1967 werde ich eingeschult – direkt in die Schule neben dem Hort, weil meine Tante darauf besteht. Die Tante hat keine eigenen Kinder und meine Mutter ist wehrlos, also wird der Onkel unser Vormund und bestimmt fortan über mein Leben und über das meines Bruders.
So habe ich einen längeren Schulweg und finde zu Hause keine gleichaltrigen Freund:innen, denn die gehen in eine andere Schule. Aber ich bin sowieso bis halb sieben im Hort.
Das „Fräulein“, das mich in der 1. Klasse unterrichtet, ist weißhaarig und sehr zart. Leider geht sie nach dem 1. Jahr in Pension. Sie ist lieb zu uns Kindern und schimpft – in meiner Erinnerung – nie.
Ich bin eine begeisterte Lernerin – Lernen ist mein Eskapismus. Ich kann ganz für mich bleiben, muss mich weder den oft gegensätzlichen Forderungen der Tante, der Sancin -Oma noch denen vom Wiegele-Opa stellen.
(Die Wiegele-Oma stirbt ein Jahr später und der Opa heiratet seine – wie ich dem Getuschel am Küchentisch entnehme – langjährige Geliebte. Dies führt zum Bruch zwischen der Tante und dem Opa, trotzdem mischen sich alle gleichzeitig in unser Leben, weil meine Mutter erst 23 ist, Witwe mit zwei Kindern und sich sowieso nicht wehrt)
Besonders fasziniert mich das Lesen. Eine neue Welt!
Damals werde ich mit der Lesefibel „Frohes Lernen“ alphabetisiert. (Die gibt es heute noch!)
Diese geht nach der analytisch-synthetischen Methode vor. Das heißt, ich lerne Silben, die ich dann zu Wörtern zusammensetze. Ein Bild in der Zeile steht für ein Wort, dessen Buchstaben wir noch nicht gelernt haben.

Damit komme ich super zurecht, weil ich zu allen Bildern die deutschen Begriffe kenne und so Bild und Anlaut (bzw. das ganze Wort) zusammen speichern kann.
Gut im Gedächtnis ist mir auch ein Bild der „Familie“ geblieben: Man sieht eine Mutter, typisch mit Schürze, kochend am Herd stehen. zwei Kinder und der Hund spielen in der Nähe und der Vater, mit Aktentasche, kommt gerade von der Arbeit heim.
EDIT: 22.8. Ein lieber Kollege hat mir das Bild geschickt:

Ich kann da nicht mitreden und es ist mir sehr peinlich – meine Mutter arbeitet den ganzen Tag, schließlich bekommt sie, da mein Vater so jung verstorben ist, nur eine winzige Witwenrente und wir eine ebenso winzige Halbwaisenrente. So ein „idyllisches“ Bild kenne ich von zu Hause nicht. Auch die Sancin-Omi arbeitet ja ganztägig. Nur die Wiegele-Oma hat nicht gearbeitet.
Wenn mich jemand nach den Familienverhältnissen fragt, muss ich immer sagen, dass ich Halbwaise bin. Das gehört zu meiner Personenbeschreibung immer dazu.
(Heute weiß ich, dass die Angst dahinterstand, als „lediges Kind“ gebrandmarkt zu werden bzw dass jemand glauben könnte, meine Mutter sei keine „anständige Frau“)
An den Leseunterricht habe ich meine erste (für mich) schlimme Schulerinnerung. Da ich schon flüssig und viel schneller lesen kann als die anderen Kinder, träume ich beim Lesen der immer gleichen Stelle vor mich hin – ich kann die Sätze ja sowieso auswendig. Plötzlich werde ich aufgerufen, ich soll weiterlesen. Offenbar habe ich zu sehr taggeträumt, denn ich habe keine Ahnung, wie der Text weitergeht. So muss ich, in peinlichster Stille, während alle auf mich warten, den ganzen Text durchlesen, bis ich zu der Stelle komme, an der ein anderes Kind geendet hatte. Das erste Wort, das ich dann laut lese, ist peinlicherweise „Und“. Ich versinke vor Scham in den Erdboden. Jetzt wird das Fräulein glauben, dass ich schlecht lesen kann!
Ich suche immer nach Lesestoff, aber es gibt natürlich keinen. Oder besser gesagt, keinen, den ich lesen darf. Zu Hause gibts ein paar Bücher von Donauland (Die „Vorschlagsbände“), beim Onkel ist das Bücherregal verboten für mich, die Sancin-Omi hat kein einziges Buch im Haus, aber wenigstens „Die Frau“ (die Zeitschrift der SPÖ Frauen), aber das ist mir noch viel zu langweilig, dafür interessiere ich mich erst in der 4. Klasse. Wenigstens habe ich „die Spatzenpost“. Sehr gelegentlich bekomme ich Kinderbücher geschenkt. Die kann ich aber an einer Hand abzählen.
Warum ist das so? ganz einfach: Wir haben kein Geld. Wir sind knapp an der Armutsgrenze. Zwar wohnen wir in der (angezahlten) geförderten Eigentumswohnung, aber meine Mutter verdient als Postbedienstete bei der Auskunft wenig. Die Verwandten mischen sich zwar in alles ein, unterstützen uns aber kaum. (Ich bin das Kind mit dem Gewand aus zweiter Hand, umgenäht und geändert zwar von der Schneiderinnen-Mutter, aber nie etwas wirklich Neues oder „Hübsches“)
Mein Glück ist, dass ich in den Kinderhort gehe. Dort gibt es eine Aufgabenstunde. Die Hortnerinnen haben alle Hände voll zu tun mit den Kindern, die nicht zurechtkommen mit der Hausübung – also kann ich mich zum Bücherregal stehlen und meine zwei Lieblingsbücher immer und immer wieder lesen:
Hatschi Bratschis Luftballon (Ich träume davon, dass Hatschi Bratschi kommt und mich mitnimmt – ich will diese fernen Länder sehen, ich will hier bloß weg und verstehe gar nicht, wieso sich die Kinder in dem Buch so fürchten)

