6.Kapitel. Über die Arbeit. Ferialpraxis und Studentenjobs.

Es geht hier zwar prinzipiell um die Schule – ich finde aber, dass das Thema „Arbeit“ bzw. „Erwerbsarbeit“ durchaus dazugehört.

Mit 15, also zwischen der 5. und 6. Klasse Gymnasium, mache ich meinen ersten Ferialjob. Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, keinen zu suchen, ganz im Gegensatz zu den meisten meiner Schulfreund:innen Die Sancin-Omi ist der Ansicht, dass jeder Mensch zu arbeiten hat, alles andere fällt unter Faulheit. Von ihr lerne ich auch den Satz: „Eine Frau hält drei Ecken vom Haus, der Mann nur eine.“
„Die Sowieso ist ja nur Hausfrau“, ist auch so ein typischer Spruch.

Eine meiner Schulfreundinnen findet für uns beide einen Job als Büglerin in einer Großwäscherei – in der Nachmittagsschicht, 4 Stunden. Eine völlig andere Welt lerne ich da kennen: Alles ungelernte Arbeiterinnen, die 19jährigen schauen aus wie alte Frauen. Ihnen fehlen bereits Zähne und ihre Arme sind krebsrot. Die Farbe und die offenen Stellen kommen vom Be- und Entladen der großen Waschmaschinen, da dürfen wir nicht hingreifen, wird uns gesagt, da sei viel chemisches Zeugs drin.
Ich bügle also Hotelservietten und später auch Tischtücher. Das geht mit einer Maschine, die alle 45 Sekunden einen heißen, viereckigen, mit Tuch bespannten Teller vor mich hindreht, auf dem ich dann die Serviette ganz glatt auflegen muss. Dann dreht sich der Teller zu einer Presse. Nach zwei weiteren Servietten kommt die erste wieder – ich muss die heiße Serviette umdrehen und so falten, wie das Hotel bzw. Restaurant das wünscht. Dann geht es in eine zweite Runde.
Es gibt eine Pause in den vier Stunden Akkordarbeit. Hinter der Wäscherei ist ein Hof, da ist es halbwegs kühl, jedenfalls sehr viel kühler als in der Wasch- und Bügelhalle. Die Arbeiterinnen sind nett zu uns, aber wir finden recht wenig Gesprächsstoff. Für sie sind wir „die Studierten“, obwohl wir gerade erst die 5. Klasse Gym hinter uns haben.
Allzu blöd stellen wir beide uns nicht an, denn der Schichtleiter bietet uns eine zweite Schicht an und eine Verlängerung um noch ein Monat. Wir lehnen dankend ab und haben so noch ein Monat Ferien.
Der Lohn für ein Monat Akkord reicht exakt für eine Jeans und für einen damals todschicken Strickpullover. (Die ersten Kleidungsstücke, die ich mir selbst aussuche und kaufe).

Von der Akkordarbeit lerne ich, dass man dabei ungemein abstumpft und müde wird. Es ist keine Zeit zum Tagträumen (dazu gibt die Maschine einen zu schnellen Takt vor). Dabei habe ich nur ein Monat und da nur eine Schicht gemacht. Wie muss es den Frauen gehen, die das ihr ganzes Arbeitsleben machen?

Im nächsten Jahr findet die Sancin-Omi fast direkt neben der Schulwartwohnung ein Vertriebs-Büro für Feuerlöscher – und ich finde mich, ohne irgendwelche Kenntnisse, als Ersatz der Sekretärin wieder.
Zum Glück muss ich nur das Telefon abheben und Nachrichten für die Vertriebsleute entgegennehmen. Bestellungen von Feuerlöschern inklusive Montagen, Begehungen etc.
Kein wahnsinnig schwieriger Job, ich lese viel, um mir die Zeit zu vertreiben, lerne so nebenbei etwas über Büroorganisation und verdiene auch mehr als im Jahr davor. (Keine Ahnung, wofür ich das dann ausgegeben habe)

Im Jahr darauf bin ich 17, also kann ich bei der Telefonauskunft beginnen. (Als Postwaise werde ich dort bevorzugt aufgenommen). Den Job kenne ich aus den Erzählungen meiner Mutter. Sie hat dort lang gearbeitet, ist jetzt aber bei der Störungsannahme, damit sie keinen Nachtdienst mehr machen muss. Auch die Sancin-Omi hat im selben Gebäude gearbeitet, aber sie ist schon in Pension.
Ich merke, dass ich unter (nicht unfreundlicher) Beobachtung stehe. Schließlich kenne hier alle meine gesamte Familie. Viele der Techniker kannten auch meinen verstorbenen Vater.
In diesen und in den nächsten Ferien kann ich beweisen, dass ich fleißig und nicht allzu blöd bin.

Dadurch nimmt mich auch, als ich 1979 nach Wien zum Studieren komme, die Auslandsauskunft sofort für die gesamten Sommerferien auf. Ich habe nicht nur Erfahrung und eine sehr gute Beurteilung von der Kärntner Auskunft, sondern ich spreche auch Englisch und kann – besonderes Goodie! – die griechischen Telefonbücher lesen. (Und da sage noch jemand, dass Altgriechisch ein unnötiges Fach sei im Gym! Ha!)
Weil ich jung bin und das Geld für das gesamte Studienjahr in den drei Monaten verdienen muss, mache ich dauernd Nachtdienste. Die werden sehr gut bezahlt, aber im Oktober brauche ich erstmal Pause. Das tut dem Studium nicht besonders gut.
(Ich schmeiß das Studium und mache eine schnelle Ausbildung auf der PÄDAK, mein Freund ist Musiker, will ein Tonstudio eröffnen und ich befinde, dass wenigstens einer einen sicheren Job braucht. So viel zu meinem Vorhaben, NIE Lehrerin werden zu wollen)
In den Jahren darauf werde ich jeden Sommer bei der Schriftleitung der amtlichen Telefonbücher eingesetzt – ein unendlich langweiliger, aber gut bezahlter Job.
Eine Klassenkollegin auf der Pädak fragt mich einmal, wie ich den Sommer verbracht hätte – „mit arbeiten“, sag ich, „wie immer“. „Oh“, sagt sie, „schön! Dann hast wenigstens ein Taschengeld, gell!“ (Sie war wirklich und ehrlich aus einer völlig anderen Welt. Es hätte keinen Sinn gemacht, ihr zu erklären, dass ich von dem Geld unterm Jahr leben musste)

Dort arbeite ich schlussendlich fast ein Jahr nach dem Abschluss weiter, weil es damals keine Jobs als Lehrerin gibt.
Mein erster Job in einer Schule rettet mich vor dem völligen Irrewerden.

Anmerkungen:
Einen Arbeitsprozess zu kennen und erlebt zu haben ist m. E. für Jugendliche unbedingt wichtig – der Zusammenhang zwischen Leistung und Lohn ist herstellbar, man erlebt die Befriedigung, direkt für Leistung gelobt zu werden bzw. das Produkt seiner Leistung zu sehen.
Jede:r Schüler:in/Student:in sollte ein Praktikum absolvieren. Gerade die, die es nie notwendig haben werden, sich an ein Fließband zu stellen oder eine minder angesehene Dienstleistung zu erbringen.
Wie sehr würde sich Respekt und Verständnis für schwer arbeitende „Hackler“ oder für die Billa-Kassiererin entwickeln!
(Pro-Tipp: Wer ganz unten gearbeitet hat und alle Stationen durchläuft, den kann man später im Job als Chef:in nicht bescheißen. Der weiß, wies läuft. Und wer tatsächlich hackelt)

Gute Bücher zum Thema:







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