Die „Verlorenen Kinder“

oder: „Häuslratz zu Häuslkatz,
jedes Viech an seinen Platz“

Beer/Kutalek haben 1968 über den “Einfluss von Intelligenz und Milieu auf die Schulleistung” geschrieben (Beide haben mich später ausgebildet, wofür ich heute noch dankbar bin). Aber es gibt noch einen weiteren Einflussfaktor.

2012 -2014 Ich unterrichte in einer dritten Klasse Volksschule im 14. Bezirk – 4 Kinder haben einen “Sonderpädagogischen Bedarf”, deshalb bin ich da. Die Zusammensetzung der Klasse ist statistisch, nun ja, ungewöhnlich, weil die beiden Kinder ohne Migrationshintergrund zu meinen lernbehinderten Kindern gehören.

Ungewöhnlich ist das auch deshalb, weil einen Stock unter meiner Klasse die “anderen” Kinder unterrichtet werden. Offiziell liegt das daran, dass die Eltern unserer Kinder die Freinet- und Montessoriklassen nicht wollen. Ich habe den Verdacht, dass es daran liegen könnte, dass man, um dort beschult zu werden, an einem Elternabend teilnehmen muss, dessen Termin irgendwann an der Schultür angeschlagen wird – das können viele der Mütter gar nicht lesen, geschweige denn verstehen.
So finden sich eben alle Kinder mit Migrationshintergrund im oberen Stock.

Ein paar Kinder sind mir sehr im Gedächtnis geblieben – A. zum Beispiel. Der hat nicht einmal einen Platz, wo er seine Hausaufgaben machen kann – also macht er sie im Wohnzimmer unter dem Tisch, während der Fernseher läuft. Dementsprechend schauen sie auch aus. In die Nachmittagsbetreuung nimmt ihn die Direktorin nicht – seine Mutter ist noch in Karenz mit dem zweiten Kind, außerdem steht zu befürchten, dass er einen Freiplatz beanspruchen könnte, sagt sie. Damit meint sie, dass die Eltern nicht bezahlen können und daher die Stadt Wien einspringen müsste. A. ist nicht dumm, aber er wird nach Sonderschullehrplan unterrichtet – das wird ihm bleiben, denn er hat keine Chance.

B. ist ein fröhliches, nettes Roma-Kind. Er hat 6 Geschwister und eine weitverzweigte Familie – der älteste Bruder, der in die KMS nebenan geht, sammelt alle Geschwister vor und nach der Schule auf, bringt sie in den Unterricht, legt ihnen eine Jause, die er zwischendurch kauft, in den Spind und übernimmt eine Menge Aufgaben – daher kommt er regelmäßig zu spät. Meine Kollegin behandelt B wie Dreck. Warum er keine “gesunde Jause” mithabe, herrscht sie ihn an, wenn B. mit einem kalten Pizzastück dasitzt. Mir erklärt sie, dass „man es eben über die Kinder spielen müsse“, wenn die Eltern nicht funktionierten. Sie gibt ihm auch eine schlechte Note in “Sachunterricht”, weil er die Wochenendaufgabe, nämlich mit den Eltern die Ringstraße zu besichtigen und darüber zu erzählen, nicht erledigt hat.

C. ist Tschetschene. Er ist auffällig ruhig und spricht fast nicht. Er lässt sich auch ungern berühren. Man hat ihm den Vater vor seinen Augen erschossen. Er konnte mit Mutter und Schwester flüchten – die Mutter putzt jetzt in Büros. Von 6.00 Uhr früh bis 9.00 Uhr, und dann abends noch einmal von 18.00 – 22.00 Uhr. Er ist ein guter Schüler. Als ich meine Kollegin frage, warum sie ihm den Zettel mit der Gymnasiumsreife nicht aushändigt, sagt sie mir spitz, dass niemand von den Eltern zu ihr gekommen sei, und man müsse sie schon fragen, außerdem müsse es Handwerker auch geben.
(Ich setze in der Konferenz durch, dass der Bub seinen Zettel bekommt und falle überhaupt allgemein ungut auf . Später wird die Direktorin mir wortlos das Formular für meine Versetzung in mein Fach legen. Als ich darauf nicht reagiere, kommt sie mit dem Zettel in den Unterricht und lässt mich das Versetzungsgesuch unterschreiben, damit ich die Frist ja nicht versäume.)

2011 Ich unterrichte im Poly 4. Das Niveau ist unterirdisch. Meine Sonderschulkinder sind reizend, aber chancenlos. Hier ist die Unterschicht unter sich.

Die Nebenklasse ist eine “Sammelklasse” für Schulabbrecher – da sitzt alles drin, was es gibt. Positive Rollenmodelle gibt es nicht. Kaum einer wird eine Lehrstelle finden. Wie auch.

Auf dem Gang spricht mich ein Bub an und zeigt mir seine Wunde. “Schaun sie, Frau Susanne, Bauchstich!” Dann erzählt er mir, dass die Bande, mit der er diese “Fetzerei” hatte, ihn vor der Schule abpassen will. Ich melde das den klassenführenden Kolleg_innen. Was sie denn machen sollen, fragt die Kollegin den Kollegen – der hat eine sehr interessante Antwort: Sie würden eben beide heute hinten hinausgehen.

Überhaupt sind sie der Ansicht, dass “schwierige” Schüler besser gar nicht erst kommen sollten und freuen sich täglich, wenn diese schwänzen.
Ich fordere einen Schul-Sozialarbeiter an – was mir fünf Minuten Gebrüll, dass man das hier noch nie gebraucht hätte und eine saftige Beschwerde des dortigen Direktors bei meinem Sonderschuldirektor einbringt. (Mein Direktor hat aber Herz und Hirn, also unterstützt er mich)

Schlussbemerkung

Es sind die “verlorenen Kinder”, die ich unterrichtet habe . Es sind die, die keine Chance haben und die so weit am Rand stehen, dass sie später in den Maßnahmen landen werden, die ich Jahre vorher beschrieben habe.
Sie haben keine Chance, weil Dummheit und Borniertheit – und manchmal sogar unmaskierte Bösartigkeit – ihnen keine zweite Chance geben.

Ein Kommentar

  1. Ach Gott, wie ich das kenne. Ich habe als Stützlehrerin gearbeitet. Ich lernte meine Schüler*innen kennen und erkannte mehr und mehr den sozioökonomischen Hintergrund ihres Lebens. Die Widerstände, wie Sie sie beschreiben bestätige ich mit einer Ausnahme: richtige Bösartigkeit habe ich nicht erlebt, nur Gleichgültigkeit und Ignoranz. Sonderschuldirektor hatte ich keinen. Ich hatte ein Burnout und ging ein Jahr später aus Krankheitsgründen in Pension. Der bittere Geschmack, es nicht geschafft zu haben blieb. Viel Kraft!

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