4. Kapitel. Im Gymnasium – oder: …“die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“. Ich kapiere kurz diese Rechensache.

1971. Ich bin der letzte Jahrgang, der eine Aufnahmsprüfung machen muss, im Jahr darauf gibt es diese nicht mehr.
Mir sind die bangen Minuten im Gedächtnis, in denen ich, neben mir eine Freundin aus meiner Klasse, in einer Menge Kinder in einem Schulhof stehe und darauf warte, dass mein Name aufgerufen wird. Wenn er aufgerufen wird, sagen sie auch eine Klasse dazu. Darauf warte ich. Denn das heißt, dass ich aufgenommen bin.

Ich schaffe es. Meine Freundin auch. Aber jetzt kommt die nächste Hürde.
Als ich im September in die 1. Klasse komme, gibt es eine Liste mit Dingen, die zu besorgen sind. Schulbücher, Hefte, Zeichenmaterial, Turnsachen („Die Schule trägt schwarz. Es ist ein einteiliger, schwarzer Turnanzug zu kaufen“, so ein grausliches Ding, in dem man sich totschwitzt und der an unseren Kinderkörpern pickt und all das herzeigt, was wir an uns ohnehin nicht hübsch finden – entweder unseren knochigen Brustkorb oder die Speckröllchen. Keine bleibt verschont. )
Die Schulbuchaktion, diese bahnbrechende und wirklich gesellschaftsverändernde Maßnahme der SPÖ, kommt aber für mich erst in der 3. Klasse.
Meine Mutter kann mir zwar die Schulbücher kaufen, aber für den teuren „Historischen Atlas“ in der 2. Klasse geht es sich nicht aus.
Ich traue mich das natürlich nicht zu sagen in der Schule, also habe ich den Atlas jede Geschichtestunde „zu Hause vergessen“.
Das klappt so lange, bis ich eine Eintragung ins Mitteilungsheft bekomme. Die Sancin-Omi kauft mir dann schlussendlich den Atlas.

Wir sitzen zu 45 im Naturgeschichte-Saal, weil wir nur dort Platz haben. Nach dem zweiten Trimester (ja, da gabs noch Trimester! ) sind wir schon viel weniger und übersiedeln in eine normale Klasse.
Das mit dem Aussortieren geht schnell – wir müssen alles mitschreiben, was die Professor:innen sagen, Arbeitsbücher werden erst viel später erfunden, ohne Mitschrift kann man zu Hause nicht lernen.
Damit fallen die raus, die nicht schnell genug schreiben, die nicht aufmerksam genug sein können, um sich über 50 Minuten Lehrvortrag zu konzentrieren und dann die, die von zu Hause zu wenig von der Bildungssprache mitbekommen haben. Fragen zum Stoff werden nicht beantwortet. Dazu ist auch keine Zeit.
Die Professor:innen sind aber ganz wundersamerweise nett. Ich liebe sie geradezu. Es geht nie um persönliche Befindlichkeiten, sondern nur um die erbrachte Leistung. Das kommt mir entgegen. Erstmals bin ich nicht „frech“ und „altklug“, sondern ganz normal.

Das heißt aber auch: Wer aus irgendeinem Grund grad keine Leistung erbringen kann, ist einfach raus aus dem Glücksspiel. Es gibt kein Unterstützungspersonal. (Vertrauenslehrkräfte, Sozialarbeiter:innen, Psycholog:innen – all das wird erst Jahrzehnte später eingeführt werden. Und auch dann kaum in der AHS. Die Idee dahinter scheint immer noch zu sein: In der AHS muss halt die Herkunft/das Umfeld passen. Hier „braucht man sowas nicht“)

