Organisationen, ihr Lieben, sind komplexe Organismen – man kann sie unterscheiden nach ihrem Aufbau, nach ihrem Zweck – und nach der Art, wie sie Fehler, die im System passieren, behandeln.
Eine zweite wichtige Erkenntnis kommt noch dazu, die ich euch bitte, im Hinterkopf zu behalten: Es gibt kein Unternehmen (das hat, glaub ich, der Reinhard Sprenger gesagt), das seine Mitarbeiter:innen nicht anständig, seine Kund:innen aber anständig behandelt. Und umgekehrt.
Wie nach innen, so nach außen.
Grob unterscheidet man eine positive, voranbringende, Lernzuwachs ermöglichende Fehlerkultur (Man fragt also: Was ist los – betreibt also Ursachenforschung, um danach zu fragen: Was ist zu tun? Und zuletzt fragt man: Wie verhindern wir das in Zukunft bzw. wie stellen wir sicher, dass der Prozess so funktioniert, wie wir das wollen) und
die Verfolgerkultur, die als erstes fragt: „Wer ist schuld?“, danach alle Energie darauf verwendet, zu beweisen, dass man a) selbst nichts dafür kann, b) das Vorgehen überhaupt total okay war und c) denjenigen sucht und nach Möglichkeit bestraft, der darauf hingewiesen hat.
(Sollten Sie jetzt nicken, weil Ihnen das seit 30 Jahren passiert, sind Sie Kolleg:in oder wenigstens im Öffentlichen Dienst. Für Sie wirds jetzt fad, weil Sie können ab jetzt quasi mitsprechen. Sorry)
Wir springen ein paar Jahre zurück und ich erinnere mich:
Ich habe einen Fehler gemacht.
Die Vorgeschichte:
Es war so, dass der Klassensprecher und eine meiner „Rüben“ zu mir kamen, um mich um Rat zu fragen. Ob sie denn wirklich jetzt einen Fünfer bekommen könnte? Die Kollegin X. hätte sie, wie schon häufiger, angebrüllt, weil sie „nichts kapieren würde, obwohl sie es ihr schon hundertmal gesagt hätte“ und „dass sie dafür sorgen würde, dass sie einen Fünfer bekommen würde“. Auch mit den anderen Kollegen würde sie sprechen…und so weiter und so fort…
Ich kenn X seit Jahren, die hat genau null Frustrationstoleranz und null Impulskontrolle bei manchen Schüler:innen. Ich bin noch nicht dahinter gekommen, was genau ein Auszucken auslöst. Aber jedes Jahr ist es ein anderes Kind. Das braucht sich dann nur zu veratmen, quasi, und X schreit los. (Kennen gelernt habe ich X in meinem ersten Jahr , wir machten mit der Kollegin ein kahoot über den Lehrstoff, die Kids jubelten, weil sie gewonnen hatten und sie stürmte aus der Nachbarklasse herein, brüllte fünf Minuten lang die Kinder an, dass sie unterrichte und es zu laut sei, ignorierte mich und die Kollegin zuerst völlig und verschwand wieder, ohne sich zu entschuldigen. Die Kollegin zuckte nur die Achseln und meinte, die sei halt so, die kenne man)
Ich erfragte also die Eckpunkte. Rübe steht auf einem wackeligen Dreier, ein paar Hausübungen fehlen, okay. Die Rübe hat sich natürlich auch nicht okay verhalten, sie meinte nämlich nach der Schreitirade, sie würde dann die Aufgabe auch nicht mitmachen, weil wenn das eh so sei…….Egal.
Beginn Fehler „Alte Kuh“:
Im Raucherkammerl (ja! Das gabs noch, damals!) treffe ich zufällig den Kollegen aus dem Teamteaching mit X und spreche ihn an. „Was war denn mit der Rübe und X?“
Ich schwöre, es dauert keine Millisekunde und er beginnt, X zu verteidigen. „Das war berechtigt!“ waren die ersten Worte, drei Minuten später habe ich noch immer keine Schilderung der Situation aus seiner Sicht. Da reißt mir, leider, muss ich sagen, der Geduldsfaden.
