3. Kapitel: Ich und diese Rechensache. Was Lehrpersonen bewirken und was sie anrichten. Stichwort: Kutalek und Hattie

Nach der 1. Klasse geht das Fräulein in Pension. Ich bekomme eine neue Lehrerin, die sich vom Fräulein gleich in mehreren Punkten unterscheidet: Sie schimpft und schreit recht gern – und ich weiß nie recht, warum sie schreit – und: sie kann mich nicht leiden.
Das bilde ich mir nicht ein.
Da ich evangelisch bin (der Wiegele-Opa hatte darauf bestanden, dass meine Mutter „übertreten“ musste bei der Heirat), bekomme ich den Religionsunterricht von „Schwester Maria“, einer Diakonissin mit weißer Haube, strengem Wesen und unbeugsamen Überzeugungen.
Als wir, recht bald nach Schulanfang, von ihr die Aufgabe bekommen, „Gott“ zu zeichnen, male ich eine Wolke. Weil wenn der doch unsichtbar ist, kann ich ihn ja nicht zeichnen, oder? Schwester Maria holt tatsächlich meine Omi in die Klasse (das geht leicht, sie wohnt ja mit ihrem Lebensgefährten in der Schulwartwohnung) – ich sei nämlich ein ausnehmend freches Mädchen.
Dafür werde ich dann zu Hause, bei der Omi und bei der Tante geschimpft. Ich hätte nicht frech zu sein. Überhaupt hätte ich „so eine Art“, das ginge nicht.

Schwester Maria, diese Religionssache und ich, wir kommen bis zum Ende der 4. Klasse nicht zusammen. Ich hätt gern Erklärungen, bekomm aber nur (für mich damals schon) lächerliche Plattitüden. Ab da interessiert mich Religion nicht mehr, zumal sie zu Hause weder bei der Mutter, noch bei der Sancin-Omi, noch bei der Tante vorkommt.
In meiner Vorstellung sind wir eine Familie, die eben „arbeitet, statt betet.“ Die Sancin-Omi hat für Religion ohnehin nur ein verächtliches Schnaufen übrig. „Hilf dir selbst“, sagt sie immer, „dann hilft dir vielleicht der Gott“. So wie sie es sagt, ist aber klar, sie glaubt nicht an den Typen.
(Als sie, Jahrzehnte später, begraben wird, liegt auf einem Polster vor ihrem Sarg die Viktor Adler Plakette, die höchste Auszeichnung der Sozialdemokratischen Partei. Die Verabschiedungsrede in der Feuerhalle hält der Sektionsobmann der SPÖ.)

Meine neue Klassenlehrerin hat natürlich auch von meiner „Frechheit“ gehört. Sie ist, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, eine ehemalige Nonne, die aus unbekannten Gründen ausgetreten ist, denn sie ist unverheiratet und kinderlos.
Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass ich sie dauernd belüge. Damals gibt es noch das „Schulsparen“, bestimmte Spardosen, die man eigens von der Sparkasse erhält, muss man mitbringen. Die werden in der Schule geöffnet, die Münzen werden gezählt und irgendwo eingetragen – ich habe natürlich keine solche Spardose, wir sind immer so knapp bei Kasse, dass sowas gar nicht geht.
Als der Tag des „Schulsparens“ ist, habe ich – keine Spardose. Ich erkläre, dass ich so etwas nicht hätte – sie erklärt mir, ich sei eine freche Lügnerin. Jeder hätte so eine Spardose.

Ich erinnere mich an diese Situation so genau, weil mir genau zu diesem Zeitpunkt etwas klar wird: Niemand wird kommen, um mir zu helfen. Niemand wird mich verteidigen, oder ihr etwas erklären, es gibt niemanden, den ich um Hilfe bitten kann – ich muss und kann mir nur selbst helfen. Von diesem Zeitpunkt an halte ich mich daran.

Also sag ich einfach: Nein. Als sie mich fragt, ob ich die Spardose dann morgen mithaben werde, sage wieder ich: Nein. Ich setze mich, sage nichts mehr, heule aber auch nicht. Dazu bin ich zu stolz.

