Ich habe, wieder einmal, Glück. ich muss nicht so lange springen – in der Halirschgasse, weit draußen im 17. Bezirk, ist eine Stelle frei, denn dort läuft ein Teil eines Schulversuchs: „Offenes Lernen“. In jeder Klasse sind dauerhaft 2 Lehrkräfte, und zwei Klassen arbeiten zusammen. Dort darf ich, nachdem ich als Springerin zufällig dort eingesetzt war, hin.
„Offenes Lernen“, in der Version von 1986 (Ja, ich weiß, da wart ihr noch nicht geboren) ist ein großer pädagogischer und didaktischer Wurf.
Ich muss hier näher darauf eingehen, weil offenbar nur mehr eine pervertierte Form davon in den Schulen herumgeistert.
Der Grundgedanke ist,
1. dass Kinder unterschiedlich lang brauchen können, um einen Lerninhalt zu begreifen und zu verinnerlichen.
2. dass sie unterschiedliche Wege brauchen, um dies sinnvoll zu tun.
3. Wer in seiner eigenen Zeit und mit seinen für ihn passenden Methoden lernen und üben kann, der lernt auch gern und gut.
Wer diese drei Sätze für so eine „No na!“ Gschicht hält, hat noch keinen traditionellen Frontalunterricht gesehen.
Erinnert euch an euren eigenen Rechnungswesen/Mathematik/Physik/Chemie/xy Unterricht. Ihr wart nicht zu deppert, die Vermittlungsmethode war für euch die falsche (in RW gilt das offenbar fast für alle, immer, aber das ist eine andere Geschichte, Stichwort Abstraktionsgrad. In Mathe ist es nochmal komplizierter)
Eine bestimmte Werthaltung steckt auch dahinter (das ist der eine Grund, warum das heute kaum mehr ernsthaft gemacht wird, fürchte ich):
Jedes Kind kann lernen. Es ist meine Aufgabe als Profi, herauszufinden, welchen Zugang dieses Kind braucht. Es ist auch meine Verantwortung, die passenden Methoden anzuwenden und dem Kind so viel individuell benötigte Zeit zur Verfügung zu stellen, wie nötig.
Eine bestimmte Arbeitshaltung steckt auch dahinter (das ist der andere Grund, warum das heute kaum mehr so gemacht wird):
Wenn ich unterschiedliche Kinder habe, brauche ich auch unterschiedliches Material (= Binnendifferenzierung), was viel Vorbereitungszeit benötigt. Ich muss mich auf unterschiedliche Niveaus einstellen und flexibel reagieren können.
Bei den Kleinen braucht man auch eine zweite Person – wie die Bildungsdirektion/die Regierung unter erzkonservativer Führung zum Thema Ressourcen steht, muss ich nicht extra erwähnen, oder?
Für die Nicht-Lehrpersonen, die sich auf diesen Block verirren
(Willkommen, bienvenu, welcome ! 😉 ) ein Beispiel:
Traditioneller Unterricht ist, wenn ich mir vornehme, heute die Seiten 56 – 58 im Buch xy durchzunehmen. Wenn ich einen „Impuls“ gebe vielleicht mit einer Frage, dann den Lehrinhalt runterratsche oder (mein persönliches Highlight immer! ) stotternd abwechselnd vorlesen lasse und dann, am Ende, ein Arbeitsblatt ausfüllen lasse bzw eine Hausübung zu dem Thema gebe.
Wer nicht kapiert, ist dumm oder faul, muss halt mehr üben zu Haus bzw. ist Bildung zu Haus nicht wichtig. Nächste Stunde mach ich dann Seite 59 – 62.
Same same.
(Das braucht, wenn ich nicht grad im 1. Dienstjahr steh, 10 Minuten Vorbereitung. Maximum. Aber 50 Minuten Ärger beim Korrigieren der Hü und der Tests, weil „die schon wieder nicht aufgepasst haben/schon wieder nichts gelernt haben“. Es stimmt schon: Man macht sich seine Hölle selbst)
Was habe ich NICHT gemacht? Ich habe nicht festgestellt, WO die Kinder bei diesem Thema stehen (Von wo arbeite ich weg? Kennen die Kinder überhaupt die Begriffe, die ich verwende? Verstehen sie die Begriffe? Was muss ich alles vorher klären, bevor ich zu diesem Thema komme?)