Die Kinder in meiner Klasse haben alle einen Vater und, zu meiner Verwunderung, bestimmt dort Mutter und Vater, was passiert. (Und nicht wie bei mir Onkel/Tante, Sancin-Omi, und Wiegele-Opa – und zwar meist einander entgegengesetzte Dinge.)
Sie wohnen, bis auf ein paar Ausnahmen, in netten Einfamilienhäusern in den schönen Gegenden von Klagenfurt. Wenn ich zu Geburtstagen eingeladen bin, fühle ich mich immer ein bisschen deplatziert.
Einmal gibt mir meine Mutter als Gastgeschenk für die Mutter einer Mitschülerin ein Viertel Kaffee mit. Die Gastgeberin schwankt zwischen Amusement und Peinlichkeit, was mir selbstverständlich auffällt – ich würde gern in den Erdboden versinken. (Als Mitglied einer dauernd in Scharmützel verstrickten Familie, wo nie klar ist, wer grad auf wen böse ist, wofür man bestraft wird und was man einzelnen Mitgliedern ja nicht erzählen darf, bin ich super geschult im Erkennen von Gefühlen und Stimmungen und immer im „high alert“. Allerdings lerne ich auch, immer einen Plan zu haben, der mich rettet. Und einen Ersatzplan. Und einen Notfallsplan)

Das einzige Kind, das aus genauso kleinen Verhältnissen kommt wie ich, ist ein Bauernmädel aus Unterkärnten. Sie fährt mit ihrem Onkel, dem katholischen Pfarrer, jeden Tag in die Schule.
Weil sie vor der Schule offenbar noch die Stallarbeit machen muss, stinkt sie gottserbärmlich nach Saustall. Sie verlässt uns noch vor Jahresende.

Ich bin in einer neuen Welt. Wir Gymnasiast:innen sind „unter uns“ und bleiben „unter uns“. Kontakt zu Hauptschüler:innen besteht keiner. Ich hab sowieso nur in der Schule Kontakt zu Gleichaltrigen, denn ich muss jetzt bei Tante und Onkel wohnen. Sie wollen „für meine Erziehung sorgen“, weil sie keine eigenen Kinder haben. Meine Mutter hat nichts mitzureden, denn der Onkel ist, nach dem Tod meines Vaters, der Vormund von uns Geschwistern.
Da der Onkel zwei Straßen weiter an der HAK Professor ist, fahre ich jeden Tag mit ihm zur Schule, dann hole ich ihn in seiner Schule ab, damit wir gemeinsam aufs Land fahren. Die Tante kommt dann um 4 Uhr. Am Land habe ich keinen Kontakt zur Außenwelt. Ich esse mit ihm im Gasthaus zu Mittag, habe dann zwei „Lernstunden“, in denen ich meine Aufgaben mache und (heimlich) lese, dann kommt die Tante. Abends darf ich von 8.00 bis 9.00 im Bett lesen, dann ist Schlafenszeit.
Das Haus von Tante und Onkel ist nicht auf Kinder ausgerichtet, daher habe ich kein eigenes Zimmer. Ich schlafe mit der Tante in einem Zimmer, in dem links und rechts an der Wand ein Einzelbett steht, der Onkel hat in seinem, vom Wohnraum optisch abgetrennten, Studierzimmer ein breites Jokabett.
Am Freitag nach der Schule darf ich nach Hause gehen zu meiner Mutter. In der Hand immer einen Sack mit meiner Schmutzwäsche. („Für die Erziehung sorgen“ umfasste offenbar Brot und Logis, wofür sie sich auch die Kinderbeihilfe einbehielten, und das Fernhalten von allen Dingen, die mich „schlecht machen“ könnten, aber wohl nicht das Wäsche waschen.)
Samstags, nach der Schule (ja, da staunt ihr! Das war so!) treffe ich meine Freunde im Hof – aber immer weniger und weniger. Sie gehen zum Großteil in die Hauptschule oder ins 1. BG bzw ins Bachmann Gymnasium und haben dort neue Freundschafen geknüpft.

Ich hasse diesen Lebens-Zustand, aber ich liebe das Gymnasium.