und das Buch, das mir ein Fenster im Kopf aufmacht für die Welt:

Traurig bin ich allerdings, dass sich die Autoren ausschließlich an Buben wenden. Für Mädchen, das sagen sie auch im Vorwort, ist auch was mit Puppen drin.
Puppen interessieren mich aber einen Dreck. Die Welt interessiert mich. So nenne ich das, was ich da lerne und sehe. Die Welt.
Wenn die Hortnerinnen mich mit der „Kinderwelt “ erwischen, nehmen sie sie mir aus der Hand. Das ist nämlich nichts für mich.
Ich sage nichts dazu, das kenne ich von zu Hause. Da ist auch vieles „nichts für mich“.
Da aber ohnehin alle dauernd mit Geld verdienen, für meinen Bruder sorgen, meiner Mutter Vorschriften machen, miteinander streiten etc etc. beschäftigt sind, vergessen sie ganz gern auf mich, wenn ich still bin – das ist meine Taktik. Still sein. Nicht auffallen. Mich nie beklagen, nie etwas verlangen, nie weinen, nie jammern.
Drum kann die Hortnerin die „Kinderwelt“ gern wieder ins Regal stellen. Morgen werde ich sie mir wieder holen.
Anmerkungen:
Leselernmethoden gibt es viele, eine Mischung erscheint mir persönlich am geeignetsten. Du wirst in der Ausbildung mehrere erlernen, nimm die, die du am besten weitergeben kannst – und ändere sie jederzeit, wenn du merkst, dass es nicht hinhaut.
Achtung: Wer die Bildungssprache nicht beherrscht, dem hilft ein Bild nicht – das „Haus“ von oben sagt diesem Kind nicht „Haus“, sondern vielleicht house, ev, monzel, kutscha. Bedenke das mit. Wer den Begriff nicht hat oder kennt, kann nichts begreifen.
Ich halte Silben, Anlaute und später vor allem Wortbilder (mach die Augen zu – siehst du das Wort? ) für die geeignetste Mischung. In der Sekundarstufe 2, in der ich unterrichte, trainiere ich das Wortbild mit „Blitzlesen“ nach. Das verbessert die Lesefertigkeit der Kids am nachhaltigsten.
Mit dem Lesen ist es wie mit dem Stricken, erklär ich den Kids immer – ich strick so schlecht, dass es mir keine Freude macht, ich erst gar nicht hingreif, weil es mich müd macht und ich mich nicht vor anderen lächerlich machen will.
Stricken ist aber nur ÜBUNG. Wenn ich (ohne meine fetzendepperten Handarbeitslehrerinnen) ohne Dauerdruck, ohne dauernde Beschimpfung, Häme, ohne Angst, schon wieder nichts zusammenzubringen, einfach stricken hätte dürfen….in einer Ecke, zur Belohnung, als Zeitvertreib…..dann würd ich es heut gern und gut tun.
Genau so ist es mit dem Lesen. Lesen lernen mit Bewertung, Benotung, öffentlicher Demütigung – später dann das Lesen von unglaublich schlechter, langweiliger Klassenlektüre – bewirkt genau das Gegenteil dessen, was du erreichen willst.
Lesen soll ein Hobby werden, ein Zeitvertreib, eine Belohnung, wenn man in der Schule einfach eine Stunde etwas lesen darf.
Ich habe damals, als ich noch in der Volksschule unterrichtete, meiner Klasse das Lesen mit einem selbst geschriebenen „Fortsetzungsroman“ beigebracht. „Robert, der Igel und Mrks, der Bär“ . Jedes Kind entsprach einem Tier, die Geschichte spielte im Park vor der Halirschgasse. Leider habe ich die Geschichte nicht mehr, das war handgeschrieben zu Matrizenzeiten. (Das war vor den Kopierern, ihr Junghüpfer:innen).
Als ich bemerkte, dass die Kinder heimlich in der Pause zu meinem Tisch schlichen, um die dort vorbereitete Leseaufgabe vorher zu lesen, oder sie sich stahlen, um sie am Klo zu lesen – wusste ich, dass mein Plan funktioniert hatte.
Zum Thema geschlechtsspezifische Erziehung und Stereotypen in Schulbüchern: mach dich hier schlau. https://www.politik-lernen.at/dl/MpulJMJKomlolJqx4KJK/edpol_2016_Nicht_diskriminierende_Schulbuecher_web.pdf
Repräsentation ist wichtig. (Wenn du der Ansicht bist, dass man keine braucht, bist du vermutlich eh repräsentiert. Pls reflect)