etwas zum Sprechen, etwas zum Schreiben und etwas Feinmotorisches/zum Herstellen.
Es muss halt gscheit operationalisiert sein.
Wer jetzt denkt „Eh schön, aber wie mach ich das?“
Hier gern ein altes Skriptum, das ich immer im Trainer:innentraining verwendet habe. Zusammengestellt aus diversen Lehrwerken. (Schreibt mich gern an, ich habe noch mehr)
Edit: Die hauseigene, selbst gebrütete und handaufgezogene Korrekturinstanz all meiner Handlungen (aka: se Kind) machte mich, wie soll ich sagen – nachdrücklich – darauf aufmerksam, dass das Skriptum nicht gegendert war. Ich habe dies hiermit geändert.
„Meine“ Kinder sind direkt aus den umliegenden Genossenschafts- und Eigentumswohnungen – dementsprechend ist die Schicht, daher auch die Sprache und der Umgangston und die (eben nicht vorhandenen) leib- und lebensbedrohenden Probleme.
Mein „schwieriges“ Kind ist der G., weil er eine Gluckenmutter hat und einen Firmenchef als Vater. (Das mit dem Chef erklärt er mir im morgendliche Sitzkreis jeden Tag. „Wir haben gestern eine Sekretärin außeghaut! Mein Papa ist nämlich der Chef.“ Schwierig ist er deshalb, weil er sich weder die Schuhe allein an- und ausziehen kann, noch die Jacke. Von der Unmöglichkeit, die Jause allein auszupacken und zu essen, red ich gar nicht. Die Mama würde gern wollen, dass ich ihn am Gehweg begleite bis zu seiner Haustür. Weil er den 1 Minuten Weg eventuell nicht ohne Rangelei mit seinen Klassenkollegen übersteht. Das Hasi ist nämlich auf gut wienerisch a bissl a Krätzn.
(Viele Kolleg:innen aus der öffentlichen VS und NMS haben jetzt gelacht und geweint zugleich, gell? Solche „Problemkinder“ hätten wir gern. Von uns aus gern auch 100. Ich weiß. Spielts aber nicht, Leute. Drum sind wir ja bei den anderen, weil die brauchen uns. Ohne uns haben die oft niemanden. Ohne uns sind die aufgeschmissen. Drum geben wir täglich Wonderwoman und Superman.)
Mein einziger Task ist also, ihnen das Lernen so leicht und so schmackhaft wie möglich zu machen. Drum gibts eine Lese- und eine Spielecke, Erstlesebücher in der Klasse, Rückzugsmöglichkeiten und – wer will – hat immer etwas zu tun 😉
Weil ich die üblichen Leseaufgaben ganz furchtbar finde (und mich gut an meine Schulzeit erinnern kann, siehe die Kapitel davor), lernen wir das Lesen anders. KEIN Vorlesen vor der ganzen Klasse. KEIN gemeinsames Lesen mit Finger auf der Zeile. Statt dessen schreibe ich jeden Tag eine Matritze.
(Ihr verwöhnten Kinder, die ihr das nicht kennt, weil ihr so privilegiert seid, dass ihr euch in der Früh einfach zum Kopierer stellt – folgt dem Link, das ist das Äquivalent zu „Ich bin jeden Tag 10 km durch den Schnee in die Schule gegangen!“ 😉
https://www.erinnerstdudich.de/70er/blaue-kopien-in-der-schule)
Die Fortsetzungsgeschichte heißt „Robert , der Igel und Mrks, der Bär“. Sie spielt direkt im Park vor der Schule und alle Kinder sind Tiere – die alle Eigenschaften der Kinder haben.
Robert hat z.B. eine Stehfrisur, die an einen Igel erinnert und Markus schreibt seinen Namen immer ohne Vokale – und er ist auch ein bissl ein Teddybär.
