Diese Serie heißt: Das Geheimnis des Erfolges – Glück im Spiel.
Weil das einzige Geheimnis ist, zur rechten Zeit Glück zu haben. Das ist bitter. Ich habe Glück. In der 5. Klasse sitzen nur etwa 20 Schüler:innen, wir sind, wie sich später herausstellt, der letzte komplette Jahrgang „humanistisch“, also mit Latein und Altgriechisch. Danach gibt es nur mehr halbe Klassen.
Heue gibt es einen sehr passenden Ausdruck dafür, wie wir behandelt werden: „pampered“.
Ich erlebe Wertschätzung, kann auf Augenhöhe diskutieren, werde ernst genommen. (lauter Dinge, die es bei Tante und Onkel und zu Hause nicht gibt).
Dies führt, bei uns allen wohl, zu einem innerlich aufrechten Gang. Wenn wir mit einer Lehrkraft sprechen, heben wir den Kopf und schauen sie an, wir senken ihn nicht.
Das macht etwas mit uns. Fürs ganze Leben. So wie das Gegenteil etwas mit Kindern macht. Fürs ganze Leben.
Wir haben das deutliche Gefühl, hier am richtigen Platz zu sein. Ich lerne, (mit Ausnahmen) gern. Geschuldet ist dies zweifellos einigen Lehrkräften:
Der Deutschprof, der damals schon modernere Literatur durchnimmt als viele Kolleg:innen heute. (Es ist eine Schande, wie langweilig der Deutschunterricht heute vielfach ist. Man könnte auf die Idee kommen, er diene nur dazu, den Schüler:innen die Lust aufs Lesen, aufs Schreiben, auf Kunst und Literatur nachhaltig zu nehmen.)
Wir lesen damals Handke und Jonke, also quasi sofort nach dem ersten Erscheinen. Ich werde gebeten, in einem Projekt beim Bachmann-Preis vorzulesen, wir diskutieren hitzig über Literatur und werden nicht nur berieselt und schon gar nicht von oben herab instruiert, was uns denn zu gefallen habe.
Der Geschichteprof aus Wien (eine Sensation quasi, der wird misstrauisch beäugt, sowas ist in Kärnten sehr fremd!) der erstmals Zeitgeschichte mit uns macht. (Die Älteren erinnern sich sicher: Geschichte endete 1918, der Rest wurde verschämt gestreift) Der bekommt auch ordentlich Schwierigkeiten, als er mit uns eine Fahrt nach Wien machen will zu irgendeiner Ausstellung – keine Ahnung, ob sich Eltern oder der Landesschulrat querlegen, aber klar war: Über den Nationalsozialismus und über die Rolle Österreichs, sowie über die Haltung vieler Österreicher:innen wird nicht gesprochen.) Aber genau der öffnet mir ein Fenster im Kopf: Hinterfrage ALLES. Nimm nichts als gegeben hin.
Der Englischprof, der unter anderem mich vorschlägt, als für die Badminton Meisterschaften Mannschaftsbetreuer:innen gesucht werden, die sehr gut Englisch sprechen.
Wer ist natürlich eine Ausnahme? Genau. Die Mathematikerin. Sie ist (von wo auch immer) in den Schuldienst zurückgekehrt und kann nicht erklären. Und nicht nur das – sie rechnet minutenlang an der Tafel vor (wir sind beim Logarithmus und machen so wahnsinnig geile Dinge wie „Berechnen Sie die Arbeit des phasenverschobenen Wechselstroms, der gegeben ist durch…“), tritt dann plötzlich einen Schritt zurück, sagt „hm, da hab ich mich wo verrechnet, ich erklär euch das morgen“. Ich, die bis zu diesem Zeitpunkt aufmerksam mitgeschrieben habe und bemüht war, mitzukommen, lege den Bleistift hin. Ich könnte heulen. Nutzt bloß nichts.
