20.Kapitel. Wie sehr „besondere“ Bestimmungen sehr besondere Dinge hervorbringen. Die AMS Maßnahmen für Jugendliche von 1999 – heute. (Bachelorarbeit anbei) Special: Das besonders begabte bfi.

Wer jetzt bei „besondere Dinge“ an irgendwas total Abartiges denken musste, liegt nicht ganz falsch.

Aber der Reihe nach. Der besondere Platz für besonders eigenwillige Trainingsanbieter ist: Das AMS.
1998/99 wird etwas sehr Wichtiges beschlossen: Das Jugendausbildungs- und Sicherungsgesetz, kurz JASG. In Wien stehen sonst etwa 3000 Jugendliche nach der 9. Schulstufe auf der Straße, weil es zu wenige Lehrplätze gibt und diese Jugendlichen größere und kleinere, aber im Normalfall größere Defizite haben. Lerntechnisch, sozial, sozioökonomisch, kulturell.
Das bedeutet, dass ein Großteil gar keine richtige Lehrausbildung durchhalten würde.
Die Intentionen sind gut, die Durchführung – vorerst – auch.
1999 bin ich als Trainerin in einem der ersten BOCO dabei, einem 6wöchiges Programm, in dem wir versuchen, für möglichst viele von diesen Kids einen Ausbildungsplatz zu finden und den Rest auf die, ebenfalls vom AMS bezahlten und von ein paar Maßnahmenträgern angebotenen „Ersatzlehren“ zu verteilen. In diesen „Ersatzlehren“ bilde ich die Kids später ebenfalls aus.

Damals gibt es noch ganz wenige Anbieter, die aber von ihrem Geschäft etwas verstehen und die für die Jugendlichen wirklich ein Segen sind.
Mein Auftraggeber ist „Weidinger & Partner“, wir arbeiten am Mexikoplatz in einem früheren Bürogebäude.

Damals wie heute ist dieses Unternehmen das einzige wirklich anständige.
Und zwar anständig zu den Kids und anständig zu uns. (Ich habe in den nächsten 9 Jahren ausreichend Gelegenheit dies zu überprüfen und verfasse meine Bachelor-Arbeit 2008 darüber, warum die Ausbildungsmaßnahmen ihr Ziel nicht erreichen. Ja, ich setze mich 2008 und 2009 wieder auf die UNI, ich hab noch immer nicht genug offenbar, wozu gibts Abende, Nächte und das Wochenende)

(Für Interessierte hier der Downloadlink. Das mit dem Arbeitsunterricht musste ich reinbringen, weil ich ja in einem Fach schreiben musste, und da bot sich Technisches Werken an, wegen der lieben, großartigen und wunderbaren Prof. Schabauer. )


Die sonderbaren, äh, besonderen Bestimmungen und die sonderbaren, oh, besonderen Dinge aber sind diese (ganz genau stehts in der Arbeit, siehe dort) :

