„So, Trottelmännchen. SITZ!“ (Oder: „Warum geht die nicht einfach?“)

(Warum da „Trottelmännchen“ steht? Na damit die klassen, reflektierten und wirklich guten Männer, die ich kenn, wissen, dass sie NICHT MITGEMEINT sind! 😉 )

Zuhören und nicht nach 5 Minuten mit dem eigenen Geschlechtsteil spielen, gell. Auch wenn euch das reizt.

Ich wollte mir diesen Text so gern ersparen. („Wieso tust es dann nicht ganz einfach?“, sehe ich quasi als Sprechblase über euren Köpfen. Ganz einfach. Weil ihr es nicht geschnallt habt. Nicht behirnt. Nix kapiert. Und wie immer bleibt das jetzt an mir hängen, so wies ausschaut.)

Männer ermorden Frauen.

Männer ermorden Frauen, vorzugsweise ihre Partnerin bzw. Ex-Partnerin (Zwei Drittel der ermordeten Frauen) Jetzt hatten wir in Österreich schon wieder einen Femizid – den 17ten heuer.

Ich habe im Netz viel diskutiert dazu, diese, ganz typische, Unterhaltung dient nur als Beispiel:

Ist möglicherweise ein Bild von 1 Person und Text

Eure Antworten kennt ihr – das stimmt alles nicht, auch Frauen morden, außerdem, wer weiß, vielleicht hat die eh was gmacht, sowas hab ich noch nie gehört, Gewalt gegen Frauen wird ja medial übertrieben, die Menschen sind eben so , Männer sind eben testosterongesteuert etc etc etc.

Interessant ist, dass eure „Argumente“ exakt dieselben sind, wenn es um Sexuelle Belästigung geht, um Vorwürfe von sexueller Nötigung, um #metoo, whatever.

In a nutshell sagt ihr damit:
„Männer sind halt sowas wie wilde Tiere, denen man leider nicht beibringen kann, NICHT ins Haus zu kacken, also schaut, dass die Haustür immer zu ist. „

Konntet ihr mir bis hierher folgen?

Ich weiß, es war nicht einfach. Ich hab euch beleidigt, eure fragile Männlichkeit gekränkt, war unbotmäßig, frech und es stand mir, in euren Augen, gar nicht zu.

„Aber!“ Höre ich euch rufen. „Aber: Warum gehen diese Frauen nicht einfach, wieso bleiben die bei diesen gewalttätigen Partnern?“

(Das impliziert natürlich, dass sie im Endeffekt eh selbst schuld waren, weil, wären sie gegangen, tätens noch leben)

Genau deshalb schreibe ich das jetzt – weil ich euch erzählen werde, stellvertretend für viele Frauen, die von ganz ähnlichen Kindheitserinnerungen berichtet haben, wie das so läuft in der Erziehung und in den Familien – auch in denen ohne direkte körperliche Gewalterfahrung.

Situationen, an die ich mich sehr gut erinnere, und was ich als Mädel (und später, als Erwachsene) daraus „gelernt“ habe:

  1. Ich bin etwa 8 und meine Mutter wird von ihrer Mutter, meiner Omi, geschlagen.
    Ich stehe direkt daneben und bin fassungslos. Und ich habe Angst, weil sie sich einfach nicht wehrt.
    Ich lerne: Wenn das so ist, dann kann sie mich ja ohnehin nie und nirgends beschützen, oder? Dann muss ich eben ab sofort für mich selbst sorgen.
  2. Mein Großvater väterlicherseits ist ein überall gefürchteter Mann. Es ist nicht klug, sich mit ihm anzulegen, vor allem nicht, wenn er getrunken hat. Er hat Phasen, in denen er am Dachboden sitzt, mit einem Gewehr in der Hand und durch die Dachluke späht, weil er irgendjemanden erwartet, der aber nie kommt.
    Mir tut er nie etwas, was mich „stolz“ macht, weil er auch auf mich stolz ist, wie er sagt.
    Wenn er das Haus betritt, gehen alle wie auf Eierschalen. „Weißt eh, wie er is!“, sagt die Oma und schaut, dass sie ihm ja alles recht macht, und dass wir ja leise sind und nie im Weg.
    Ich lerne: Wenn man sich „richtig“ verhält, oder in den Augen vom Opa „eine richtige Wiegele“ ist, bleibt man eh unversehrt. Man braucht nur einen gutes Warnsystem im Hirn. Meins ist perfekt. Ich habe quasi einen Erschütterungssensor, ein Radar, ein Nachtsichtgerät und ein automatisiertes, daueraufmerksames Voraussagetool eingebaut. Ich komme aber nicht auf die Idee, dass dieser „high alert“ Zustand eher einem Tier auf der Flucht zukäme, aber nicht mir.
  3. Meine Omi hat einen Lebensgefährten. Er bekommt das Stück Fleisch , das in der Suppe gekocht wurde, weil das ist „für ihn“. Nicht für die Omi, nicht für uns Kinder. Meine Mutter macht das bei meinem Stiefvater auch (sie war bereits mit 23 Witwe, da war ich 2). Das Beste ist immer „für ihn“. Was er will, passiert. Immer. Wenn ihm eine Sendung im Fernsehen nicht gefällt, dreht er ab oder schaltet um. Er fragt gar nicht, was wir wollen. Wir können dann eben auch nicht mehr schauen.
    Ich lerne: Die Frauen im Haus und wir Kinder sind immer 2. Wahl. Ich habe keine Wünsche zu haben. Wünsche hat der Mann im Haus. Obwohl meine Großmutter und meine Mutter ihr Leben lang berufstätig sind und über ihr eigenes Einkommen verfügen (natürlich nur über dieses), verrichten sie offenbar freiwillig die Arbeit einer Dienstmagd.
  4. Meine Tante (die Schwester meines früh verstorbenen Vaters und damit die Tochter des gefürchteten Großvaters) nimmt mich auf die Seite, als ich, bereits in Wien lebend und studierend, meinen späteren Ehemann zu Hause vorstelle. „Hauptsache, er ist GUT zu dir!“ sagt sie.
    Ich beginne erstmals nachzudenken – das soll alles sein, was ich erwarten kann? Dass jemand „gut“ zu mir ist? Heißt das, übersetzt: „Hauptsache, er haut dich nicht!“? (Es ist mir ein wichtiges Anliegen an dieser Stelle zu sagen, dass er ein ganz wunderbarer Ehemann war, das klare Gegenteil meines erlernten Männerbildes – aber letztendlich konnte ich ihm meine Wünsche nie mitteilen – oder sie auch nur für mich formulieren, so ging ich eines Tage einfach fort)
  5. In der Trennungsphase von meinem zweiten Ehemann dann (viele Jahre später), hatte ich ein paar Monate lang Gelegenheit, auf meine durch den Großvater perfektionierten Fertigkeiten zurückzugreifen.
    Ich lernte damals, warum Frauen zu lange bleiben. Sie können ihre Kinder nicht 24/7 schützen. Das ist einfach Geiselhaft. Du bist pausenlos damit beschäftigt, den am Auszucken/sich, dich, alle Umbringen/gegen einen Baum fahren etc etc zu hindern. Und einen supersicheren Zufluchtsort gibts auch nicht. Nirgends.

    Meine Tante übrigens tadelte mich wegen dieser Trennung sehr. Und zwar nicht, weil der ja tatsächlich nicht „gut“ zu mir gewesen war (das hatte ich zu Hause gar nicht erzählt), sondern weil ich mich mehr bemühen hätte müssen, wie sie sagte. Schließlich sei das meine Aufgabe als Frau, die Ehe aufrecht zu erhalten. Aber man wisse von mir eh, dass ich nicht anpassungsfähig genug sei. Und mit meiner Art…naja.
    (Muss ich extra erwähnen, dass meine Mutter ähnlich reagierte? „Man muss sich halt schon nach einem Mann richten, oder?“)
  6. Danach band ich mich nicht mehr, aber ich hatte einen Lover, der war (Überraschung!!!!) ein Abklatsch meines Großvaters. Von der Art her, der Größe, dem Habitus. Vor allem aber hatte er keine Frustrationstoleranz und keine Impulskontrolle – außer bei mir. Oh, ich war so stolz. Immer wusste ich genau, wie ich mit ihm umgehen musste.
    Ich glaube, das war meine persönliche Therapieform. (11 Jahre und ich hatte durchaus viel Spaß dabei.
    Ich musste einfach lernen, dass manche Männer nicht mehr Verständnis brauchen, sondern mehr Charakter.)

Trottelmännchen, ich bin am Ende der Lehreinheit angelangt. Ich bezweifle ja, dass ihr jetzt reflektierter seid als vorhin – daher wünsche ich mir nur eins:

Wann immer in Zukunft so eine Diskussion entsteht und ihr das Gefühl habt, gleich so etwas wie ganz oben sagen zu müssen, steht ihr auf, beugt die Knie ganz leicht, greift mit einer Hand zwischen eure Beine – (jaaaaaaaa, da sind sie! Ihr habt grad eure Eier gefunden!!!) – und dann haltet ihr ganz einfach den Mund.

Danke fürs Gespräch.

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