In diesem 2. Schuljahr entdecke ich meine zwei „Hassensfächer“: Mathematik und Handarbeiten.
Ich fasse dauernd irgendwelche Strafen aus – weil ich mehrstellige Zahlen von rechts nach links schreibe, also z.B. zuerst den Sechser, dann den Zweier bei „26“, weil ich nicht auf Anhieb erkenne, ob das Ergebnis einer Rechnung stimmen kann oder weil mein Häkelzeugs braunschwarz ist von meinen schwitzenden Händen, weils verfilzt, anstatt ein Topflappen zu werden und weil es sich in alle Richtungen verzieht.


Du kannst das eben nicht, sagt die Lehrerin. Ich kann das eben nicht, sag ich zu mir selbst.

Auch wenn ich immer wieder einmal das mit der Rechnerei probiere – ich scheitere natürlich. Weil ich den richtigen Übungsweg nicht kenne, nicht erlernt habe und sowieso „weiß“, dass ich das nicht kann.
Mathematische Aufgaben schaue ich mir kurz an, dann lege ich sie zur Seite. Weil ichs eh nicht kann.
(Mein Glück ist, dass ich mir alles, was ich sehe, merken kann. Formeln und Lösungswege kann man auswendig lernen zu meiner Zeit, heute geht das nicht mehr. Jahre später habe ich ein Wort für meine Rechenschwäche: Dyskalkulie und Raumlagelabilität.
„Wie dreht sich dieser Körper im Raum? Ja verdammich, was weiß ich? „Welche Figur ist das von unten/von oben“… ja leckt mich doch alle am A bitte, ich seh das nicht!)

Das mit dem Handarbeiten erlerne ich erst 2008 auf der Uni, im technischen und Textilen Werken in der Ausbildung zur Sonderpädagogin. Die technische Werkerin traut mir ALLES zu – und ich machs einfach. Und die textile Werkerin, der ich gleich anfangs sage, dass ich ein ganz hoffnungsloser Fall bin, schaut sich mein erstes Werkstück an und meint, sie wisse jetzt, warum ich immer Schwierigkeiten gehabt habe – meine Sachen seien nie wie die der anderen, ich müsse etwas Individuelles herstellen offenbar – und ich solle bitte so weitermachen. Ich bin fassungslos.

„Glück im Spiel“ habe ich aber wieder : In der 3. und 4. Klasse habe ich eine neue Lehrerin.

Sie traut mir viel zu – vor allem gefallen ihr meine Aufsätze. Sie unterhält sich auch viel mit mir. Im Gegensatz zu meiner Familie, die mich immer ermahnt, dass ich nicht so „altklug“ sein solle, das sei ja peinlich.
Ich schließe die Volksschule daher mit lauter „Sehr gut“ ab – und, ich darf ins Gymnasium.

Natürlich nehmen sie mich nur im „2. BG“, im 1. BG, im „Einspieler-Gymnasium“, rümpft man noch lange die Nase über die Arbeiterkinder.

Anmerkungen:

Ich denke, ich bin ein gutes Beispiel dafür, wie sehr das Elternhaus und wie sehr die Lehrpersonen den Bildungsweg beeinflussen. Und wie sehr das ein Glücksspiel ist.
Wir haben aber aus meiner Sicht die Pflicht, dies vom „Glücksspiel“ zu einem Prozess zu machen – wir Lehrer:innen, wir politisch Tätige, wir Eltern.

Weiterführende Literatur :
Beer, Kutalek, Schnell: Der Einfluß von Intelligenz und Milieu auf die Schulleistung, München – Wien 1968 (Jugend und Volk, gibts nur mehr antiquarisch) (Kutalek war später mein Prof, 2008 habe ich in meiner Bachelorarbeit auf ihn Bezug genommen. )

Alles von Hattie:

Buch dazu: https://www.thalia.at/shop/home/artikeldetails/A1029072695?ProvID=11010474




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