  • Ausbildungsinhalte werden von irgendwelchen Leuten aus dem AMS festgelegt. Dies sind alle Dinge, die über die von der WKO festgeschriebenen Lehrinhalte des jeweiligen Berufs hinausgehen/diese ersetzen/diese negieren etc. Wenn ich „irgendwelche Leute“ schreibe, ist das die höflichste Form, die mir einfällt, ohne verklagt werden zu können
  • Es gibt zwar genaue Vorschriften, was zu lehren ist, die Ressourcen dazu gibt es aber nur auf Eigeninitiative der Maßnahmenträger. Deswegen hat Weidinger einen Friseursalon, eine bzw mehrere richtige Werkstätten, eine richtige Großküche, einen richtigen Kosmetiksalon etc – die anderen haben oft nur Unterrichtsräume, die Kids lernen dort genau gar nichts. Am BFI kann man damals so zwar KFZ Mechaniker:in lernen, aber leider, leider, nie einen Ölwechsel durchführen, weil der Standort die Bewilligung für einen Ölabscheider nicht hat. Drum rasseln die Kids dann durch die Lehrabschlussprüfung, weil sie viele Sachen nie gesehen und natürlich nie gemacht haben. Die AMSen schreiben aber z.B. genau vor, dass Bilder an den Wänden zu sein haben, damit es freundlich wirkt.
  • Die irgendwelchen Leute vom AMS haben von Unterricht genauso viel Ahnung wie von den Lehrausbildungen, daher gibt es so tolle Anweisungen wie: Es ist untersagt, während der 8 Stunden Unterricht in den Park zu gehen und Ball zu spielen etc etc.
  • Die Kids bekommen 150,- Euro in den ersten beiden Lehrjahren, im dritten dann 250,-
    was den Zusammenhang zwischen Lohn und Leistung ein wenig schwierig macht, weil viele Anbieter gar nichts produzieren, wir alle nichts verkaufen dürfen und die Jugendlichen nur für die Anwesenheit bezahlt werden. (Oder auch nicht – Weidinger erfindet wenigstens ein System, bei dem Fehltage abgezogen werden können, ebenso Fehlzeiten.)
  • Wer in den Ausbildungen trainieren/ausbilden darf, wird durch die Leute in der Vergabeabteilung bestimmt. Die haben höchst eigenwillige Kriterien. Irgendein Studium ist gleich viel Punkte wert wie eine Lehrausbildung beim Penny, eine Lehrberechtigung, ein Abschluss in Sozialer Arbeit ist gleich viel wert wie der unselige „Lebens-und Sozialberater“
    (Ich vermute sehr stark, dass, siehe ein Kapitel vorher, einige von denen Teilnehmer:innen in diesen Ausbildungen waren. In den folgenden Jahren machen auch viele ernsthafte Trainer:innen diese Taschlzieherei-„Ausbildung“ nach, weil sies leid sind, den erkenntnisresistenten AMSen dauernd ihre wesentlich bessere und deutlich seriösere Qualifikation erklären zu müssen. (Sie haben sie selbst und drum ist die supi. Oder so)
    Ich muss die „Lehrlingsausbilderprüfung“ nachholen, sonst darf ich nicht ausbilden. Darf ich später so und so nicht mehr, weil ich „keine abgeschlossene Lehre“ habe. Na zum Glück rennen bei uns ein paar rum, die Einzelhandelskauffrau oder Bürokauffrau irgendwo gelernt haben – die dürfen das statt mir. Mit einem Trainer:innenkurs, (damals fast ohne Vorgaben, heute mit den Vorgaben des bestschmierenden Anbieters.)
  • Eingesetzt werden darf nur jemand, der genau in einer solchen Maßnahme bereits Berufserfahrung hat. Nicht in diesem Beruf, in so einer Maßnahme. Das führt dazu, dass immer dieselben Leute als Trainer:innen eingereicht werden und ein Wechsel nahezu unmöglich ist. Wenn Ausbildungsmaßnahmen gestrichen werden (was immer wieder vorkommt) können manche Kolleg:innen nicht mehr arbeiten – weil sie ja für Erwachsene im AMS Kontext noch nie etwas gemacht haben. Wir reden uns den Mund fusselig bei den AMSen. Sie wollen (oder können?) diesen Zirkelschluss nicht begreifen.
  • Wenn andere Institute zu viele Jugendliche vermitteln, wird der Kurs zusammengelegt und die Trainer:innen sind arbeitslos. Damals sind alle noch selbständig bzw. scheinselbständig.
  • Dasselbe gilt für die Anbieter. Wenn das AMS einen Kurs oder eine Maßnahme nicht mehr zuteilt, werden ganze Standorte geschlossen und die Trainerinnen sind ohne Job. Als sie dann später angestellt werden müssen, werden sie regelmäßig beim AMS vorangemeldet. Wer kann, sucht sich einen anderen, sicheren Job, wer das nicht kann, ist jetzt selbst arbeitslos. Wenn selbständig, nicht einmal das.
  • Von Jahr zu Jahr müssen alle zittern, wer welche Ausbildungen zugeschlagen bekommt. Da die Kriterien offiziell 50% Konzept und 50% Preis sind, das Konzept aber minutiös von den AMSen vorgeschrieben ist, beginnt eine Preisspirale abwärts. Innerhalb von 5 Jahren halbieren sich die Preise in den Angeboten zu den Ausschreibungen.
    2022 liegt der Stundenlohn für eine akademisch gebildete Person bei einem Drittel des früheren. Mit Trainer:innenausbildung, Gender-und Diversityzertifikat sowie dem Nachweis eines Einsatzes im AMS Umfeld bekommen die Neuen jetzt 14 Euro/Stunde. Brutto.

Die Raubritter sind nämlich da. Institute schießen aus dem Boden und unterbieten fröhlich alle anderen. Im Hintergrund wird geschachert, was das Zeug hält.
Ausbildung ist plötzlich einfach: Ein Geschäft.

Viele der gut ausgebildeten und erfahrenen Kolleg:innen lassen diesen Wahnsinn sein oder machen nur mehr ausgewählte Dinge. Ich bin (weil keine Lehre gemacht, eh schon wissen) als Sozialpädagogische Betreuung eingesetzt oder mache „Train the Trainer“. Auch als Lehrerin darf ich eingesetzt werden, den Kindern stehen 5 zusätzliche Stunden Förderunterricht zu. (Außerdem mache ich als selbständige Unternehmensberaterin wieder kleine Projekte, für die ich nicht so oft wegfahren muss).