(Zum Glück erklären mir dann meine Freunde in der Klasse diesen Irrsinn. Das Beispiel mit dem Wechselstrom kommt zur Matura. Ich kann es auswendig und das rettet mich. Volle Punkte. Sonst überall nur halb. Das mit der Rechnerei, das wird nix mehr bei mir)
Weil wir „die Humanisten“ sind, haben wir fast Narrenfreiheit. Ein Jahr lang bestehen wir z.B darauf, dass im hinteren Teil der Klasse ein unsichtbares Lama lebt. Dieses spuckt, daher rufen wir den Profs jede Stunde zu, dass sie nicht weiter nach hinten gehen sollen, dies sei gefährlich! Bis auf die Mathematikerin machen alle gutmütig mit und lachen mit uns.
Die Mathematikerin ist auch eine von den Verwirrten. Jede Stunde bringt sie ein Geodreieck für die Tafel mit und jede Stunde vergisst sie es. Was machen wir? Wir sperren das Geodreieck in den Kasten, der in der Klasse steht und haben von da an keine Ahnung, wo es sein könnte.
Das geht etwa 10 Geodreiecke lang gut, dann gibts im Konferenzzimmer wohl keine mehr.
Der Direktor lässt allen Klassen durch die Klassenvorstände ausrichten, dass die Geodreiecke zurückzugeben sind, sonst gäbe es ärgste Konsequenzen.
Drei von uns schleichen sich nach dem Nachmittagsturnen in die Klasse zurück, ein paar andere verstecken sich hinter ein paar Büschen im Schulhof. Die Idee ist, dass die Jungs von oben, aus dem 2. Stock, die Geodreiecke vom Gangfenster auf die Wiese segeln lassen, wo wir sie aufsammeln und irgendwo auf einen Gang legen können.
Ein super Plan, der so lange gut geht, bis ein Geodreieck dem Schulwart, der wie aus dem Nichts auf der Wiese erscheint, direkt über den Kopf segelt.
Wir rennen und werden nie erwischt. (Oder niemand will uns erwischen, in der Rückschau erscheint mir das wahrscheinlicher)
Zur Matura 1979 gibts die weiße Fahne. (Kein Wunder. In der 7. ist noch einmal ordentlich ausgesiebt worden und die letzten Schularbeiten vor der Matura waren heftiger als die Matura selbst.)
Ich bin genau am ersten Tag der schriftlichen Matura 18 geworden, im Juni bin ich dann „reif“ und planlos.
Nur eins weiß ich: Lehramt studier ich fix NICHT. Never. Also NIE. Nein. Interessiert mich nicht, will ich nicht.
Anmerkungen:
Über den Einfluss der Lehrperson auf die Schüler:innenleistung ist a.a.O genug geschrieben worden, siehe Hattie et al.
Oft findet hier eine Verkürzung statt: Es ist nicht (nur) das „Mögen“ und die „gute Beziehung“, es ist das, was mein Fachdidaktiker, der alte Brader, in meiner Erstausbildung auf der PÄDAK immer sagte:
Gelungener Unterricht muss vier Bedingungen erfüllen:
1. Sehen und Gesehen werden (schaut den Kindern ins Gesicht!)
2. Gemeinsamkeiten suchen, gemeinsam etwas unternehmen (nicht vorne stehen und dozieren!)
3. Die Absichten und Motive des Gegenübers besser verstehen lernen (nicht annehmen, urteilen, beurteilen, vermuten)
4. Resonanz (wertschätzen, sich zuwenden, symmetrisch kommunizieren)
Ich möchte hinzufügen: Alles andere ist nur Vortrag und kann auch von einem Papagei bzw von einem Youtube-Video übernommen werden.
Mein Mann sagt immer, eine Lehrperson muss auch sowas wie ein Entertainer sein, er oder sie sollte seine Schüler und Schülerinnen abholen können mit dem was er an Unterricht macht. Danke für den Text und LG — habe ein Kind was noch in die Schule geht und könnte ein grausames Lied davon singen wie sehr Lehrpersonen Kindern die Lust am tatsächlichen lernen und an der Schule nehmen können. Ich frage mich wie lange es wohl dauern mag, bis dies in den Köpfen einiger Lehrpersonen ankommt. Es gibt sie aber auch die grandiosen Lehrer. Wie in jedem Beruf, es wird immer Menschen geben die ihren Beruf nicht gut machen, wie es immer Menschen geben wird für die ihr Beruf eine Berufung ist die für diesen brennen.
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