Die Schule von innen 1. Kapitel: In welche Familie die „alte Kuh“ geboren wird. Was Haltungen und Erwartungen der Familie bewirken.

Es ist 2022 und schon wieder fragen wir uns: Sollen wir die Schule in Österreich komplett neu erfinden? Oder sind es bloß die Eltern, die „in die Pflicht genommen werden müssen“, weil deren Kinder „nichts mehr lernen wollen, sondern nur mehr auf Tik Tok sind“. Sind die Zustände (Leser:in, hier bitte beliebige Zustände einsetzen, je nach politischer Richtung, ich bin sicher, Dir fällt etwas ein) schuld oder liegt es einfach in der Natur mancher Menschen? Gibts die „Gscheiten“ und die „Blöden“? Ist es die eigene Kraft? Die angeborene Intelligenz?

Ich erzähle über 60 Jahre Geschichte der Bildung und Erziehung – an mir als Beispiel. Zuerst als Schülerin, dann als Ausbilderin und später als Lehrerin.
Und, weil ich „die alte Kuh“ bin, gibts unter jedem Kapitel Anmerkungen, Querverweise und praktische Hilfen für jungen Kolleg:innen.


1961 komme ich als Tochter einer Schneiderin und eines Elektrikers zur Welt.

Die Familien von Mutter und Vater könnten nicht unterschiedlicher sein – während die mütterliche Triestiner Linie (Sancin) aus überzeugten Sozialist:innen besteht, ist die Familie meines Vaters typisch kleinbürgerlich-klerikal. Der Wiegele-Opa, ein ehemaliger Berufssoldat bzw. später Postbediensteter, ist ein alter Christlich-Sozialer, die Wiegele-Oma eine Bauerntochter aus dem Gailtal.

Weil die Sancin-Omi und die Wiegele-Oma Slowenisch als Muttersprache haben, reden sie untereinander slowenisch, vor allem, wenn mein Bruder und ich etwas nicht hören sollen. Die Sancin-Omi spricht natürlich auch italienisch, weil sie das in der Schule in Triest gelernt hat und dort gelebt hat, bis sie 12 ist, dann kommt sie erst nach Klagenfurt. Hier geht sie nicht mehr in die Schule, sondern arbeitet.
Zuerst auf dem Feld, später in einer Bäckerei – als Köchin für die Bäcker und Fahrer.
Da sie in Triest in der Schule die Lateinschrift erlernt hat und in Österreich aber Kurrent geschrieben und gedruckt wird, schreibt sie zeitlebens, wenn sie etwas auf Deutsch schreiben muss, wie sie spricht. (Aber sie liest z.B. „Die Frau“, das sozialistische Magazin. )

1940 wird meine Mutter geboren, da ist die Omi schon Witwe.
Die Sancin-Omi hat zwei Glaubenssätze fest verinnerlicht: 1.Mein Kind muss etwas lernen, damit es sich die Hände nicht schmutzig machen muss, so wie ich.
Und weil wir uns in Kärnten befinden: 2. Sie muss akzentfrei hochdeutsch sprechen und „schön“ schreiben lernen, damit niemand auf die Idee kommt, dass sie vielleicht doch, wie sie sagt, „a Slowena“ oder „a Italiena“ ist.

Sie stellt also, fraglos mit Mühe, das Schulgeld für die Ursulinen auf. Meine Mutter lernt dort das Ducken, das Dienen und Gehorchen, aber auch tatsächlich hochdeutsch, und sie schreibt „schön“. Weil die Omi befindet, dass Schneiderin ein Beruf ist, den man immer braucht, muss sie nach der Schule die Herrenschneiderei erlernen, obwohl sie gern Krankenschwester geworden wäre.

1960, mit 20, heiratet sie meinen Vater, 1961 komme ich zur Welt, 1963 mein Bruder. Im selben Jahr stirbt mein Vater an einem zu spät erkannten Blinddarmdurchbruch.

Meine Mutter beginnt umgehend wieder zu arbeiten. (Die Post bietet ihr, als Witwe eines Beamten, eine Stelle an) Wir Kinder verbringen viel Zeit bei den Großeltern (die immer darauf achten, ausschließlich deutsch zu sprechen mit uns, slowenisch und italienisch ist verboten) – und dann komme ich in den Kindergarten.

Kindergarten in Klagenfurt so um 1965/66. Eine Ordnungs- und Zuchtanstalt. Ich erspare mir, die Erlebnisse, vor allem beim Zwangsessen von grauslichen Sachen, zu verschriftlichen. Ich kann mich aber an eine unglaublich liebe „Tante“ dort erinnern. Und daran, dass ich manchmal, mit einem zweiten Kind, die Standesmeldung bei der Direktorin (meiner eigenen Tante, der Schwester meines verstorbenen Vaters) machen durfte. Das funktionierte so:
Anklopfen.
Aufs „Herein“ warten.
Knicks machen.
„Guten Morgen, Tante Brigitte, in der Gruppe 2 sind heute 23 Kinder!“

An das Basteln von Fähnchen, das Tragen von Dirndln (oh mein Gott wie habe ich das gehasst!!!) und an das Singen zum 10. Oktober (inklusive „Kärnten frei und ungeteilt“ Bild, Erzählungen, dass „die Slowena“ uns das Land stehlen wollten, Heldengeschichten der Großväter etc. Ich verstand jetzt, warum nur die beiden Großmütter und auch die nur am Küchentisch, slowenisch redeten und warum wir das keinesfalls lernen durften. „Die Slowena“, das waren Landesfeinde! )

(Der Kindergarten bekam Jahre später Schwierigkeiten, weil ein Elternteil sich beschwert hatte, dass Nazilieder gesungen würden, und das wolle er dann eher nicht. Da war ich aber schon im Hort. Ebenda.)


Anmerkungen:

-Eine ganz typische Haltung der Arbeiterschaft, vor allem der „organisierten“ war der Wunsch, dass es ihre Kinder einmal „besser“ haben sollten. Der Erwerb formaler Bildung und vor allem eine „Überanpassung“ an bürgerliche Werte war extrem gefordert. Dazu gehörte vor allem der Erwerb einer „schönen“ Hochsprache, das unbedingte Vermeiden eines ausgeprägten Dialekts („Das sind Proleten!“) und das Erlernen eines „angesehenen“ Lehr- Berufes (viel weiter nach oben traute man sich aber nicht zu schauen!)


– Wer sich damit beschäftigen will, wie das Leben damals für Arbeiterinnen (wie die Sancin-Omi) ausgesehen hat, kann z.B. die Jugendgeschichte von Adelheid Popp lesen: https://frauenmachengeschichte.at/wp-content/uploads/Popp_Jugendgeschichte_1909.pdf

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