„Okay, dass X unpädagogisch gehandelt hat, hab ich jetzt verstanden – aber braucht die Rübe jetzt eine Prüfung oder nicht?“
(Für Nicht-Lehrende: Das ist wichtig, aus rechtlichen Gründen, so eine Prüfung muss beantragt/geplant/organisiert werden, schriftlich, sonst steht womöglich der Fünfer im Zeugnis)
Warum ich das wissen wolle, fragt der Kollege. „Na wegen der rechtlichen Schritte“, sagte ich.
Kollege stürmt hinaus, 2 Minuten später steht X im Kammerl.
(Meine Fehlerbeschreibung: Rein beziehungsorientiertes statt aufgabenorientiertes Verhalten von Erwachsenen, die einen Profi-Job haben, triggert mich. Da bin ich dann 20 Minuten ich selbst. Das ist immer schlecht für die Kolleg:innen. Ich reagiere dann nicht auf die Absicht, sondern aufs Verhalten. Das heißt, ich beruhige ihre Ängste nicht, streichle ihr Ego nicht, sage ihnen nicht, wie gut sie sind, nehme ihre Gefühle nicht ernst – sondern verlange einfach, dass sie ihren fucking job machen sollen. Bitter ist das deswegen, weil ich mehrere Artikel zum Thema „Positive Absicht“ geschrieben habe)
X beginnt mit den Worten „Jetzt bin ich aber grantig“ und ich mache den zweiten Fehler und sage „Du, ich auch“.
(Ihr wisst schon: Ich hätte auch die Absicht reagieren sollen, X wertschätzen sollen, ihr versichern, dass sie eh recht hat, total supi ist und überhaupt. Dann hätt ich auch vermutlich mit ihr sachlich weiterreden können. Aber nein, ich habs nicht getan)
Ihrer Natur entsprechend zuckt X sofort aus, der Kollege hat ihr erzählt, ich wolle „rechtliche Schritte gegen sie einleiten“, dann redet sie über meine „überhebliche Art“ und „so, wie du da sitzt“ und „nur, weil du Klassenvorstand bist…“ Sie will auch wissen, wer sich genau über sie beschwert hat, ich soll ihr das sofort sagen …..(mach ich natürlich nicht, wie hammas denn, der Klassensprecher sagts ihr später selbst, drum hab ich ihn oben auch erwähnt)
Ich sag milde: Ich bin nicht Klassenvorständin, ich bin stellvertretende KV, KV ist die A.
(Jetzt findet ihr meinen Fehler selber, oder? )
X erklärt mir daraufhin, dass ich ja „niemand, ja gar nichts“ sei, dass „sie nicht zum Schmiedl, sondern zum Schmied gehen“ werde in Zukunft…..woraufhin ich sie ganz ruhig und sanft unterbrech und ihr sag, dass sie dann doch bitte zur A gehen soll.
Damit stürmt X hinaus.
Eine Stunde später schreibt mir die Rübe, dass X ein Gespräch mit ihr wolle, meine Kids erzählen mir in der nächsten Unterrichtsstunde, dass der Kollege ihnen einen Vortrag darüber gehalten hat, wie froh sie sein könnten, so eine höfliche und tolle Prof wie X zu haben. Und X hat ihnen erklärt, dass ich „ein Niemand“ sei.
(Es ist uninteressant, weiterzuerzählen. Alles bleibt, wie es ist, und es endet immer mit der Bestrafung von Unschuldigen)
Lerneffekte:
1. Ich habe mehrere schwere Kommunikationsfehler gemacht und dadurch die Situation eskalieren lassen. Als Lehrende bin ich Profi und bin für meine Kommunikation und deren Folgen verantwortlich. Ich muss und kann die Auswirkungen meines Handelns gedanklich vorwegnehmen und intellektuell redlich bewerten und daher eine passende Form auswählen. Ich habe mich im Griff zu haben und habe mich nicht triggern zu lassen. Wenn ich das nicht kann, habe ich mir professionelle Unterstützung zu holen.
2. Das sind dir typischen Verhaltensmuster in einer „Verfolgerkultur“ – der Weg zu einer aktiven Fehlerkultur ist, gerade im Öffentlichen Dienst, noch sehr weit.
3. Wie nach innen, so nach außen.
Lehrpersonen, die so agieren, behandeln die ihnen anvertrauten Schüler:innen ebenso.
4. Ziel ist immer eine Fehlerkultur zu schaffen, an der alle wachsen können – „Was ist los?“ Und „Was ist daher zu tun?“ sollten die wichtigsten Fragen sein.
[…] Ich habe einen Fehler gemacht! […]
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