Ein Fenster im Kopf

Hach, das ist ein Blog nach dem Lehrerinnenherzen – voll von Querverweisen, Zitaten und Bildungsinhalten. Sorry. Not sorry.

Ich muss nämlich zuerst einmal ein bissl jammern. Ich hab Schüler*innen, die fest der Ansicht sind, die Pyramiden seien nachgebaut, von den alten Ägyptern hätten sie (gekränkte Empörung in der Stimme) „aber fix noch nie“ etwas gehört. Einer der Burschen meinte, er hätte die Aufgabe nicht gemacht, weil er gar nichts verstanden habe – er klang so, als hätten wir ihm eine Genomsequenzierung aufgegeben. Mit einem Zahnstocher. Im Finsteren. Okay, vielleicht ist die Neolithische Revolution, so wie sie auf https://segu-geschichte.de/neolithische-revolution/ erklärt wird, für 16-18jährige Schüler*innen ja wirklich unbegreiflich (2. Fachschule, Geschichte.)
Das hätt ich normalerweise unter „Da kannst nix machen, 9 Jahr Beschulung einfach verpennt“ abgelegt, aber am Tag davor wusste nur eine einzige Schülerin der 1. Fachschule, wie „die Linie da“ in der Mitte rund um den Globus heißt. Äquator. (Wir machen ja eh nur grad seit gefühlten 100 Stunden das Klima und jetzt eben die Tropen. Mit Videos. Mit Dokus. Mit Texten)

Dann kam, diesmal in Naturwissenschaften, die Frage aus der letzten Reihe „Und was unterscheidet jetzt eine Menschenzelle von einer Tierzelle?“
„Nix“, sprach die Kollegin. „Du BIST ein Tier, L.“
Es wurde sehr still in der Klasse. DAS war offenbar allen neu.
„Um genau zu sein“, sagte ich, „bist du ein Trockennasenaffe.“
(Ich sah, wie das langsam sickerte. Und auf sandigem Boden ankam, offenbar. Das konnte nirgends eingeordnet werden, sich daher nirgends festsetzen, dazulegen oder irgendeine Verbindung zu etwas Anderem schaffen – so verschwand es in den Tiefen der juvenilen Gehirne)

Ratlos fuhr ich heut nach Hause. Warum, zum Teufel, wusste mein eigenes Kind mit fünf mehr über die Welt als meine Affenkinder?
Wieso, verdammt nochmal, ging die kleine Romy, das Kind einer Freundin, gestern als forensische Anthropologin verkleidet in die Volksschule, mit eigens bei der Mutter bestellten Knochen (aus Salzteig), Lupe, Pinzette und allem Pipapo?

Wenn ich jetzt so eine gspritzte Bobofunsen wär, läge die Erklärung auf der Hand: Klar, diese beiden Kinder sind eben aus Akademikerhaushalten, wo Bildung eben wichtig ist und wo wir uns (im Schweiße unseres Angesichts des Angesichts der jeweiligen Kindermädchen) eben gekümmert haben. (Wer dumm und arm ist, hätt sich eben nur a bissl mehr bemühen müssen, oder? Prosecco?)

Bin ich aber nicht, also versuchen wir es mit einer humanistischen Erklärung.
Was war mein erstes Lieblingsbuch eigentlich? Und wie kam ich zu diesem?
Ich weiß es noch genau. Im Hort durften wir, nach der Aufgabenstunde, lesen. Ich wollte immer nur eins:
„Die Kinderwelt von A-Z“. (1961 erschienen, also heute gleich alt wie ich.)



Hier kann man darin online lesen: https://austria-forum.org/web-books/diekinderweltvo00de1980iicm/ev00001

Allerdings musste ich dazu die „Horttante“ austricksen – die war nämlich der Ansicht, das sei ein Buch „für die größeren Kinder“. Und ich war ja erst in der 1. Klasse.
Las ich es also heimlich. In der Puppenecke. Hinter einem Regal.
Meine Mutter zu fragen, ob ich so ein Buch vielleicht haben könnte? Undenkbar. Das war schließlich nichts Notwendiges. (Ich bekam nur „Notwendiges“, mein Vater war schon seit über 3 Jahren tot und meine Mutter allein mit mir und meinem jüngeren Bruder ).
Ich kann mich so gut an die Bilder erinnern – und an die Texte. Was mich wahnsinnig kränkte war, dass dieses Lexikon ganz offenbar für Buben war – gleich auf den ersten Seiten stand das auch. Da waren Dinge drin, die sich Buben gewünscht hatten. Ein Mädchen hatte auch mitreden dürfen – es sollte auch was über Puppen drin stehen. Was mich genau gar nicht interessierte.

Ich hatte also den Willen, mehr über die Welt zu wissen – am liebsten alles. Das war so spannend! (Ich bin davon überzeugt, dass das die natürliche Reaktion jedes Kindes ist. Neugier, Wissensdurst, Entdeckerfreude, Abenteuerlust)
Ich brauchte aber auch eine Fertigkeit dazu – in dem Fall Lesefertigkeit. (Die bekam ich durch die gute Didaktik und Methodik meiner Lehrerin und durch mein Üben, 50/50 also)
Jetzt fehlte noch der letzte Schritt: Die Möglichkeit, das auch zu tun. Diese bot sich mir im Hort – wenn auch immer mit Heimlichkeit verbunden.
(Bei Erwachsenen spricht man vom Leistungswillen, der vom Mitarbeiter kommen muss, von der Leistungsfertigkeit, die eben eine 50/50 Sache ist und von der Leistungsmöglichkeit – die bereitgestellt werden muss vom Unternehmen)

Bei meinem eigenen Kind (so wie jetzt auch bei dem kleinen Mädchen einer Freundin) war das ein bissl anders natürlich.
Die unbändige Neugier war sowieso da – und, so lange die eigene Lesefertigkeit noch nicht ausgebildet war, las eben ich (und das Kindermädchen) vor. Mein Kind blätterte begeistert z.B. in diesen Büchern – Die „Licht an!“ Reihe war das Highlight 😉


Wenn einem Kind ein Fenster im Kopf aufgeht, geht das nie wieder zu – und es macht einen Blick in die Welt.

(Ich habs schon öfter geschrieben und gesagt – wir als Lehrpersonen können ihnen das Fenster öffnen – aufstoßen müssen und werden sie es selbst. )

Warum, zum Kuckuck, wissen also meine Affenkinder nichts von diesen essentiellen Dingen, von denen meine Tochter damals mit 5 und auch die kleine Romy jetzt schon so viel weiß?

Es fehlt ihnen häufig die Fertigkeit, flüssig, schnell und sinnerfassend zu lesen. (Und daran sinds bestenfalls zur Hälfte schuld, nur dass das noch einmal gsagt ist, gell!)

So gut wie immer fehlt ihnen auch die Möglichkeit. Sie haben keine Bücher im Haus, im Hort waren sie nie, es gibt keinen wirklich niederschwelligen Zugang zu Büchern

Manchmal fehlt ihnen auch der Wille. Das muss man jetzt aber erklären.
Wer aus einem geschlossenen System kommt, der darf ums Verrecken nicht anfangen zu denken. Wer denkt, hinterfragt irgendwann seine eigene Situation – und so viel kognitive Dissonanz geht sich nicht aus.

“I would rather have a mind opened by wonder than one closed by belief.” Gerry Spence

Jetzt ist Rebellion gegen die erzkonservative Familie irgendwo auf dem Land schon schwer genug – aber für einige meiner Schüler*innen würde das bedeuten, dass sie verstoßen würden. Und ganz allein wären. Und zwar wirklich. Oder, wenns Mädels sind, bzw. schwule Burschen, um ihr Leben fürchten müssten.

Für sie gilt, was Wittgenstein formuliert hat:

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Und, wie wir heute, in Zeiten der Esoschwurbler und Verschwörungsnarren jeden Tag lesen und hören können:

WER NICHTS WEISS, 
MUSS ALLES GLAUBEN 
MARIE VON EBNER-ESCHENBACH 
(1830-1916)

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