Der Anfang

1986, Volksschule im 17. Bezirk

Ja, da schüttelt ihr den Kopf, was? Da wart ihr vielleicht noch gar nicht geboren oder selbst noch Schulkinder.

Jedenfalls war das meine erste richtige Stelle – zuerst war ich Springerin, sowas gabs damals noch. Da nahm man die Jungen, also die mit der wenigsten Erfahrung, und steckte sie tage- oder wochenweise zu immer wieder neuen Kindern, deren Lehrer_innen krank waren.
Das ist die wohl denkbar ungünstigste Lernsituation für jede_n Frischgfangte_n. Stellt euch das in einer Firma vor – „So, Frau Dings, sie gehn heut zum Schlichten in den Trockengang. Morgen dann in die Feinkost und den Rest der Woche wiss ma noch nicht. Is leider keiner da, der ihnen was zeigen könnt, aber sie ham das ja glernt, oder?“

Ich hatte Glück. Ich war aufgefallen und kam in den Schulversuch „Offenes Lernen“. Teamteaching, Wochenpläne, Berücksichtigung der Neigungen, Fertigkeiten und des Tempos der Kinder. (Das, was heute als „Offenes Lernen“ gehandelt wird, ist bloß eine pervertierte Fassung davon. Ich sag nur: Buchstabentag)

– wie Seel und Roth („Allgemeine Unterrichtslehre“) schreiben
der Mensch kann sein Tun ausrichten nach Zielen, die er durchdacht, verstanden und für die er sich entschieden hat“ und viel später, schon in der Wirtschaft, hörte ich Sprenger („Mythos Motivation“)
„Wer keine Gewalt über seine Wünsche und seine Zeit hat, ist keine Person, sondern Personal.“

Nie mehr sah ich Kinder so begeistert lernen, so unbelastet versuchen und scheitern und wieder versuchen.

Zum Lesen lernen( Lesen lernen, Deutsch lernen ) schrieb ich ihnen eine Fortsetzungsgeschichte – „Robert der Igel und Mrks, der Bär“, jedes Kind war ein Tier, ihre Abenteuer erlebten sie im Park vor der Schule. Jeden Tag gabs einen neuen Zettel – den bekamen sie einfach im Morgenkreis. (Ihr Jungen habt keine Ahnung, was das für eine Sch….hacke war, die Zettel mit der Matrizenmaschine zu vervielfältigen! Jaaaa, das war vor den Kopierzeiten in der Schule! Googelt das Teil mal!)

Lesen lernen ist wie Stricken lernen – mühsam. Anstrengend, Tränen in die Augen treibend und frustrierend. Wenn man nicht genug übt, gelingt es einem nicht gut und – es macht keinen Spaß.

Lesen muss aber Spaß machen, es ist eine Belohnung, eine Freizeitbeschäftigung, eine Rekreationsmöglichkeit für den Geist, öffnet Fenster in die Welt und – bildet auch noch. 😉

Was taten die Kinder? Sie fladerten mir die Zettel gleich in der Früh vom Lehrertisch, um sie heimlich in der Spielecke oder in der Leseecke zu lesen.
(„Mission accomplished“, würd der Cruise Tom sagen. Zu Ostern konnten alle fließend – und sinnerfassend – lesen)

Ich habe dort sehr viel gelernt und viel gesehen. Dazu ein andermal mehr.

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