(Der kleine G. ist ein Frosch, der immer ein Seerosen-Sitzblatt für sich allein will. Die Mama beschwert sich, das klänge, als sei ihr G. komisch)
Ein wahnsinnig literarischer Wurf ist die Geschichte natürlich nicht, denn ich kann ja, je nachdem welchen Buchstaben wir gerade lernen, nur Wörter mit bereits bekannten Buchstaben verwenden. Eigennamen ausgenommen, weil die kennen wir sowieso.
Jeden Tag gibts ein A5 Blatt. Nach einer Woche bemerke ich, dass die Kinder sich zu meinem Tisch schleichen, um dort „heimlich“ die Leseaufgabe vorher zu lesen, denn die gibts als Aufgabe vom Heimgehen. Ich muss auch einzelne Aufgaben nachdrucken, weil verzweifelte Mütter zu mir kommen – ihr Kind hat die Leseaufgabe vom Dienstag letzter Woche verloren und will das aber noch einmal lesen.
(Alle Kolleg:innen haben jetzt leise mitgesprochen : UND WILL DAS NOCH EINMAL LESEN. I feel you, was soll ich sagen.)
Zu Ostern ist die Geschichte fertig geschrieben (was habe ich mich mit X und Y geplagt! Das muss man erst einmal in einer Geschichte unterbringen!) und die Kinder können nicht nur flüssig lesen, sondern auch sinnerfassend. (Sie haben so viel geübt, ohne es als Übung zu empfinden. Sie haben es zu Hause, mit mir, mit der Kollegin gelesen, sie haben es einander vorgelesen, sie haben es so oft gelesen, bis sie verstanden haben, was sie in der Geschichte tun. Darüber haben sie sich furchtbar amüsiert, viel darüber geredet und mir auch Vorschläge gemacht, was sie noch tun könnten.
Noch etwas tun die Kinder jetzt: Sie schreiben eigene Geschichten.
( Das ist die Megahacke für mich. Ich korrigiere die Geschichten nicht, weil die wären ja noch tiefrot, aber ich schreibe jede einzelne grammatikalisch und orthografisch korrekt noch einmal.
Pro-Tipp: Im anderen Fall verlieren sie sofort die Lust – und sind überzeugt, dass sie es eh nicht können, wenn sie das „rote Korrekturmeer“ sehen. Sie müssen aber unbedingt die Wörter richtig geschrieben sehen – Stichwort „Wortbild“. Sonst prägt sich die falsche Schreibweise ein)
Noch etwas passiert dadurch: Weil die Kinder sich leicht tun beim Lesen, blättern sie jetzt gern in den Lesebüchern der Leseecke. Dort stehen auch die typischen „Wissensbücher“, die es heute viel bunter, viel besser und in viel größerer Anzahl gibt.
(Ich empfehle Meyers Kinderbibliothek. Nicht nur für die Grundschule, sondern auch für Sprachanfänger in der Sek1 und Sek 2. Weil die haben wir, wie wir wissen. )

Wer etwas wissen will, fragt eine von uns Kolleginnen – oder geht nach hinten und liest es nach.
Das geht nur, wenn man geübt ist im Lesen und wenn der Leseprozess nicht mehr anstrengend ist.
(Wie ist es heute? Für viel zu viele Kinder bleibt der Leseprozess aber anstrengend. Drum lesen sie nicht, können nichts nachschlagen, sich daher nicht informieren, sich selbst kein Wissen aneignen, sich keine Meinung bilden…
Und: Es fehlen ihnen die BEGRIFFE. Die brauchen sie aber. Wir erklären viel mit Beispielen – was aber nichts nützt, wenn sie die Begriffe nicht kennen. Erstsprache, Unterrichtssprache und BILDUNGSSPRACHE sind drei verschiedene Paar Schuhe. )
P.S, „Robert, der Igel und Mrks, der Bär“ ist mir leider verlorengegangen. Vielleicht erinnert sich jemand, mit dieser Geschichte das Lesen erlernt zu haben und hat sie noch?