1986 hab ich meinen Kindern das Lesen mit einem selbst geschriebenen Buch beigebracht – jeden Tag gabs einen Zettel mit der Fortsetzung. Jedes Kind kam (in Gestalt eines Tieres) vor – ich bemühte mich, jedem Tier die passenden Eigenschaften und Verhaltensweisen zu geben. So war Robert ein Igel, weil er aber haargenau so aussah (und auch ein klein wenig verfressen war), Markus war „Mrks“, weil er beharrlich seinen Namen so schrieb. Und er wurde zum Bären, weil er ein kugeliges Bärli war. Marina wurde zur Maus – und sie trug, wie im wirklichen Leben, eine Brille.
Alle Begebenheiten spielten in der Halirschgasse, auf der Alszeile und wo die Kinder eben wohnten. Es war ein klein bissl eine Herausforderung, zuerst nur die Buchstaben (und damit die Wörter) zu verwenden, die wir schon gelernt hatten.
Als ich bemerkte, dass mir die Kinder die Zettel des jeweiligen Tage vom Tisch fladerten, um sie heimlich in der Spiel- bzw. Leseecke zu lesen, wusste ich, dass ich mein Ziel erreicht hatte: Sie lasen gern und freiwillig.
Wie geht das?
- Lesen ist harte Arbeit und erfordert Übung – und es funktioniert nur, wenn die Kinder bereits phonologische Bewusstheit haben (d.h. sie müssen bei der gesprochenen Sprache wissen, ob das jetzt ein Wort, ein Satz etc. ist. Denk an Japanisch – höre einer Touristengruppe zu und versuche zu erkennen, ob das jetzt zwei Worte waren, ein Satz oder nur doch nur ein ein Ausruf….) Daher muss das gesprochene Wort „sitzen“ und es muss eine Bedeutung haben, einen Begriff. Nicht ohne Grund beginnen wir in Englisch mit Sprechen, mit Zeigen auf Bilder, mit der Verbindung von Begriff und Wort – erst danach kommen wir zum geschriebenen Wort.
- Die mangelnde Lesefertigkeit und Sprachfertigkeit der Schulkinder ist genau auf diesen Umstand zurückzuführen – für sehr viele meiner Kinder ist Deutsch nicht die Umgangssprache, es fehlen ihnen daher (auch in der Sekundarstufe) Begriffe, Bedeutungen und manchmal auch die phonologische Bewusstheit.
- Lesen darf keine bewertete Kompetenz sein – hört endlich auf, die Kinder laut vor allen anderen vorlesen zu lassen, Lesen als „Unterricht“ zu gestalten – es muss von Anfang an eine Belohnung, eine Rekreationsmöglichkeit, eine Station beim Offenen Lernen , eine Freizeit- und Abendgestaltung sein. Dazu müsst ihr natürlich aufhören, diesen furchtbaren Dreck, den es großteils als „Klassenlektüre“ gibt, zu lesen. Und später, in der Sekundarstufe, könnt ihr euch endlich mal an Autor_innen wagen die NICHT seit über 100 Jahren tot sind (Entschuldigung, hier spricht natürlich auch die Autorin aus mir. Ich hasse es ja selbst, ein Buch lesen zu müssen, das mir nicht gefällt, in das ich nicht „hineinfinde“, wo ich die Gedanken der Autorin/des Autors nicht nachvollziehen kann)

- Wir müssen die Didaktik und die Methodik also ändern – Deutsch lesen und schreiben und sprechen unterrichten wie es uns die „Sprachler“ seit Jahrzehnten vormachen.
Wenn du mir jetzt nicht glaubst, dann lies „laut bitte! Und deutlich!“ diesen Text – und dann sag mir, ob du weiterlesen würdest, zu Haus, im Bett, unter der Tuchent……(wenn du Sprachler_in bist und sowieso Englisch unterrichtest, scrollst jetzt einfach drüber, okay? 😉

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……und worum gehts eigentlich ? Los, fass das zusammen!
Ich denke, du hast etwas bemerkt. Dir fehlen Vokabel – und nicht nur die, sondern dir fehlen auch die Begriffe dazu. So gehts deinen Schüler_innen jeden Tag.
Schad, das Buch wirst nicht gern lesen, oder? Dabei ist das „The Count of Monte Cristo“, und da könntest in der Geschichte versinken, sie würde dich entführen und dich zum Denken und Träumen anregen….in der Nacht trösten und du würdest über das Leben nachdenken und etwas für dich daraus mitnehmen…aber nein, du wirst es hassen. Das Vorlesen vor der Klasse. Wie alle lachen, wenn du etwas falsch aussprichst. Wie deine Lehrkraft dich tadelt…….
[…] so begeistert lernen, so unbelastet versuchen und scheitern und wieder versuchen. Zum Lesen lernen( Lesen lernen, Deutsch lernen ) schrieb ich ihnen eine Fortsetzungsgeschichte – „Robert der Igel und Mrks, der […]
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