Mein erster Job als Lehrerin. 17. Bezirk, Volksschule Kindermanngasse – ich bin „Springerin“. Diesen Luxus gab es damals noch. Wo immer jemand ausfällt – spring ich ein. Das kann sehr gut, sehr mühsam oder ganz furchtbar sein, je nachdem, wohin ich komme. Zu diesem Schulsprengel gehören einige Schulen.
Die spannende Idee des Stadtschulrates ist, dass die ganz frischgfangten Kolleg:innen zuerst ein Jahr Springer:innen sein müssen, bevor es eine eigene Klasse gibt – das heißt, ich komme in eine fremde Schule, stehe ein paar Minuten später in einer mir fremden Klasse und finde entweder eine Vorbereitung für diesen Tag vor (so ist es Vorschrift) oder nicht. Es tendiert eher zum „nicht“, denn es wird ja niemand geplant krank und legt am Vortag noch eine Vorbereitung auf seinen Tisch.
Aber man fragt die Kinder einfach, wo sie im Buch sind bei Deutsch und beim Rechnen und macht dort weiter. So lernt man Flexibilität, legt sich ein eisernes Nervenkostüm zu und man macht viele Erfahrungen.
Erfahrung 1: Das Klima an den Schulen (oder in einzelnen Klassen) ist immer so, wie deren Leitung (die tatsächliche oder die heimliche) ist. Freundlich und warmherzig, offen und fröhlich – oder bedrückt, kühl, still und kontrollierend. Ich muss nur hineingehen und ein paar Kindern ins Gesicht schauen (oder eben nicht, weil die sofort den Kopf senken) und die erste Kollegin sehen und ich weiß, was mich erwarten wird. Grüßen mich die Kinder schon von Weitem und lachen sie mich an, nehmen mich an der Hand und wollen mir sofort die Klasse/das Konferenzzimmer/die Direktion zeigen) oder schleichen sie an mir vorbei, mit gesenktem Kopf, so, als wollten sie nicht gesehen werden. (So eine Schule habe ich in meinem zweiten Krimi „Fetzer und die Schönheit des Scheiterns“ vor Augen gehabt. Genau dieser Band hat es auf die Leseliste der Gymnasien geschafft. Da konnten sich wohl einige Kolleg:innen identifizieren, mit diesen Erinnerungen)
(Pro-Tipp: Viel später, in der Unternehmensberatung, bemerke ich: Das ist in jeder Organisation so. Wo immer ich berate oder einen Workshop halte – einmal durchs Haus gehen reicht, um zu wissen, was mich erwartet.
Erfahrung 2: Im Gegensatz zu meinen früheren Jobs, wo der Takt des Fließbands bzw. das Aufleuchten des Telefons über die Mitarbeiter:innen bestimmt hat und die „Aufsicht“ die Anwesenheit und die Statistik kontrolliert hat, gibt es hier eine andere Art von Leitung. Irgendwer hat die Funktion „Direktor:in“ und nimmt ihre/seine Rolle wahr oder nicht. Wenn nicht (was überraschend oft der Fall ist), gibt es eine alte Lehrkraft, die die Geschicke des Hauses informell bestimmt. Das wird mir immer gleich mitgeteilt („Das ist die Frau Direktor. Wennst was brauchst oder was wissen willst, gehst aber zur XY. Und leg dich mit der bloß nicht an.“) Es sind hauptsächlich zwei Gründe, warum sich die Leitung ihre Rolle nicht nimmt: Sie kann nicht (weil organisatorisch daneben, oder persönlich nicht bereit, die Rolle der Führungskraft zu übernehmen) oder sie will nicht (Das sehe ich häufiger. Das sind die Faulen, die spät kommen und früh gehen, und wenn sie da sind, sind sie nicht zu sprechen)
(Pro-Tipp: Viel später (ihr wusstet, was jetzt kommt, oder?) bemerke ich: Das ist in allen Organisationen so. „Macht hat, wer macht.“ schreibt einmal einer meiner Kollegen aufs Flipchart. Jahrzehnte später, mit den Erfahrungen aus Schule, Konzern, Unternehmensberatung und wieder Schule sage ich: Ja, eh.)
Erfahrung 3: Die Kinder in der Klasse sind genauso gescheit/dumm/frech/gut erzogen, wie die Lehrkraft ihnen das zugesprochen hat. (Mein Lehrtrainer hat dies Jahrzehnte später so formuliert: „Was wir jemandem zusprechen, das zünden wir in ihm auch an.“)
Ich komme in Klassen, vor denen mich die Direktorin gleich warnt, hier komme niemand zurecht. Niemand wolle die Kollegin vertreten, die Kinder seien so arg. Oder sie sagt mir gleich, dass ich nur ja streng sein müsse, die Kinder seien das so gewöhnt. Sobald ich nachließe, würden sie mir auf der Nase herumtanzen. Weil ich noch jung und dumm bin, beeinflusst das meine Erwartungshaltung und damit meine Haltung den Kindern gegenüber.
Ab der Sekunde, in der ich diese negative Erwartungshaltung ignorieren kann, geht es mir in jeder Klasse mit jedem Kind gut.
(Pro-Tipp: Siehe die vorhergegangenen. Jetzt wisst ihr ja, wie es geht. Und lest die Anmerkungen unten!)
Anmerkungen:
Zum Thema Mitarbeiter:innenführung gibt es unzählig viele Bücher.
Ich empfehle, „Situatives Führen“ zu googlen, wenn du dich einlesen willst. Oder eins der Bücher von Reinhard Sprenger zu lesen.
Oder das hier, eigentlich ur-uralt, aber gut:
Zum Thema Zuschreibung von Leistungsmöglichkeit bei Schüler:innen verweise ich auf den immer fantastischen Stangl-Taller und die dort genannten Studien: