Eine meiner Stationen war das Poly 4. Das war so eine richtig traditionelle Schule – die „Jungen“ (nach Dienstalter an der Schule) bekamen immer die Frühaufsicht. Also ich, z.B.
Da saß ich nun, auf einer Bank im 2. Stock und schaute genau auf die breite Stiege nach oben und nach unten, niemand kam an mir ungesehen vorbei (und so sollte es wohl auch sein).
Langsam schlichen die Schüler_innen an mir vorbei und grunzten etwas wie „Mgn“, etwas schneller schritten die KollegInnen – die winkten wenigstens oder konnten bereits ein ganzes Wort aussprechen.
Und dann kam der Sepp (Name geändert, weil ich den tatsächlichen verdrängt hab). Sportlich sprang er die Stufen hinauf (ich schwöre!), blickte mir ins Gesicht und begann, übergangslos mit mir zu reden. Nein, „mit mir“ ist nicht korrekt, er sprach einfach auf mich ein.
„Findst du das nicht auch arg, mit dem Weltjudentum und mit den Illuminaten? “ (Da hielt ich das noch für einen wenig gelungenen, morgendlichen Scherz) „Und dass sie uns beherrschen, die Oberen! Die Jungfrau Maria hat mir gestern…..“
Ich driftete in Gedanken ab – sollte ich die Rettung verständigen? Zuerst beim PSD anrufen? Zum Direktor gehen? (Nein, zu dem nicht, der war ein anerkannter Idiot. Zwei von der Sorte würde ich nicht aushalten in der Früh) Weiter redend, ging der Sepp aber bereits den Gang entlang.
In der ersten Stunde (an dem Tag hatte ich Glück, der einzige Kollege mit Herz und Hirn unterrichtete mit mir) fragte ich, wer denn der doch etwas eigenartige Kollege sei, dem ich morgens begegnet war.
Ach, das sei bloß der Sepp, dem erscheine die Jungfrau Maria. Täglich.
Ich hielt das für einen Witz.
Nein, nein, die sage ihm, was er tun solle.
„Täglich?“ traute ich mich zaghaft zu fragen.
„Ja, täglich, wirst schon sehen“, bestätigte der Kollege.
Und ich sah. Der Sepp hatte einen Narren gefressen an mir, immer, wenn er in der Früh die Stiege heraufsprintete, blieb er bei mir stehen und erzählte mir irgendeinen Wahnsinn – und immer so, dass ich das Gefühl hatte, er habe bereits auf dem Schulweg mit dem Erzählen begonnen und ich würde daher erst im zweiten Drittel einsteigen.
„Die Jungfrau Maria hat mir gestern gesagt, die von der Ostküste……“ und so gings jeden Tag.
(Ich überlegte mir ernsthaft, warum ich nicht gleich auf der Psychiatrie angeheuert hatte – viel Unterschied konnte nicht mehr sein: Ich war unter Wahnsinnigen, musste für mich und für den Rest eine Art Realität bewahren bzw. herstellen und durfte keinesfalls meine Ruhe oder meine Nerven verlieren)
Kurzum, die Jungfrau Maria war offenbar Verschwörungstheoretikerin. Sie war von den „geheimen Eliten“ überzeugt, von der „Freimaurerverschwörung“ , dem „Ostküstenkapital“ etc. etc. etc. (Warum frage ich mich heute noch, warum sind die geheimen Eliten immer noch geheim? Immerhin war das ja die Jungfrau Maria höchstpersönlich, hätt die nicht ihren Herrn Sohn fragen können, der war doch allwissend, oder? Oder ihren Alten? Ach so, der ist ja nicht ihr Alter, sorry, ich hab Atheismus 😉 )
Ich redete also vorsichtig mit den Schüler_innen – zum Glück nahmen sie ihn nicht wahnsinnig ernst. Sie machten sich im Gegenteil einen Spaß daraus, ihn irgendwas zu fragen, denn dann schweifte er mit Sicherheit völlig vom Stoff ab und erging sich in komplizierten Erklärungen über die Chemtrails, die Gedankenkontrolle und die Muttergottes.
Eines Tages kam er auf mich zu und bat, ob ich ihm beim Faxen behilflich sein konnte. (Ja, das gabs in den Kanzleien noch, wir reden von 2011) Er wolle sich anmelden für die Jagdprüfung, ein Gewehr habe er sich schon besorgt.
Ich fasste mir ein Herz und fragte warum. Seine Erklärung war überraschenderweise „vernünftig“: Er bemühe sich ja um eine Stelle in einer Landwirtschaftlichen Fachschule in seiner Gegend – und dort hätten alle Kollegen den Jagdschein.
(Okay, ich halt ja persönlich das Schießen, das Besitzen von Waffen, das Jagen zum Sport für eine Diagnose und nicht für ein Hobby, aber Lehrperson sein ist ja auch irgendwie eine Diagnose, hat mein Therapeuten-Kollege von der Unternehmensberatung immer gsagt, weil „jede Berufswahl ist psychopathologisch bedingt“)
Ich weiß nicht, was aus dem Sepp geworden ist, mein Aufenthalt in dieser „Anstalt“ dauerte nur ein Schuljahr.
Immer, wenn ich in den Nachrichten von einem Verbrechen mit Schusswaffen irgendwo auf dem Land in Niederösterreich lese oder höre, denke ich sofort an ihn. Denn wer weiß, was ihm die Jungfrau Maria so alles sagt, dem Herrn mit dem Gewehr. Die ist vielleicht mittlerweile etwas frustriert und mit der Gesamtsituation unzufrieden?