Offenes Lernen ist, wenn ich
- genau operationalisiert habe (was sollen die SuS nach diesem Tag/nach diesen Einheiten können/wissen/verstehen/anwenden…..) denn das legt die Inhalte fest.
- Stationen festlegen. Diese Inhalte muss ich nun in unterschiedliche Stationen möglichst vielfältig aufteilen – eine Erklärgruppe mit einer Lehrperson (ja, da sag ich dann 4 x dasselbe), eine Übungsstation mit unterschiedlich schwierigen Arbeitsblättern, eine Probierstation/Experimentierstation, eine Entspannungsstation (Lesen oder Puzzle etc)
- Qualitätskriterien festlegen: Wie sehe ich, ob ich gut gearbeitet habe (merkt ihr den großen Unterschied?)
Klar ist, dass ich die Stundeneinteilung aufheben muss teilweise. Klar ist auch, dass dies eine „unruhige“ Unterrichtsform sein kann.
(Das fällt ganz vielen Unterrichtenden am schwersten: dass sie sich von der Mucksmäuschen-Stille und dem Stillsitzen verabschieden können. Sie glauben oft, dass sie komplett die Kontrolle verlieren werden und nichts mehr im Griff haben werden, wenn sie den Kindern die Gewalt über die eigene Lernzeit geben. Dahinter steckt das typische Menschenbild, dass der Mensch zum Lernen gezwungen werden muss, weil er im gegenteiligen Fall sicher nichts tut.)
(Pro-Tipp der alten Kuh: Wenn die Kinder nichts lernen wollen, überprüf nicht die Kinder, sondern deinen Unterricht.)
Ich bin dort recht glücklich, obwohl mir ein bissl fad ist. Intellektuelle Ansprache habe ich halt keine, aber ich reiße mich zusammen. Ich verlagere meinen Überschuss an freien Gehirnzellen ins kreative Gestalten von Unterrichtsmitteln.
Fast 20 Jahre später sehe ich in der Volksschule meiner Tochter die pervertierte Form des Offenen Lernens wieder:
Als „Buchstabentag“ – eine streng reglementierte Form der Kleingruppenarbeit. Genau nach Takt werden die Kinder durchgeschleust, es ist in Wirklichkeit genau wie beim Frontalunterricht. Und nochmal 10 Jahre später begegnet mir „Offenes Lernen“ in einer VS im 14. Bezirk. Wieder ohne innere Differenzierung, ohne Pausen, diese Fließbandform bringt die Kinder ordentlich in Stress – 5 Minuten Experiment, zack, nächste Station Arbeitsblatt ausfüllen.
Stell dir vor, du könntest an ein für dich neues Thema in deiner eigenen Zeit herangehen – vielleicht liest du zuerst gern was darüber? Oder siehst dir zuerst was dazu an? Oder probierst du gern was aus und leitest dann daraus ab, was du dir merkst? Oder brauchst du eine ruhige Ecke, in der du dir das zusammenschreibst?
Und jetzt stell dir vor, das ginge alles nicht – denn vorne steht jemand, der dir etwas um die Ohren haut, von dem du vielleicht 30 Prozent verstehst (oder schon alles, weil du das schon kannst). Und dann, ohne dass du dir das durchdenken, es probieren oder mit jemandem drüber reden kannst, wirst du abgefragt.
Wie gern und wie leicht wirst du lernen?
(In der Erwachsenenbildung ist so ein „traditioneller“ Zugang undenkbar. Die Teilnehmer:innen machen sowieso gleich zu, wenn sie ein schulähnliches Setting spüren, denn sie erinnern sich sehr gut an alles Schlechte, die Erinnerung an das eigene Versagen, an das Vorgeführtwerden und an die Scham ist ihnen gegenwärtiger als die irregular verbs ;-). Drum hab ich so gern die Train the Trainer Kurse gehalten – ich konnte den Trainer:innen wirklich etwas mitgeben für die Praxis.)