So lerne ich im Laufe der Jahre die anderen Anbieter kennen. Ich bin „Senior Expert“, weil so viel Erfahrung in AMS Projekten, habe durch meine Ausbildung 10 Punkte und werde daher sehr gern „eingereicht“. Die allermeisten bereuen das später bitter, ich überwerfe mich immer wieder mit fachlich und menschlich unfähigen Projektleiter:innen und gehe einem Kollegen vom bfi, der aus berechtigtem Ärger über seine Behandlung auf Anstellung klagt, auch als Zeugin vorm Arbeitsgericht.
Dort behauptet die PL dieses bfi Standortes, wir (bzw. der Kollege) hätten die (eloxierten) Namensschilder bei unserem Büro „selbst angebracht“, ebenso hätte der Kollege den Schlüssel zum Büro „irgendwie an sich gebracht“ und überhaupt hätten wir völlige Freiheit gehabt, mit den Jugendlichen Ort und Zeit des Unterrichts auszumachen.
Ich weise darauf hin, dass die Ausschreibungsbedingungen des AMS, gerade was Anwesenheit, Unterrichtserteilung etc betrifft, ganz anders lauten würden und wo genau man diese finden könne.
Die PL lügt mit Dreistigkeit, aber auch mit so viel Blödheit, dass sich die Beisitzer bald winden vor Unmut.
Ich frage die Richterin, ob sie sicher ist, dass wir nicht bei „Alice im Wunderland“ sind. Sie sagt, sie ist sich grad auch nicht sicher.
Das Verfahren gewinnt der Kollege zwar, allerdings genehmigt sich das bfi 5 Jahre lang Einsprüche (letztendlich sicher unser aller Steuergeld), bis ich noch einmal, diesmal vor dem Bundesverwaltungsgericht, ein letztes Mal aussagen muss.



Doch nicht nur die Raubritter sind da, sondern auch die – siehe voriges Kapitel – die gelangweilten Hausfrauen mit zu viel Kohle und zu wenig Ausbildung.
Sorry, das stimmt so nicht. Gelangweilt sind sie nicht mehr, sie stehen vor Jugendlichen und bringen ihnen irgendwas in einem Berufsfeld bei, das sie selbst kaum schreiben können. Kohle habens auch keine mehr, die hat jetzt ihr Ausbildungsinstitut und jetzt befinden sie sich im Prekariat, weil sie ja nirgendwo anders als Trainerinnen arbeiten können.

Sie sind viele. Voller Glück verbreiten sie ihre wahnhaften, esoterischen Ansichten und machen eine Menge Unsinn. Eine Kursleiterin – erraten, bfi- erklärt mir, nachdem ich beim Förderunterricht bemerkt hatte, dass ein Bub eine progressive Netzhautablösung hat (er wollte eine Leselupe, bald werde er blind sein, erklärte er mir, das habe der Arzt gesagt) dass sie das eh wüsste und dass der Bub jetzt eh einmal in der Woche zu einer von ihr vermittelten Kinesiologin gehe, die mache was für ihn.
(Ich habe heute noch, so viele Jahre später, einen Blutdruck von 320, wenn ich nur daran denke)
Aber die Esoschnecken sind gut im Geschäft. Sie haben Rückhalt bei den Projektleiter:innen, sind sicher dankbar, dass irgendwer sie beschäftigt und – die bleiben.

Die Train the Trainer Ausbildungen, die verpflichtend sind und die Gender- und Diversity Zertifikate, die (ein Hoch auf das erfindende Marketier!!!!) nur zwei Jahre gültig sind, dann müssen sie erneuert werden, füttern wieder andere Institute. Was genau die Inhalte sind, steht wortgleich dann in der Ausschreibung und auf der Homepage des Instituts.

Je nach Seriosität des Institutes müssen die neuen Trainer:innen bei einem bestimmten Anbieter die vorgeschriebenen Ausbildungen machen (das ist häufig und teuer), oder diese werden intern gemacht, zu einem kollegialen Preis. (selten)

Jedenfalls passen die Mitspieler:innen bestens zueinander:
Die AMSen sind planlos, aber *hüstel* „empfänglich“, die allermeisten Anbieter völlig schamlos und bar jeglicher ethischer Schranke, viele der noch vorhandenen Trainer:innen für ein schlechtes System von eben diesem schlecht ausgebildet, aber beruflich alternativlos.

Übrig bleiben die Jugendlichen, die eine „Ausbildung“ bekommen, die ihnen nichts nützt.
Aber sie lungern nicht auf der Straße rum, ich weiß. Das scheint ja zu genügen.

P.S Bevor ihr mich anschreibt und fragt, ob den AMSen nie aufgefallen ist, dass viele quasi eine rein theoretische Ausbildung machen – ja ich weiß nicht. Aber ich weiß, dass es immer wieder Kontrollen gab. Ob eh der richtige, bei der Ausschreibung gemeldete Mensch vor der Gruppe steht. Ob die Aufzeichnungen alle stimmen….(Ich wurde oft genug kontrolliert)

Aber ob denen auffallen konnte, dass die Köche nicht kochen können, die Frisöre nicht frisieren und die Mechaniker nicht reparieren – weil es gar keine Küche gab, keinen Frisierstuhl etc und keine Werkstatt, wage ich nicht zu sagen. Denkt euch euer Teil einfach, die Institute existieren ja immer noch.

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