Das Geschlechterverhältnis bei den Lehrenden ist ganz anders als heute – ich habe fast nur Professoren. Eine Turnprofessorin habe ich natürlich, aber erst in den höheren Klassen habe ich eine Latein/Altgriechisch Professorin und eine Mathematikerin.

Meine Lieblingsfächer habe ich schnell entdeckt: Deutsch und Englisch. In Mathe, das weiß ich ja schon von der Volksschule, begreif ich nichts, weil „das kann ich ja nicht“.

Bis ich einen neuen Klassenvorstand bekomme, der auch Mathe unterrichtet. Mühelos verstehe ich, was er erklärt. Ich kann plötzlich die Sache mit dem Rechnen. Nicht aus dem Handgelenk, nicht ohne Mühe – aber: Ich setz mich hin und übe. Weil: Beim Prof. Tritthart kann ichs.
Leider hält der Zustand nur zwei Jahre, denn dann geht dieser Retter meines Selbstwertes, soweit es Zahlen und geometrische Körper betrifft, in Pension.

Die Unterstufe schaffe ich ohne Probleme – Latein ab der 3. Klasse freut mich sogar!
Die Aussortiererei geht, AHS typisch, weiter: Wer die Dritte nicht schafft, kann das Gym vergessen.
In der 4. ist unsere Klasse daher merklich kleiner.

Und: Wir müssen uns entscheiden: Humanistischer Zweig? Neusprachlicher Zweig? Oder doch Realgymnasium?
Ich „darf“ mich aber, nach ausführlichem Zureden meiner Familie, für einen Abgang vom Gymnasium entscheiden. Ich soll es nämlich der Tante gleichtun und auf die „Kindergärtnerinnen-Akademie“ gehen.
(Jetzt war ich schon durch Zufall auf dem Gymnasium gelandet, aber ich brauchte doch einen „schönen Beruf für eine Frau“, oder?)

Genau 3 Tage halte ich es dort aus – dann stelle ich mich auf die Füße und ich fahre, weil Samstag ist, mit einer zögerlichen, weil angsterfüllten Mutter zu Tante und Onkel und bitte sie, mich weiter ins Gymnasium gehen zu lassen. (Ich glaube, ich habe furchtbar geheult. Das dürfte sie erschreckt haben, denn Gefühlsausbrüche waren verpönt und von mir waren sie das überhaupt nicht gewohnt.)

Einen Tag später sitz ich in der 5. – im Humanistischen Zweig. Altgriechisch, Latein, Literaturpflege, mit nur 20 Schüler:innen, ein Glücksfall und eine Gnade.

Anmerkungen:

Die Trennung nach der Volksschule ist für das gesamte weitere Leben entscheidend – und immer noch entspricht diese mehr dem sozioökonomischen Status als den tatsächlichen Möglichkeiten der Kinder. Dieses Phänomen ist bestens wissenschaftlich belegt, leider.

Mehr Info z.B hier:

(Dass Migration und Schullaufbahn ein ganz ähnliches Bild zeigen, ist klar. Migrationshintergrund und Armut gehören häufig zusammen.)

https://www.inst.at/trans/15Nr/08_1/nairz-wirth15.htm

oder hier:

Wie wichtig eine Begleitung der Schüler:innen über den Unterricht hinaus notwendig wäre, sehe ich jeden Tag in der HLW.
Gerade im Projekt ok! Klasse (siehe dort im Blog) kann man deutlich sehen, wie sehr ein dysfunktionales Elternhaus/ ein bildungsfernes Elternhaus/ Tod und Krankheit in der Familie/
psychische und physische Einschränkung durch Flucht/PTBS/ den Erfolg in der Schule behindert.

Dass die Entscheidung für den letztendlichen Lebensweg nicht nach objektiven, sondern nach rein subjektiven Kriterien getroffen wird, ist hier auch gut sichtbar. Was sich die Eltern nicht vorstellen können, findet nicht statt.

Hinterlasse einen Kommentar